Ausstellungen & Kunstprojekte
Politik & Gesellschaft

Intellekt, Instinkt, Intuition

a3kultur-Redaktion

Svenja Flaßpöhler gehört zu den wichtigsten Philosophinnen der Gegenwart und ist Chefredakteurin des Philosophie Magazins. Im Dezember letzten Jahres hielt sie die Festrede bei der Eröffnungsfeier zu Herlinde Koelbls fulminanter Ausstellung »Meta­morphosen« im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Augsburger Glaspa­last. a3kultur freut sich, an dieser Stelle den Redebeitrag zu präsentieren.

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Herlinde Koelbl,

ich freue mich sehr, heute Abend die Eröffnungsrede halten zu dürfen, und als die Einladung mich durch Sie persönlich, liebe Frau Koelbl, erreichte, habe ich keine Sekunde gezögert - und zwar keineswegs nur wegen der Ehre, die Sie mir damit zuteilwerden lassen. Nein, es gibt einen weiteren, tieferen Grund.

Ich war neugierig. Ich wollte die Gelegenheit, Sie persönlich kennenzulernen, auf keinen Fall verpassen, weil Sie über etwas verfügen, das sehr selten ist – nämlich Intuition. Damit meine ich nicht irgend­eine Intuition, schon gar kein willkürliches Bauchgefühl, sondern ich meine Intuition im Sinne des französischen Philosophen Henri Bergson.

Die Intuition ist nach Bergson weder Intellekt noch Instinkt. Sie ist etwas, das beides in sich trägt und doch etwas anderes, etwas Drittes ist. Die Intuition, sagt Bergson, bringt uns in Verbindung mit dem Leben selbst.

Der Intellekt allein kann diese Verbindung nicht stiften, er geht eher auf Distanz zu den Dingen, sucht das Allgemeine im Besonderen. Der Intellekt schließt keine Welt auf, die uns berührt, sondern er bringt die Welt auf den Begriff.

Der Instinkt wiederum führt uns hierhin und dorthin, gibt uns aber keinen Sinn für das Wesentliche, sondern sorgt eher dafür, dass wir es verpassen, weil wir blind unserer Nase oder auch: der Lust folgen.

Anders die Intuition. Sie nimmt sich vom Intellekt die Erkenntnis­kraft und vom Instinkt die Unmittelbarkeit. Auf diese Weise ist die Intuition dem Lebendigen zugewandt und nimmt wahr, was ohne sie verschlossen bliebe: den, so nennt es Bergson, élan vital, den Lebensschwung, der aller Veränderung, jeder Metamorphose, zugrunde liegt.

Sie, liebe Frau Koelbl, verfügen über Intuition im bergsonschen Sinn. Dies zum einen, weil Sie mit Ihrem ganz eigenen élan vital ganz offensichtlich im Kontakt stehen, ansonsten bliebe Ihre Lebendigkeit, Ihre Eigensinnigkeit, Ihre Kreativität unerklärt. Und zum anderen, weil Sie den Lebensschwung in Ihren Bildern aufscheinen lassen – oder vielleicht könnte man auch sagen: Sie übertragen Ihren Schwung in die Bilder, die Sie schaffen.

Wenn Sie Angela Merkel oder Gerhard Schröder fotografieren und über Jahre begleiten, ist es genau das, was die Bilder so einzigartig macht: Der élan vital blitzt auf, dringt selbst durch die Verpanzerungen, die sich die Politiker über Jahre haben zulegen müssen, noch hindurch. Dass er mit der Zeit schwächer zu werden scheint, darin liegt die leichte Melancholie dieser Bilder. Der Panzer, der notwendig ist, um Angriffe abzuwehren,  droht den Schwung gleichsam zu erdrücken. Augenringe, Müdigkeit, Lederhaut und vom vielen Sitzen verformte Körper zeugen weniger von élan als vielmehr von Schwermut. Von einem Leben, das ohne Pause der Politik gewidmet ist und dadurch seinen Schwung verliert. Oder findet er lediglich eine andere Form?

Und nun also Ihre neuen Bilder, liebe Frau Koelbl. Ihre »Metamorphosen«, die keine Menschen zum Thema haben, sondern die vergehende Natur. Flecken, weißer Flaum, abgeknickte Köpfe zeigen uns Pflanzen in ihrer Vergänglichkeit. Doch erzeugen sie interessanterweise im Betrachter nicht die Spur von Melancholie!

Eher im Gegenteil bergen die Fotografien Trost, erzeugen eine tiefe Beruhigung im Betrachter. Was ist der Grund dafür? Liegt es daran, dass die Natur – anders als der Mensch – kein Bewusstsein hat für die eigene Endlichkeit? Dass sie sich nicht von außen sieht, sich nicht bewertet und also auch nicht verzweifelt an ihren Altersflecken? Machen die Pflanzen uns etwas vor, über das die Stoiker schon in der Antike nachdachten – nämlich das Unverfügbare anzunehmen, anstatt dagegen anzukämpfen?  

Zur Verteidigung der menschlichen Gattung muss man an dieser Stelle sagen, dass im Zuge des Fortschritts der Bereich des Unverfügbaren immer kleiner wird. Krankheiten können geheilt, das Ge­schlecht ope­rativ angepasst werden. Sogar das Klima kann der Mensch beeinflussen! Dass wir alle irgendwann sterben aber gehört erwiesenermaßen zum Kernbereich des Unverfügbaren – und nur wenige können dieser Tatsache unserer Sterblichkeit wirklich ins Auge sehen.

Doch damit ist die ästhetische Erfahrung, die Ihre »Metamorphosen«, Frau Koelbl, im Betrachter auslösen, noch nicht ganz erfasst. Um sie wirklich zu begreifen, müssen wir noch einmal auf Bergsons élan vital zurückkommen. Auf den Lebensschwung. Der Schwung ist eine Pendelbewegung. Erzeugt wird er durch ein Hin und Her, durch einen gleichmäßigen Wechsel. Anders formuliert: Kein Schwung ohne Rhythmus!

Hier kommen wir zum springenden Punkt. Im Unterschied zu uns Menschen, die ihren Biorhythmus gern austricksen, um ohne Pause leistungsfähig zu sein, sind Pflanzen zutiefst rhythmische Wesen. Sie machen, so wie jetzt gerade, Winterpause, verlangsamen ihren Stoffwechsel, treten in Ruhestadien ein, legen Reservestoffe an, um dann umso prachtvoller wieder zur Blüte zu kommen. Und sterben sie endgültig, sind sie wiederum Teil des gigantischen élan vital der Natur selbst, die alles Vergehende in sich aufnimmt, um es in veränderter Form wieder ins Leben zu bringen.

Die tröstende, beruhigende Wirkung, die Herlinde Koelbls Fotografien erzeugen, verdankt sich dieser Pendelbewegung aus Passivität und Aktivität, aus Tod und Auferstehung. Die »Metamorphosen« zeigen uns die Phase zwischen diesen Extremen, lassen uns teilhaben am Schwung vom einen zum anderen und zurück. In einer Abwandlung eines berühmten Zitats von Montaigne lehren uns die Bilder: Leben heißt sterben lernen. Das ist leichter gesagt als getan. Die Pflanzen machen es uns vor.

Vielen Dank.

Das könnte Sie auch interessieren

Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte

Malerische Landschaften

Im Grafischen Kabinett des Höhmannhauses sind seit dem 25. September Philipp Röths malerische Landschaften zwischen Spätromantik und Impressionismus ausgestellt.
Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte

Formen die Leuchten

Michael Kiessling, Galerist des Kunstraums am Pfarrhof Leitershofen, erzählt gerne, wie er Sandra Tröger im Münchner Ausstellungsraum »Sandkasten« kennengelernt hat – und wie schnell aus diesem ersten Kontakt die Idee für eine gemeinsame Ausstellung entstand. Noch im selben Jahr wurde daraus Wirklichkeit: »Form Farbe Raum« zeigt eine äußerst sehenswerte Auswahl von Trögers Werk in den Räumen von Leitershofen.

Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte

Wegrennen ist einfach!

Der Kunstverein Augsburg startet am 19. September mit der Videoarbeit »Running away is easy, it's the leaving that's hard« (2025) in den Herbst.