Anyone can play the guitar
Interview mit dem Brechtsfestivalleiter Julian Warner.
Der Festivaljahrgang 2023 ist ein besonderer. Am 10. Februar jährt sich Bertolt Brechts Geburtstag zum 125. Mal. In diesem Jubiläumsjahr geht Julian Warner als bisher fünfter Festivalchef an den Start. Die Erwartungen an ihn sind hoch. Zeit für ein Gespräch mit a3kultur. Lisa McQueen und Jürgen Kannler haben sich Mitte Dezember, zwei Tage nachdem Warner sein Festivalkonzept der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, im Kaffeehaus Kätchens mit Warner getroffen. Der dabei entstandene Film von Martin Pfeil ist seit Anfang des Jahres auf www.a3kultur.de zu sehen. Er war die Basis für dieses Interview.
a3kultur: Du platzierst den Schwerpunkt des Festivalprogramms in den Augsburger Stadtteil Lechhausen, ein Arbeiterquartier. Wie viel Arbeiterkind steckt eigentlich in dir?
Julian Warner: Gar nicht so viel, muss ich gestehen. Habituell bin ich ein sehr bildungsbürgerlicher Typ. Meine Eltern, die Mutter aus Jamaika, der Vater aus Malaysia, haben sich in der britischen Armee kennengelernt. Meine Mutter war Offizierin, mein Vater ein Wachsoldat. Vielleicht zählt dieser Rang ja irgendwie zur Arbeiterklasse.
Was macht dich zum besten Brechtfestivalleiter aller Zeiten?
Ich wäre zufrieden, der Zweitschlechteste in dieser Reihe zu sein. Nicht der Schlechteste, aber ich muss auch nicht der Beste sein.
Wie gehst du Dinge an?
Egal, was ich bisher schon alles gemacht habe – und ich habe schon eine Menge Dinge gemacht, war Türsteher, Kulturantrophologe, Barkeeper oder Musiker – ich bin immer mit der Einstellung eines Dilettanten an die Sache herangegangen.
Du zählst dich also zur Schule genialer Dilettanten?
Das waren Bands wie die Einstürzenden Neubauten und Künstler*innen, Designer*innen oder Filmemacher*innen, die in den 80er-Jahren für Aufsehen sorgten.
Mich fasziniert das Credo »Anyone can play the guitar«. Da steckt die Verheißung drin, dass ich mich vom Kanon abwenden kann. Für mich heißt das auch, ich kann zu dem, was ich tue, Distanz haben, tue es aber immer emphatisch. Anders ausgedrückt: Andere wissen vielleicht bei verschiedenen Dingen besser Bescheid als ich, oder sie können generell manche Dinge besser. Aber nur ich kann diese Dinge auf meine Art machen.
Ist das dein Angebot für Menschen aus Milieus, für die bisher keine Angebote gab, sich ans Festival anzudocken?
Genau. Und das Beste ist, sie müssen nicht einmal etwas mitbringen. Es geht um ihre alltäglichen Kämpfe. Kunst ist dabei keine Lösung und kein Ersatz für Politik. Aber mit Kunst kann ich einen neuen Raum aufmachen. Zum Beispiel um Kraft zu tanken und Dinge anders zu sehen.
Mit diesem Angebot willst du die jungen Lechhauser*innen zu deinem Festival abholen?
Ich wurde als Experte schon zu einigen Öffnungsprozessen geladen. Das Problem dabei war immer das Thema audience development. Das ist auch bei uns die Frage. Wie kriege ich die Lechhauser*innen dazu, den Weg mit uns zu gehen? Wir möchten mit dem Brechtfestival nun einen neuen Weg gehen und dabei Dinge unterstützen, die schon geschehen. Es geht nämlich nicht darum, was mir gefällt, was mein »heißer Shit« ist. Es geht darum, möglichst diverse Gruppen zu finden, die sich gemeinsam mit uns auf den Weg machen und dann, in drei Jahren vielleicht, eine Bank gründen.
Oder ausrauben?
Wer ist Brecht für dich, außer dem Typ, der in den nächsten Jahren die Miete für dich bezahlt?
Es ist sehr viel mehr als nur die Miete …
Zuerst einmal ist Brecht – jemand, der mir unsympathisch ist. Ein Mensch, der so viel hinterlässt, ist mir suspekt. Als die Zusage für den Job des Festivalleiters kam, habe ich mir erst einmal die Gesamtausgabe geleistet. Die Bände stehen nun in meinem Atelier, und wenn ich ein Zoom-Meeting habe, bilden sie den Hintergrund.
Ich habe den Druck von Seiten der Stadt gespürt, zu liefern. Ich tat mich aber damit schwer. Es gibt, gerade auch in Augsburg, so viele Expert*innen zu seiner Arbeit. Wie aber finde ich meinen Zugang zu Brecht? Das war die Frage. Was ich bisher zum Thema mitbekommen habe, meist von engagierten, sozialdemokratisch sozialisierten Deutschlehrer*innen, half mir da nicht wirklich weiter. Sie haben mir Brecht als den großen Moralisten erklärt. Die »Keuner«-Parabeln fand ich schrecklich.
Du wurdest Leiter des Brechtfestivals, ohne Brecht zu mögen. Das ist zumindest mal ein ganz neuer Ansatz. Wie kommt man aus so einem Dilemma?
Irgendwann habe ich verstanden, dass es sich lohnt, wenn man Brechts Innovationen und Herangehensweisen nicht als Doktrin ansieht. Mir hat der Band »Brecht und die Zukunft« von Fredric Jameson sehr bei diesem Prozess geholfen. Jameson entreißt Brecht den gutmeinenden Intellektuellen. Leider ist die deutsche Ausgabe vergriffen. Alles, was noch zu haben war, habe ich aufgekauft.
Seinen Marxismus, seine Regeln, seinen Verfremdungseffekt, das alles finde ich auch anderswo. Den V-Effekt in der Psychoanalyse zum Beispiel.
Heute halte ich es mit Brechtexpert*innen aus der DDR: Sie beschlossen schon bei ihrer Jahrestagung 1983, dass lange genug über sein Werk gesprochen wurde, von nun an solle man beginnen, über das Wie zu sprechen. Da merkte ich, so unwissend stehe ich gar nicht da. Ich komme mit ganz viel, und andere auch. Das war der Türöffner.
Nun wird klarer, was du in der Pressekonferenz mit der Aussage gemeint hast: Das, was ist, ist das Entscheidende, nicht das Wie. Aber nachdem du sämtliche Exemplare von Jamesons Werk aufgekauft hast, werden wir nie kontrollieren können, ob das stimmt, was du da sagst.
Weißt du was, ich schenke dir eine Ausgabe. Geschenke und Schulden sind sehr gut. Damit baut man Beziehungen auf.
Was gibt es über Fredric Jameson sonst noch zu sagen?
Er ist wirklich schon alt. Er hat nicht nur vor 25 Jahren den Band »Lust und Schrecken der unaufhörlichen Verwandlung aller Dinge: Brecht und die Zukunft« vorgelegt. Heute gilt er auch als ein Urvater des utopischen Denkens in der Science-Fiction. Einem Denken, das eingreifen möchte.
Viele einflussreiche Autor*innen des SF-Genres beziehen sich auf seine Arbeit oder haben sogar bei ihm studiert. Der bekannteste dürfte Kim Stanley Robinson sein, der Autor von »Das Ministerium für die Zukunft«.
Für uns heißt das eingreifende Denken: Aktiv sprechen und Dinge zum Vergehen bringen; sich mit der Frage beschäftigen, wie können wir die Dinge verändern? Wir können über unsere eigene Abschaffung oder die Abschaffung des Festivals sprechen. Oder wir können das Theater zur Disposition stellen.
Diese Diskussion zeigt Wirkung. Dein Festivalkooperationspartner André Bücker vom Staatstheater schafft als Intendant des Hauses schon mal den Brecht als große Inszenierung auf seinen Bühnen ab. Das wurde vonseiten der Presse – auch bei deiner Pressekonferenz – scharf kritisiert. Hat dich diese Diskussion eigentlich gestört?
Nein, ich bin Kulturanthropologe. Das gehört alles dazu. Diese Kämpfe gehen mir sehr nah. Ich komme von außen und kann eine gewisse Dynamik erzeugen, habe aber keinen kulturpolitischen Auftrag, Probleme zu lösen.
Wenn Leute angegangen werden – physisch oder materiell – weil sie ihr legitimes, demokratisch garantiertes Recht in Anspruch nehmen, ihre Meinung darüber äußern, wie Kultur in Augsburg aussehen soll, nehme ich so etwas wahr. Ich nehme wahr, dass ein Diskurs nicht möglich ist – die Polis nicht funktioniert. Als Brechtfestivalleiter kann ich Starthilfe geben, dass diese Polis wieder ins Rollen kommt. Ich verstehe ein Festival als Raum, um anders miteinander sprechen zu können.
Die mangelnde Vernetzung des Brechtbüros hinein in die Stadtgesellschaften gab in den letzten Jahren immer wieder Anlass zu scharfer Kritik. Nun wird das Büro endlich verstärkt. War das eine Forderung von dir, bevor du den Vertrag unterschrieben hast?
Mein Wunsch ist, wenn ich nach drei Jahren gehe, dass der Spirit bleibt. Ich wünsche mir eine Verzahnung zwischen Stadtgesellschaft und Festival, die sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Dafür brauchen wir ein verstärktes Brechtbüro. Mit Support durch das Kulturreferat und den regierenden Fraktionen haben wir diese Verstärkung bekommen.
Man sagt, du hast mit Arbeitsbeginn auch eine Liste von einem Bürger zugeschickt bekommen, in der genau aufgelistet ist, was du als Festivalchef alles zu tun hast. Ist die Liste denn schon abgearbeitet?
Ich bin mir gerade nicht sicher. Müsste sie wohl noch einmal ansehen. Ich wurde aber auch schon einige Male auf der Straße von Passanten aufgehalten, die mir erklärt haben, was ich zu machen habe.
Augsburger*innen können fordernd sein.
Ja. Und leidenschaftlich. Es ist schon ein Privileg, an etwas herumdoktern zu dürfen, das vielen so wichtig ist.
Brecht ist aber auch ein Minenfeld.
Es ist Kulturpolitik!
Du hast Wrestling ins Programm genommen. Warst du schon mal in einem Ring oder als Kämpfer in der Gasse hinter dem Club?
Mein Dad hatte schwarze Gürtel in Aikido und in Taekwondo. Das ist ein Familiending. Sein Onkel ist auf einem Frachter von Malaysia nach Japan gereist, um dort Aikido zu lernen. Komme ich also aus einer Familie von Kämpfern? Ja! Bin ich ein Kämpfer? Nein!
Bist du jemand, der anzugreifen weiß?
Ich lerne es. Muss es lernen. Aber Aggressionen kommen mir nicht leicht. Sie sind aber was Positives. Es steht auf meiner To-do-Liste des Lebens ganz oben, das einzuüben.
Da hast du dir ja einiges vorgenommen.
Letzte Frage: Was sollte sich Augsburg selbst zum 125. Geburtstag von Bert Brecht schenken?
Ein Kulturzentrum in Lechhausen.