Bibliothek der verbrannten Bücher
An der Bibliothek der Universität Augsburg ist die Sammlung Georg Salzmann, ein lebendiger Lern- und Forschungsort, angesiedelt.
Rund 12.000 Bücher umfasst die Sammlung, darunter auch Dubletten. Besonders fragile oder schützenswerte Ausgaben lagern im Schutzmagazin, während im Leseraum der Teilbibliothek Geisteswissenschaften 8.400 Bücher für die Besucher*innen direkt bereitstehen. Die Sammlung wurde ab Mitte der 1970er-Jahre durch den Finanzkaufmann Georg Salzmann aufgebaut. Als dieser in Bremen tätig war, kam er über Nachbarn zu einem Lesezirkel. Als Aufnahmeritual sollte Salzmann einen Vortrag über den Schriftsteller Ernst Weiß vorbereiten, wie Dr. Andrea Voß, Fachreferentin für Germanistik, erläutert. Sie betreut die Sammlung an der Augsburger Unibibliothek.
Salzmann habe sich daraufhin mit Weiß’ Biografie und Texten auseinandergesetzt. Stutzig machte ihn, dass er in deutschen Bibliotheken auf wenig Ergebnisse stieß – weder auf Forschungsliteratur noch die eigentlichen Texte. Salzmann recherchierte weiter, zu den Bücherverbrennungen 1933 und den sogenannten schwarzen Listen der Nationalsozialisten. »Der leseaffine Salzmann stolperte damit in die Faszination des Suchens«, so Voß. Sein besonderes Interesse galt dabei den Erstausgaben. »In jener Zeit, als Salzmann zu sammeln begann, war ein derartiges Aufarbeiten von Literatur- und Zeitgeschichte noch nicht sehr ausgeprägt. Salzmann wollte ein Zeichen gegen das Vergessen setzen und den Leser*innen die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts wieder näherbringen«, erzählt Voß. So sei die Sammlung über die Jahre zu dem umfangreichen privaten Dokumentations- und Forschungsarchiv »10. Mai 1933 – Deutsche Literatur auf dem Scheiterhaufen« gewachsen.
Salzmann war seit den 2000ern bemüht, einen Abnehmer für die umfangreiche und mühsam zusammengesammelte Literatursammlung zu finden, damit sie in guten Händen weitergeführt und nicht zerschlagen werde. Interesse bekundeten damals mehrere Städte, darunter auch Nürnberg mit dem 2001 eröffneten NS-Dokumentationszentrum. »In Augsburg«, so Voß, »machte sich unser ehemaliger Bibliotheksdirektor Dr. Ulrich Hohoff für die Sammlung stark.« An der Universität Augsburg gibt es ausgewiesene Expert*innen für die Literatur des 20. Jahrhunderts, darunter etwa Prof. Bettina Bannasch, die einschlägig im Bereich der deutschen Exilliteratur forscht und lehrt. Dadurch ist laut Voß gesichert, dass die Sammlung im lebendigen Lehr- und Forschungskontext der Augsburger Uni gut aufgenommen werden kann. Salzmann sei es damals besonders wichtig gewesen, dass auch die breite Öffentlichkeit und Schulen stets Zugang zu den Büchern haben. In der jetzigen Form, mit einem eigenen Lesesaal und langen Öffnungszeiten, sei dies gut umgesetzt. Mit dem geplanten UB-Erweiterungsbau für Sonderbestände, in den auch die Sammlung Salzmann umzieht, werde zudem eine noch attraktivere Arbeitsumgebung geschaffen, resümiert Andrea Voß.
Der Ankauf der Sammlung durch die Augsburger Unibibliothek folgte in einem feierlichen Akt am 24. Juli 2009. Seither ist die Entwicklung besonders interessant. So setzte man in Augsburg früh darauf, Zukäufe zu ermöglichen, um mögliche Lücken bei Erstausgaben zu schließen und die Sammlung im Sinne ihres Begründers zu vervollständigen. Das entsprach auch dem großen öffentlichen Interesse beim Ankauf. Heute würde man im Bibliotheksbereich bei der Übernahme in sich geschlossener Sammlungen diese eher im Original belassen, erklärt Voß, die sich daher seit 2018 verstärkt auf die Kooperation mit Bildungs- und Kultureinrichtungen, Lehrenden und Lernenden konzentriert – nicht nur aus Schwaben, sondern deutschlandweit.
Für die Aufarbeitung der Bücherverbrennungen und ihrer Folgen spielt die Sammlung Salzmann eine nicht unerhebliche Rolle. Die Georg-Hermann-Werkausgabe sei etwa in Zusammenarbeit mit Georg Salzmann und in ihrer Vollständigkeit aufgrund der Erstausgaben in der Sammlung ermöglicht worden. Beispielhaft für die literaturgeschichtliche Aufarbeitung nennt Voß das von Gerhild Rochus und Bettina Bannasch herausgegebene, gemeinsam mit Augsburger Studierenden entstandene »Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur« (2013) als wichtiges Nachschlagewerk. »Die Universitätsbibliothek steht für Kooperationen jeder Art bereit. Darunter fallen Schülerführungen, Seminar- und Ausstellungsprojekte, aber auch besondere Ansätze wie im Rahmen von ›What Was Left‹ mit den beiden Hamburger Künstlerinnen Eda Aslan und Nurgül Dursun. Sie stellten neue, künstlerisch motivierte Fragen an die Salzmann-Bücher, indem sie die materiellen Lese- und Gebrauchsspuren erforschten«, so Voß. In Schulseminaren hingegen würden Schüler*innen praxisnah erste wissenschaftliche Erfahrungen zu ausgewählten Autor*innen der Sammlung machen können.
Die Sammlung, ist sich Voß sicher, »bietet einen repräsentativen Querschnitt jener Literatur, die von verschiedenen Akteuren des NS-Staats im Jahr 1933 landesweit öffentlich verbrannt wurde. Systematisches Verbot, Indexierung und Verfolgung zogen sich bis Kriegsende 1945. Daher stehen im Leseraum Salzmann auch Werke, die 1933 zwar nicht verbrannt, aber deren Autor*innen in den Folgejahren verfolgt wurden.« Die historische Forschung kann heute nicht vollständig rekonstruieren, was bei den vielen Verbrennungen, beispielsweise in Berlin, Hamburg und München, alles ins Feuer geworfen wurde. Die Sammlung zeige allerdings sehr gut die Breite der Autorenschaft: »Da sind sehr viele bekannte Namen wie Brecht, Remarque und Zweig – das heißt bis heute kanonische (Schul-)Lektüre – dabei. Doch viele heute kaum oder gänzlich unbekannte Autor*innen ebenso, zum Beispiel Adrienne Thomas, Ernst Lothar oder Alice Berend.« Auch internationale Literatur stand auf den schwarzen Listen und ist in einem kleinen Ausschnitt in der Sammlung repräsentiert, so etwa Werke der dänischen Dichterin Karin Michaëlis, die Anfang des
20. Jahrhunderts in Deutschland sehr bekannt war.
Die überregionale Sichtbarkeit und Bekanntheit der Augsburger Sammlung ist durch die neue virtuelle Dauerausstellung seit 2022 noch einmal gestiegen. Auch der am 10. Mai 2023 anstehende 90. Jahrestag der NS-Bücherverbrennungen verschafft ihr mediale Aufmerksamkeit.
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