Das Chaos aufgebraucht
Brecht wird durchbuchstabiert, wird ausbuchstabiert, wird umbuchstabiert …
Zwischen 2006 und 2008 war Albert Ostermaier, Leiter des ABC-Festivals – Augsburg Brecht Connected. Für unsere Sonderveröffentlichung zum 125. Geburtstag von Bert Brecht schrieb Ostermaier das Gedicht »nachsicht«. Auch hierfür – herzlichen Dank. Ein Beitrag von Peter Bommas. Interview: Jürgen Kannler
Brecht wird durchbuchstabiert, wird ausbuchstabiert, wird umbuchstabiert …
Mit dem Wechsel zur »Regenbogenkoalition« unter OB Wengert (SPD) mit der Kulturreferentin Eva Leipprand (Grüne) erfolgte eine Neuorientierung der »Brechtpflege« (schon dieses Wort verursacht Übelkeit), eine Verlagerung der Feierlichkeiten in die Sommermonate mit Bestellung einer für drei Jahre festgelegten von außen kommenden, kuratierenden Festivalleitung mit größerem Kuratierungsradius und neuem Etat. Nach den jahrelang ziemlich gleichförmig gestalteten, mit überwiegend lokalen/regionalen Akteuren/Gruppierungen (Stadttheater, Brechtkreis, freie Theatergruppen, Uni Augsburg) besetzten »Literaturreihen« gelang 2006 mit der Bestellung des europaweit vernetzten Theaterautors, Regisseurs und Schriftstellers Albert Ostermaier ein großer Wurf: Das abc Festival! augsburg brecht connected.
Brecht besetzt die Stadt, und die Stadt, sie taumelt, sie träumt – für ein paar Tage!
Die Augsburger Innenstadt zwischen Stadttheater, Augustanasaal, Filmpalast und Komödie, zwischen Lechviertel und Rosenaustadion wurde für eine Woche zu einer großen Brecht-Schaubühne, zu einer Diskussions- und Entertainmentmeile, zu einem Versuchslabor in Sachen Brecht. Und die Stadtgesellschaft war da, jeden Tag, jeden Abend, jede Nacht: Reimen, Stehlen, Essen, Trinken, die Brecht-Sau rauslassen – es war ein literarisch-musikalischer Plärrer für ein Publikum quer durch die Generationen. Damals hat Brecht Spaß gemacht, so unseriös, so unakademisch, so popkulturell aufgeladen, Brecht nicht als kultureller »Pflegefall«, vielmehr als sinnliches Vergnügen jenseits von Theoriehuberei und literarischer Boheme. Ostermaier hat alles mitgebracht, was damals in Popliteratur, Poetry-Szene, Theaterei und Brecht-Neudenkerei zwischen Berlin und München rumschwirrte. Und sie haben alle mitgemacht, mitgefeiert, mitgetrunken, mitgebrechtet. Ja sogar im Rosenaustadion ein Fußballturnier zur Feier von Brecht, dem Sportfan – die Brecht Boyz aus Augsburg setzten sich gegen die FCA-Traditionsmannschaft und das Literatenteam durch – eine coole Nummer, bei der Ostermaier verletzungsbedingt nicht als Keeper auflaufen konnte – die Sitztribüne war gut besetzt, der Stadionsprecher gut gelaunt und auf dem Rasen gings zur Sache. Brecht hätte gejohlt.
Brecht ist eine coole Sau, ist ein Macho-Schwein und wird durch die Stadt gejagt
Verfolgt von 10 Autor*innen das Einläuten einer Lyrik-Nacht, die es vorher (und nachher!) so nicht mehr geben wird. Das Who-is-Who der angesagten Popliteraten liiert mit Oldschool-Mimen in einer vierstündigen Radionacht mit Bayern2. Musikalisch-literarische Gefechte, ja Schlachten zwischen Spoken-Word-Akrobaten, DJs und gestandenen Poeten als Lyrik-Messe, zelebriert von Mastermind Ostermaier, juristisch-poetisch begleitet von Georg M. Oswald. Pure Lust am Sound der Worte und Töne. Und eingerahmt vom Konzept »Poetry & Discussion«, einer Hommage an Brechts Sprache, changierend zwischen Sinnlichkeit, Schlichtheit und provozierender Schärfe.
Brecht ist Baal, ist ein Großmaul, das die Wahrheit sagt.
Poetry Slam und Beat Box – zwei Formate, die überraschen und überzeugen. Mit denen etwas gelingt, was es vorher so nie gab, nämlich die Connection zwischen den Bildungspalästen und den Hütten der Subkultur, zwischen Lernen und Leben. Das hat richtig geknallt. Die Komödie am Vorderen Lech war mal wieder ganz nah an Brecht, vollgepfropft mit Schüler*innen, die allermeisten mit Brecht als Primärerfahrung. Der Slam als Anmache, Entertainment, »Learning by Slamming«, volles Haus, gute Stimmung – ein gelungenes Initiationsritual, das seine Fortsetzung findet beim Beatboxing im Capitol, einem Spoken-Word-Event, der die Szene feiert, den DJ als postmodernen Nebenmann von Brecht ins rechte Licht rückt und Brechts Lyrik zur Party-Base macht. Ein Format der Extraklasse, das die Augsburger Popszene für Poesie brennen lässt.
Und nach vier Tagen, vier Nächten, alle besoffen von Brecht, von der Show, dem Palaver, dem Lärm und der Schönheit weiß keiner bzw. keine mehr, wird Brecht jetzt noch mehr gehasst in dieser Stadt, oder wird er voller Wollust und Triebhaftigkeit geliebt oder sagt man einfach Ade, so kommt’s wohl niemals wieder… ?
Wie hat Ostermaier das so hinbekommen? Was war das Geheimnis seiner ABC-Sommer? Und warum blieben sie ein Unikat?
Fragen und – hoffentlich – ein paar Antworten:
a3kultur: Mit welchen Gefühlen denkst du an deine Festivals zurück?
Ich habe das Chaos aufgebraucht. Es war die beste Zeit. Natürlich gemischte, sich widerstreitende Gefühle. Das intrigante Ende voller Lügen und falschen Fakten hat natürlich die Freude über das Erreichte lange überschattet und die Erinnerung verstellt bis verdüstert. Aber mit der nötigen Distanz – die naturgemäß auch eine Fiktion ist – sehe ich jetzt vor allem das in Sachen Brecht doch Bahnbrechende, was wir geschafft haben.
Man muss sich nur die Namen anschauen, die da waren, die Projekte, die daraus entstanden sind, die Formate, und vor allem die Freundschaften im Künstlerischen wie im Privaten. Wir waren oft unserer Zeit voraus, viele Teilnehmer*innen bekamen danach die höchsten Preise, vom Oscar bis zum Büchner-Preis. Und, das freut mich am meisten, haben Autor*innen die ersten Texte und Auftritte ermöglicht. Hier haben Karrieren begonnen. So wie alle mich noch heute ansprechen, ist es fast ein Stück Literaturgeschichte geworden. Aber wir waren immer demokratisch, das war mir wichtig, haben nichts gehighlightet; damit haben wir uns wahrscheinlich unter Preis verkauft und ihn dann bezahlt.
Welche Künstler*innen haben mit ihren abc-Beiträgen bei dir besondere Wirkung erzielt?
Es wäre unfair, einzelne herauszuheben, es ging ja darum, Brecht neu zu lesen, ihn mit präkordialen Faustschlägen zu reanimieren, zu zeigen, wie aktuell, wie brandaktuell er ist, dass er immer ein Sparringspartner ist, das eigene Schreiben nach vorne boxt.
Sein bestes Lehrstück ist das, was junge Autor*innen von ihm gelernt haben. Brecht hat nie aufgehört. Auch als Klassiker bleibt er ein Unerhörter.
Brecht und die Frauen – würde das heute noch gutgehen?
Was heißt »gutgehen«? Es würde der Punk abgehen, man müsste das immer wieder machen, ihn und seine Texte immer wieder konfrontieren, Kriterien analysieren, mit offenem Visier streiten.
Was sollten sich die Menschen in Augsburg selbst zu Brechts Geburtstag schenken?
Sie sollen allen Schüler*innen die »Hauspostille« schenken und auf dem Rathausplatz eine Schiffschaukel aufstellen.
nachsicht
da ist einer dem könnt
ihr nicht trauen er traut
es euch zu ihm zu wider
sprechen und verwischt
seine spuren dabei die er
in euch liess er hat euch
verlassen sich auf euch
zu verlassen darauf dass
ihr seine ratschläge in den
wind schlagt zu seinem
und eurem besten wo das
herz sich überschlägt wie
eine schiffsschaukel den
himmel zu boden zu ringen
da liegt sein alter gott nach
einem leberhaken angezählt
während er verschwindet
unter den ascheflügeln
der engel in die hauseingänge
ein schatten seiner selbst brennt
er mit seiner zigarre löcher in
die sogenannte wirklichkeit
und macht aus der geschichte
ein geschlecht er legt sich
nicht fest er liegt und lügt
gibt dir den rest seiner liebe
die allen gehört wie er keinem
und keuner ein herr die herrschaft
zu beenden zitiert er die klassiker
als wäre er immer schon einer
von ihnen gewesen wartet er
von seinem sockel gestossen
zu werden damit wir die scherben
wieder zusammenkleben mit
dem gold seiner sätze denn
was ist alle schönheit wert
ohne fehler
- Albert Ostermaier
Brechtfestival-Programmcover 2006