Zwischenbilanz
Mit der Verleihung des Brechtpreises an den Autor Lutz Seiler endet der erste Akt des Jubiläumsjahres »Brecht125«. Ein Kommentar
Ein Festjahr ist Verpflichtung und Chance in gleichem Maße. Die Verpflichtung, den 125. Geburtstag Bertolt Brechts zu begehen, hat die Stadt Augsburg wahrgenommen. Vielleicht in Summe etwas zögerlich, aber dennoch. Sie hat sicher auch die Chance erkannt, die solch ein Anlass bietet. Wie diese Chance jedoch genutzt wurde, wird zum Jahresende wohl besser zu beurteilen sein als heute.
Seinen Anfang nahm der Programmreigen um den 10. Februar, dem Geburtstag des bedeutendsten Künstlers unserer Stadt. An diesem Tag startete auch das Festival, mit dem Augsburg seinen Brecht ehrt. Es kann in diesem Jahr auf eine durchaus positive Bilanz verweisen.
Der »Kampf um Augsburg«, eine gesellschaftspolitische Catcher-Performance, war optischer, inhaltlicher und künstlerischer Höhepunkt des Brechtfestivals
Das Team um den neuen Leiter Julian Warner lieferte ein spannendes Programm. Als Zentrum des Spektakels wurde, wohl auch aus Mangel an echten Alternativen in der Innenstadt, Lechhausen gewählt. Ein ebenso vielschichtiger wie lebendiger Vorort jenseits des Flusses im Osten der Stadt. Dass es in diesem Quartier einiges zu entdecken gibt, machte Warner deutlich.
a3kultur-Podcast: Hören Sie hierzu den Podcast »You, Lisa & Me« mit Julian Warner.
Der »Kampf um Augsburg«, eine gesellschaftspolitische Catcher-Performance, war optischer, inhaltlicher und künstlerischer Höhepunkt der zehn Tage. Wir alle freuen uns auf das Ergebnis der aufwendig gefilmten Showkämpfe. So manche Szene sollte nicht in Vergessenheit geraten. Aufhorchen ließ auch Warners Ansage, mit dem Konzept »Brecht’s People« einen Vernetzungsapparat zu installieren, der auch zwischen seinen drei Festivalterminen Kontakt mit und zwischen den Menschen in der Brechtstadt halten soll. Um dies zu stemmen, musste das bis dato personell absurd unterbesetzte Brechtbüro verstärkt werden. Die Aufstockung wurde angegangen. Die Wirkung wird sich zeigen.
Ein weiteres Novum ist die neu eingerichtete Artist-in-Residence-Wohnung im Brechthaus. Die im Exil lebende russische Theaterregisseurin Anastasia Patlay bezog als erste Künstlerin noch während des Festivals die Räumlichkeiten. Was sich dort seitdem getan hat, blieb eher im Dunkeln. Für 2024 ist wohl ein gemeinsames Projekt mit dem Brechtfestival avisiert, was nicht wirklich überraschend wäre.
2024 wird wohl das Brechttheaterjahr, zu dem es zum 125. Jubiläum nicht reichen sollte. So platziert auch das Staatstheater Augsburg seine große Brecht-Inszenierung ins Folgejahr. »Mutter Courage« soll es geben, wie der Rechteinhaber Suhrkamp-Verlag wissen ließ. Warum die Vorhänge für den Klassiker jedoch mit zwölf Monaten Verspätung hochgehen, bleibt unklar und brachte Staatstheaterintendant André Bücker, wieder einmal, in Erklärungsnot.
Das Staatstheater Augsburg präsentiert seine große Brecht-Inszenierung erst im Folgejahr
Vielleicht machte ihn der prominente Termin samt allseitiger besonderer Aufmerksamkeit zu schaffen und das große Erbe der »Mutter Courage« den Intendanten letztendlich zu einem Vater Hasenfuß. Denn der ganz große künstlerische Wurf ist ihm an seinem Haus bisher noch nicht gelungen. Auch bei der Verleihung eines Digitalpreises in Paris – einem Termin, den Bücker wohl der Eröffnung des Brechtfestes vorzog – ging das Staatstheater leer aus.
Verlässlich liefert hingegen die Brecht-Forschungsstätte unter Dr. Jürgen Hillesheim. Seine internationale Vernetzung vermittelt einen Eindruck davon, wie bedeutend der Augsburger Brecht noch immer ist und welchen Stellenwert er weltweit innehat. Eine Tatsache, die ihn auch 125 Jahre nach seiner Geburt zu einem der am häufigsten gespielten Theaterautoren deutscher Sprache macht.
Den größten Beitrag zu »Brecht125« verantworten jedoch nicht die großen Kulturinstitutionen der Stadt. Es ist die Masse der engagierten Kulturmacher*innen und Orte, die Brecht in Augsburg jung halten. Sie initiieren und organisieren Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Spaziergänge, Theaterstücke, Diskussionen, Publikationen und Galaabende – oder wie die a3kultur-Redaktion: ein Mackie-Messer-Bankett.
Das Geheimnis dieser leidenschaftlichen Beziehung liegt natürlich im Werk des Bertolt Brecht
Das wird zuweilen von Kulturpolitik und Stadtmarketing vergessen. Es fiel in Augsburg irgendwann auf fruchtbaren Boden. Dieser wird ganz wesentlich gehegt und gepflegt von den Macher*innen des Brechtshops in der Buchhandlung am Obstmarkt, den rund zweihundert Mitgliedern des Brecht-Kreises sowie Brechtkenner*innen und Expert*innen wie Michael Friedrichs, der unter anderem als Redakteur für die »Dreigroschenhefte« verantwortlich zeichnet.
Die meisten dieser Brechtmenschen haben sich am Abend des 20. April im Goldenen Saal des Rathauses eingefunden, um der Verleihung des Brechtpreises an den Autor Lutz Seiler beizuwohnen.
Für den Geehrten ist der mit 15.000 Euro dotierte Preis »eine schöne, wenn auch absolut unerwartete Sache«. Er wird helfen, die Wunden an Schüler Seilers Seele, zugefügt durch die erzwungene Brechtlektüre im Thüringen der Siebzigerjahre, zu lindern.
Später bezieht er sich doch explizit auf die menschlichen Werte im Zentrum von Brechts Werk, die für ihn Gradmesser und Orientierung sind. Brechts Verständnis vom Wert der Solidarität wurde zu Seilers Verständnis. Und folgerichtig widerspricht er dem Augsburger, der da schrieb: »In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.« Lutz Seiler ist ein guter Autor und ein passender Preisträger im Brechtjahr. Und man kann OB Eva Weber verstehen, wenn sie von seiner Lesestimme schwärmt.
Auch aus diesem Grund hat die a3kultur-Redaktion den Autor zu einer Lesung in den kommenden Wochen in unsere Brechtstadt geladen. Denn dieser Programmpunkt fehlt auf der Liste der Stadt zum Jubiläum »Brecht125«.