Kampf um Augsburg
Das Referat der Oberbürgermeisterin nimmt das Friedensfest und seine Macher*innen unter Beschuss. Ein Kommentar von Jürgen Kannler
Unter Federführung des OB-Referats erarbeitete die Verwaltung für die Kulturausschusssitzung Mitte Februar eine Beschlussvorlage. Das toxische Papier stellt ein Minenfeld im Format DIN A4 dar, gesät in Augsburger Amtsstuben.
Betitelt ist die von Stadtdirektorin Dr. Melanie Haisch vorgestellte Vorlage mit »Partizipative konzeptionelle Weiterentwicklung Friedensbüro und Friedensfest« (unter www.a3kultur.de als PDF zum Download). Dahinter steht der Vorwurf, das Festival sei zu intellektuell, zu künstlerisch und erreiche zu wenige Menschen, aber wohl auch die Erkenntnis, das einzigartige Programm mit seinen Themen politisch bisher nicht kontrollieren, geschweige denn marketingtechnisch im Sinne der Oberbürgemeisterin ausschlachten zu können.
Zu intellektuell, zu künstlerisch, zu unkontrolliert
Um die Tragweite des Vorstoßes zu verstehen, empfiehlt sich zuerst ein Blick in die Beschlussvorlage:
»… die Auseinandersetzung mit dem umfassenden Thema Frieden hat in der Vergangenheit ausschließlich auf künstlerisch-kultureller, intellektueller Ebene stattgefunden …«
»… es bedarf in einer Großstadt wie Augsburg … einer Präsenz in der Stadtgesellschaft, die durch kulturelle Formate auf intellektuellem Niveau allein nicht zu gewährleisten ist ...«
»… das Angebot kultureller Veranstaltungen ist so divers und hoch, dass die Gefahr besteht, dass dadurch die beteiligten … weder die Sichtbarkeit, noch die Wertschätzung erhalten, die sie verdienen. Dies zeigt sich zum einen in zum Teil wenig besuchten Veranstaltungen und zum anderen in der für bestimmte Gruppierungen fehlenden Attraktivität des Friedensfestprogramms ...«
Diese Passagen sind – weitgehend – blanker Unsinn. Das Programm des Friedensfestes reichte in den letzten Jahren vom Malwettbewerb über Konzerte in zahlreichen Genres und Diskussionsrunden zu vielfältigsten Themen bis hin zu Ausstellungen und Kunstinterventionen im öffentlichen Raum sowie den Publikumsrennern Kinderfriedensfest im Botanischen Garten und Friedenstafeln auf dem Rathausplatz und in diversen Quartieren – ein beachtliches Spektrum. Von seinem intellektuellen Niveau her bringt es die Aufnahmefähigkeit der Verantwortlichen im OB-Referat offenbar an die Grenzen, von einem Großteil der Menschen unserer Stadt wird es jedoch geschätzt und verstanden.
Solidarität mit attackierter Festivalleitung
Eine erste Umfrage der a3kultur-Redaktion unter den weit mehr als hundert in den letzten Jahren mit dem Festival kooperierenden Gruppen und Institutionen registrierte eine breite Zustimmung zum bestehenden Konzept, eine starke Solidarität mit der durch die Beschlussvorlage attackierten Festivalleitung sowie eine wachsende Verärgerung über die despektierliche Einschätzung der eigenen Programmanteile vonseiten der Verwaltung.
Auch der Kulturbeirat der Stadt Augsburg (bestehend aus fünf gewählten Vertreter*innen aus den Szenen sowie fünf bedeutenden Augsburger Kulturinstitutionen in der Stadt wie Tim, Staatstheater Augsburg, Universität Augsburg) wies die Vorlage einstimmig zurück. Der Vorsitzende Korbinian Grabmeier trug die Empfehlung seines Gremiums mit dem gebotenen Respekt im Kulturausschuss vor. Inhaltlich watschte er die Vorlage aus dem OB-Referat jedoch gründlich ab.
In der Empfehlung (unter www.a3kultur.de als PDF downloadbar) heißt es:
»… das Rahmenprogramm zum Hohen Friedensfest hat sich … in letzten Jahren äußerst positiv entwickelt: Unverzichtbar sind der partizipative Charakter des Programms und der Freiraum für lebhaften Diskurs, die gekennzeichnet sind von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz … die Zusammenarbeit des Friedensbüros mit seinen Partnern erachtet der Kulturbeirat als vorbildlich … der Kulturbeirat lehnt jegliche politische Einflussnahme auf das Rahmenprogramm zum Hohen Friedensfest ab. Von der Einrichtung eines Friedensfest-Kuratoriums rät der Beirat ab … im Übrigen muss die kuratorische Freiheit des Friedensbüros gewahrt bleiben.«
Bei der Abstimmung im Ausschuss wurde die Position des Kulturbeirats weitgehend ignoriert. Die Vorlage wurde schändlicherweise mit schwarz-grüner Mehrheit durchgewunken.
Der Rahmen für alles ist die Kultur
Das toxische Papier aus dem OB-Referat ist nichts anderes als eine Blaupause, wie die Festivallandschaft und damit weite Teile des Kulturlebens unserer Region unter politische Kontrolle zu bringen wären. Wer wie OB Weber Labels wie »intellektuell« und »künstlerisch« als Abschusskriterien für Kultureinrichtungen definiert, zielt nicht nur auf den Frieden, sondern auch auf Zukunft, Nachhaltigkeit, Mozart, Brecht. Denn wie heißt es so schön im Augsburger Modell der vier Dimensionen: Der Rahmen für alles ist die Kultur.
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