Querschnitt mit Tradition
Die Große Schwäbische Kunstausstellung bietet als verlässlicher Marker ein breites Spektrum zeitgenössischer Kunst aus der Region.
Ein aus simplen Rohren baugerüstartig zusammengefügtes Gestell auf Rädern, ein eingelegter Bretterboden. An und auf diesem spröden Gefährt findet sich eine Vielzahl von Objekten – ein Kaleidoskop der verschiedenen Facetten des Lebens, auch des Überlebens, deren Bedeutung sich teils offenbart, teils aber bewusst verborgen bleibt. Nina Zeilhofer, Trägerin des diesjährigen Kunstpreises der Stadt Augsburg, hat an diesem mobilen Ort Dinge zusammengetragen, die persönlich sind, Statements, doch auch praktisch und allgemeingültig: Von einer Hängelampe (theoretisch) beschienen, entdecken wir Filz und Fell, ein Notizbuch, ein Likörglas, eine Distel, aber auch nicht direkt einzuordnende Relikte. In dieser matt dunklen Umgebung leuchten ein roter Hagebuttenzweig und eine goldschimmernde Rettungsdecke umso mehr. Zeilhofers »Survival Space (Über)Lebensraum« kann als Raum gelesen werden, ist jedoch zugleich eine Art Notfall-Gepäck und auch eine persönlich-poetische Wunderkammer, ein Erinnerungsspeicher. Vor allem zeigt die Künstlerin hier die existenzielle Bedeutung von Kunst. Dies wird nicht zuletzt durch den expliziten Verweis auf Eva (Hesse), Niki de Saint Phalle, Louise (Bourgeois) manifestiert, letztere markant mit dem Zitat »Art is a Guaranty of Sanity« gewürdigt. In ihrer Installation voll karger Poesie offenbart sich die Zeilhofer – scheinbar? – doch wahrt sie stets die Distanz des künstlerischen Transfers.
Eine derartige melancholische Skepsis ist bei vielen der gezeigten Arbeiten zu beobachten – wenig verwunderlich in diesen Zeiten. Gertrud von Winckler verbindet schwarze Kunststoffnetze zu einem kompakten »Dark Net«, eine trügerisch ästhetische Angelegenheit, die nicht nur auf unsere Kommunikation Bezug nimmt, sondern in ihrer Materialität und Tiefenschwärze auf die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen verweist. Liliana Mesmer dekonstruiert in ihren über die Wand wandernden kristallinen Strukturen die Natur, Andrea Sandner zeigt uns gemalte Horizonte, die, sorgfältig zerlegt in farbige Streifen, reine Abstraktion werden. Eine Entfernung von der Natur durch die Reduktion auf Strukturen und Grundmuster ist auch in Erika Kassnel-Hennebergs Videoarbeit »Homunculus« erkennbar. Die wechselnde Abfolge verschiedenster Gesichter präsentiert keine echten Menschen, diese Porträts sind konsequent KI-generiert.
Nicht immer richtet sich der Fokus auf das große Ganze, auch im Persönlichen kann sich das Gesamte widerspiegeln. So abstrahiert Christine Reiter im golden schimmernden Transferdruck Fotos aus ihrem Elternhaus und führt so ganz persönliche Eindrücke in einen allgemein gültigen Kontext. Sehr viel goldener geht Ting Tan-Meyerhofer zu Werk, deren Fragen und Ängste angesichts der vielfältigen Bedrohungen schließlich in »Eine prächtige Antwort« mündeten.
Im nächsten Jahr findet die »Große Schwäbische« zum 75. Mal statt – zweifellos eine Traditionsschau, zu der viele Künstler*innen der Region regelmäßig eine Arbeit einreichen. Im Lauf der Zeit verschob sich zwar das Geschlechterverhältnis (aktuell sind von 69 beteiligten Kunstschaffenden 43 Künstler*innen), doch ein Blick in den Katalog offenbart auch, dass die Teilnehmenden durchweg in den 1950er und 1960er Jahren geboren sind. Junge Künstler*innen fehlen, das Ausstellungsformat ist erkennbar kein Forum für junge Positionen, sondern eher eine Plattform reiferer Künstler*innen. Wie sieht unter dieser Prämisse die Zukunft der »Großen Schwäbischen« aus. Wie viel Innovation könnte von diesem Traditionsformat ausgehen?
Der Umzug in die Halle 1 des Glaspalastes ermöglichte durch den enormen Gewinn an Raum, Licht und Weite eine luftigere Präsentation, wodurch sich der Charakter der Ausstellung deutlich wandelte. Der früher auch visuell vermittelte Schwerpunkt einer Verkaufsausstellung wich seit diesem Schauplatzwechsel einer nachdrücklich musealen Anmutung, die der Kunst ungeheuer guttut, jedoch den für alle Beteiligten wichtigen Aspekt des Kunstverkaufens bzw. -kaufens ein wenig verschleiert. Also sei hier noch einmal darauf hingewiesen, dass die ausgestellten Arbeiten erworben werden können und sollen! Interessent*innen wenden sich an das BBK-Büro. Dies geht ganz einfach: KunstKaufKarte in der Ausstellung ausfüllen und in die Losbox werfen.
Noch bis zum 8. Januar 2022 in der Halle 1 im Glaspalast, Führungen am 10. und 17. Dezember und am 7. Januar, jeweils 15 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
www.kunst-aus-schwaben.de
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
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