Politik & Gesellschaft

Erbbrecht in Augsburg

Gastautor

Ein Gastbeitrag von Michael Friedrichs

Wann die große Änderung, der nachhaltige Stimmungswandel, die neue Aufgeschlossenheit begonnen hat (wenn überhaupt), ist lokal­historisch gar nicht so leicht festzumachen. Vielleicht war es die Entscheidung, ab 1995 alle drei Jahre einen »Bertolt-Brecht-Preis« der Stadt Augsburg zu vergeben.

1998 galt es dann den 100. Geburtstag Brechts zu feiern, und Peter Grab als Leiter des Kulturbüros organisierte eine ganzjährige Veran­staltungsreihe unter dem Motto »bertolt brecht geboren in augsburg«. Ja, das ist als unser »claim to fame« immer noch zu wenig bekannt. Augsburg kann nicht wirklich was dafür, aber irgendwas Gutes müssen wir ihm schon mitgegeben haben, seien wir also ruhig stolz auf ihn und auf uns. Was du ererbt von deinen Dichtern hast …

Als die Autorin Eva Leipprand von den Grünen im Mai 2002 Kulturreferentin wurde, konnte sie den Weg ebnen für ein viertägiges Literaturfestival im Sommer 2006: Da war an Brechts 50. Todestag zu erinnern. Ihre Wahl fiel auf Albert Ostermaier, einen Autor, der sich positiv auf Brecht bezog und gut vernetzt war, u.a. durch sein Mitwirken in der Autoren-Fußball-Nationalmannschaft. Er taufte das Festival »abc – Augsburg Brecht Connected« mit einem roten Stern, es ging über vier Tage und war Brechts Lyrik gewidmet; die galt damals als lebensfähiger als seine Dramen. Und schon damals kam der Vorbehalt ins Programmheft, der heute noch oft einer Arbeit mit Brecht vorausgeschickt wird: Heiner Müllers Satz »Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat.«

Ostermaier kuratierte das Festival drei Jahre, danach hätte er gern weitergemacht, und auch damit begründete er eine Tradition. Aber auf Eva Leipprand folgte Peter Grab, und auf Albert Ostermaier folgte
Joachim Lang. Er gab jeweils ein Thema für das Festival vor und konn­te viele große Namen nach Augsburg locken. Auf Peter Grab folgte Thomas Weitzel, und auf Joachim Lang folgte lange Zeit Joachim Lang, aber dann doch Patrick Wengenroth (2017-19). Der setzte auf Jahrmarkt, Experimente und aktuelle politische Debatten: Egoismus/Solidarität, Feminismus, Inklusion, Städtebewohner*innen. Dann übernahm das Duo Kuttner/Kühnel, und als Corona deren Planung pulverisierte, machten sie das Festival 2020 zum Ereignis im Netz. In den beiden Folgejahren nutzten sie beides, Leibhaftiges wie Digitales.

Seit Oktober 2020 heißt der Augsburger Kulturreferent Jürgen Enninger, und er berief für die Festival-Nachfolgefindung der Jahre 2023 bis 2025 eine gemischt zusammengesetzte Jury. Diese sprach sich im September 2021 für den Kulturanthropologen Julian Warner aus. Er hatte einen dreijährigen Entwicklungsprozess vorgeschlagen, »brechtsche Experimente in der ganzen Stadt« und »internationale Kunst für und mit den Menschen vor Ort«.

Abschließend soll erwähnt werden, dass manch Festivalleiter weniger Strahlkraft gehabt hätte, gäbe es nicht die jeweilige Projektkoordinatorin im Brechtbüro (seit 2017 eine Konstante). Darum sei die Katrin auch bedankt.

 

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