Unterhaltung mit Haltung
Neugierig queer – konfrontieren und Haltung zeigen! Patrick Wengenroth war drei Jahre (2017 bis 2019) Leiter des Brechtfestivals in Augsburg. Von Peter Bommas
Fürs Jahr Eins nach Lang musste ein Festivalerbe gefunden werden, möglichst arm an Connections, arm an Reputation, arm an Weltstarallüren und arm an Berühmtheitsmeriten: Patrick Wengenroth sollte die kaputte, überstrapazierte Brechtkarre rausziehen. Mit kleinem Etat, aber viel Energie und Kraft. Man musste, wollte, konnte nicht anders, als der Straße und der Popkultur eine Chance zu geben, einen neuen Zugang zu einer alternativen Brechtfeier zu finden, der möglichst low level ablaufen und gegebenenfalls als irrlichternder Nebenpfad desavouiert werden konnte – von der Kultur-High-Society, die so ein bisschen die Lust an Brecht verloren und ein Staatstheater gewonnen hatte. In dieser Baugrube sollte der neue Festivalleiter Ideen, Partner*innen und Publikumszuspruch ausgraben. Ziemlich allein gelassen von den lokalen Brecht-Granden, aber mit subversiver List führte er die Arroganz der Macht vor – und gewann neue Brechtinteressierte durchs Mitmachenlassen. »Mach nur einen Plan …« – er hat Brecht wieder beim Wort genommen und ein Brechtfestival »von unten« inszeniert, letztlich ein gelungenes Wagnis mit einer Menge guter Ideen und ohne Berührungsängste – und vor allem mit viel weniger Theatergedöns und Stargehabe, das durchaus mehr Support und politischen Wagemut der Stadtverantwortlichen verdient gehabt hätte. Mit seiner Festivalidee entlarvte er die Augsburger Brechtpat*innen als Papiertiger, als Möchtegern-Literatur-Zwerg*innen – ein von Langs Stargehabe zu Tode malträtiertes Publikum, das nur noch nach »next big chance« lechzte, nicht gewillt war, hinabzusteigen in die Untiefen von Brechts Œuvre, zu den Huren von Babylon, den Straßenkötern von Los Angeles, den von Herrn K. gezeichneten Zerrbildern. Wengenroth gelang ein Coup vor Ausschluss der Weltöffentlichkeit, er traute sich und uns was zu und ignorierte geflissentlich die lokalen Klatschbasen und literarischen Vetternwirtschaftler. So einer, das war bald klar, würde hier relativ einsam und verloren sein – was ihn aber – und das sei ihm hoch angerechnet – überhaupt nicht störte. Er zog sein Ding durch, und Brecht profitierte davon. Er war wieder der undurchsichtige, unzuverlässige, aber immer für eine Moritat, für eine Schweinerei, für eine Zote gute, an seinen Überzeugungen nicht immer festhaltende, auf einem schwankenden Kahn vor sich hin delirierende Dichter, Denker und Linksaußen-Schamane, der er wohl ganz gern auch sein wollte. Patrick Wengenroth hat ihn uns wieder hervorgeholt aus der Promibaracke. Danke dafür!
ÄNDERE DIE WELT. SIE BRAUCHT ES. Ein klug gewähltes Motto für ein Festival, das wieder Laborcharakter zeigte, an den basics ansetzte und Poetry, Queerness, Schreibwerkstätten, Eigenproduktionen zu einem Rundumschlag zusammendachte, der funktioniert hat – auch ohne Festivalwetter. Schon die Ästhetik der Programmzeitung und die Betitelung der Festivaltage verwiesen auf einen neuen, alten Zugang zu Brecht, jenseits von Glitter, Glimmer und Namedropping.
WER BIST DU? VERSINKE IN SCHMUTZ, UMARME DEN SCHLÄCHTER, ABER ÄNDERE DIE WELT – solche Ansagen unterstreichen den Werkstattcharakter, die Ideenvielfalt und Gesprächskultur dieses Festivals. Back to the roots ohne Berührungsängste, ohne Anwanzen an die Prominenz der Brechtclaqueure – kühn, ambitioniert und sehr offen hat Wengenroth das angegangen. Wenn er von »eingreifendem Denken« spricht, von »Versuchsanordnungen« und Krisensituationen, dann hatte das authentischen Werkstattcharakter und sorgte für empathisches Zugehen auf die Klientel der Straßen und Plätze, für das mutige Aufgreifen des Gender- und Feminismus-Diskurses, der seit dem abc-Festival grandios verloren ging: Judith Butler, La Hengst, Sargnagel traf auf Brock. Diversität war Trumpf. Endlich wieder Popkultur und echter Diskurs, was für ein Aufatmen! Es war ein neuer Aufbruch und eine passgenaue Brechtrezeption mit der die Generation Z auch etwas anfangen konnte. Leider blieb es beim Versuch.
Doch vom Glück – oder Unglück – eines geplanten neuen, großen, erstligatauglichen Staatstheaters beseelt oder besoffen ließ die Kulturschickeria den von ihr ausgelutschten und weggeworfenen Brecht links liegen (wo er ja hingehört) und widmete sich der Vorfreude auf die »ganz, ganz große Oper«, auf ein Staatstheater-Erlebnis von nationaler Bedeutung usw. usw. usw. Brecht wird’s so gefallen haben! Und eigentlich wäre Zeit gewesen, das ganze Brechtding völlig neu aufzustellen. Aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. War erst mal nix! Könnte aber noch passieren!
Im Folgenden antwortet Patrick Wengenroth auf fünf Fragen des Autors, O-Töne also, als aktueller Kommentar zu »Brecht in/und Augsburg«:
PB: Was war Ihre Motivation für die Entscheidung, 2017–2019 hier in Augsburg Brecht zu veranstalten?
PW: Ich wurde völlig überraschend gefragt, ob ich Interesse hätte, für das Brechtfestival als Künstlerischer Leiter zu fungieren. Ich hatte und habe natürlich eine Meinung zu Brecht und sehe meine Theaterästhetik auch durchaus in der Tradition des epischen Theaters, arbeite auch gern mit Verfremdungseffekten und geöffneter vierter Wand. Aber primär gereizt hat mich, selbst diese Verantwortung einer kuratorischen Aufgabe zu übernehmen. Nach meinen ersten Begegnungen mit Menschen in der Stadt Augsburg hatte ich da große Lust drauf. Neugierde war also letzten Endes meine größte Motivation.
Sie haben mit Ihrem Festivalprogramm Brecht wieder mit der Popkultur kurzgeschlossen – welches Anliegen hat sich dahinter verborgen?
Durch die Arbeit meiner Vorgänger und vor allem die kompetente und vielseitige kuratorische Tätigkeit von Girisha Fernando für die Lange Brechtnacht musste ich ja quasi nur auf einen bereits fahrenden Zug aufspringen. Im Austausch mit Girisha und den anderen tollen Mitarbeiter*innen im Kulturamt waren wir uns schnell einig, dass es ein guter Weg wäre, noch mehr jüngeres Publikum zu generieren für das Festival. Ich glaube, dass uns das gut gelungen ist, beispielsweise durch die Zusammenarbeit mit dem Provino Club, dem Grandhotel Cosmopolis oder dem Theter Ensemble. Auch Brecht war ja klar, dass Theater letzten Endes »Unternehmen sind, die Unterhaltung verkaufen«. Und wir haben dann versucht, daraus »Unterhaltung mit Haltung« zu machen. Die althergebrachte vermeintliche Unterscheidung in U- und E-Kultur hat mich nie interessiert.
Sie haben u. a. auch starke Frauen nach Augsburg geholt. Brecht und der Feminismus – wie geht das heute zusammen?
In dem Ausmaß, wie wir heute lernen, dass überholte patriarchale und chauvinistische Verhaltensweisen zu einer toxischen Atmosphäre in der Gesellschaft führen, muss man natürlich nicht nur das Werk Brechts in neuem Lichte betrachten, sondern eben auch seine Arbeitsweise. Insofern ist es durchaus möglich, Brecht zu kritisieren und zugleich nicht zu verdammen, sondern eben beispielsweise rauszufinden, welche Fallen und Irrwege in seinem Weg schlummern. Diese kann man dann aufdecken, spiegeln, verändern.
Daher war ja auch das Motto, das über allem für mich und mein Team stand: »Ändere die Welt – sie braucht es.« Es hat mich sehr gefreut, zu sehen, wie immer mehr weibliche Künstler*innen auch nach meinem Weggang einen kritischen Umgang mit Brecht im Rahmen des Festivals realisieren konnten.
Mit welchen Gefühlen denken Sie an die Zeit in Augsburg zurück?
Es war eine sehr beglückende und zugleich wahnsinnig anstrengende Zeit. Immer am Rande des knappen Budgets zu surfen, dennoch möglichst fair die Künstler*innen zu bezahlen und obendrein möglichst alles schaffen, umzusetzen, was man unbedingt machen wollte – das war eine enorme Kraftanstrengung. Ich habe unser gutes Teamwork im Brechtbüro und Kulturamt über alles geschätzt und vermisse die Kolleg*innen weiterhin sehr. Aber zum Glück telefonieren wir hin und wieder oder treffen uns manchmal.
Zudem mag ich die Stadt Augsburg und ihre Atmosphäre – nach einem langen Tag im Provino-Garten ein Bier zu trinken, um mal ein Beispiel zu nennen, das ist schlicht und einfach großartig.
Was würden Sie der Stadt Augsburg für das Jubiläumsjahr 2023 ins Stammbuch schreiben?
Seid weiterhin mutig in der Auswahl der Kurator*innen!
Habt keine Angst vor Neuem!
Lasst unbedingt zeitnah eine Frau das Festival leiten!
Gebt dem Festival mehr Geld, und es könnte zu einem europäischen Leuchtturmprojekt werden, ähnlich wie Avignon oder das Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg!
Brechtfestival-Programmcover 2017