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a3kultur-Redaktion

Ein Interview mit Dr. Karl B. Murr, Direktor des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg.

Wir treffen uns im Nunó, der beliebten Museumsgastronomie im tim. Seit Ende März läuft auf der für Sonderausstellungen reservierten, großzügigen Halle im Obergeschoss der ehemaligen Textilfabrik die Schau »Coolness«. Anhand von rund zwanzig Themen wird Mode im 20. Jahrhundert inszeniert.

a3kultur: Coolness, macht sich so ein Titel positiv bei der Zahl der Besucher*innen bemerkbar?

Murr: Das wirkt sich sehr positiv aus. Wir konnten in den ersten sechs Wochen bereits rund 10.000 Besucher*innen begrüßen. Schönerweise funktioniert Coolness nicht nur bei jungem, sondern auch bei einem schon etwas älteren Publikum. Wir hatten heute zwei Schulklassen zu Besuch, aber eben auch einige betagtere Herren, die sich in die Lederjacke von Marlon Brando hineinträumen und das tim im Anschluss besonders beschwingt verließen.

Wenn etwas sozial relevant ist, lässt es sich auch kulturell bearbeiten

Manche Ausstellungen bescheren den Museen unglaubliche Besucherzahlen. Dennoch könnten zahlreiche Häuser ein Plus beim Ticketverkauf gut gebrauchen. Verkaufen sich diese Häuser als zu akademisch? Oder anders gefragt, sollten sich diese Museen an massenkompatiblere Themen wagen?

Es gilt für mich im Museumsbereich die einfache Faustregel: Alles, was gesellschaftliche Relevanz beanspruchen kann, ist legitim in eine Aus­stellung zu verwandeln. Natürlich muss das Phänomen gesellschaftlicher Relevanz, um das es geht, wissenschaftlich gut reflektiert sein. So ein Phänomen verhandeln wir mit Coolness, bei der es ja um einen sozialen Habitus geht. Wenn etwas sozial relevant ist, lässt es sich in der Regel auch kulturell bearbeiten. Im tim jedenfalls gehen das Soziale und das Kulturelle gut Hand in Hand. Wir wollen keinesfalls populistisch sein, gerne aber populär. Denn das folgt unserem demokratischen Impetus, Kultur als Kultur für die ganze Gesellschaft zu verstehen.

Augsburg 2040, Solidarität, Anwerbeabkommen mit der Türkei – das alles sind museale Projekte des tim mit dem Ziel, unserer vielfältigen Gesellschaft gerecht zu werden, in Teilen auf der Basis partizipativer Arbeitsmodelle. Wie aber hält man den Geist dieser Themen wach? Wie macht man ihn zum Teil des Hauses?

Es stellt wirklich eine Herausforderung dar, nach erfolgreichen Projekten den Kontakt zu den verschiedensten Communities zu halten. Gelingt das nicht, verspielt man als Kulturort seine Glaubwürdigkeit. Es bedarf deshalb hinter den Kulissen regelmäßiger Treffen, um diese wertvollen Beziehungen zu pflegen und nicht erkalten zu lassen. Gleichzeitig ist man gefordert, täglich neue Koalitionen zu schmieden und neue Synergien zu mobilisieren. Hier ist im tim der Einsatz aller im Team gefragt. Da bilden sich im Laufe der Zeit auch gewisse Vorlieben, Sympathien und Expertisen der Kolleg*innen heraus. Der persönliche Kontakt ist ungemein wichtig: sich auf Augenhöre zu treffen und bestenfalls zu vertrauen. Leider gelingt es nicht in allen Fällen. Das ist ja nur menschlich. Hier ist auch Selbstkritik gefragt. Das Projekt »Vielfalt in Augsburg« zum Beispiel, das ja auf einem Arbeitskreis beruht, hat schon viele positive Ergebnisse gezeitigt. Aber wir müssen es unentwegt neu anschieben.  

Gute Partnerschaften in der Vergangenheit sprechen sich herum und sind unerlässliche Empfehlungen für die Zukunft

Die tim-Familie wächst. Das kann man auch ganz gut bei den Vernissagen sehen. Hier treffen sich von Schau zu Schau mehr Leute. Und die meisten von ihnen hatten irgendwann einmal selbst Anteil an einem Projekt des Hauses.

Idealerweise wächst das Vertrauen in unsere Arbeit auch, wenn wir die angesprochenen Netzwerke pflegen. Das ist besonders wichtig, wenn wir Kooperationen mit Zeitzeug*innen anstreben, also mit Menschen, die zuweilen wenig bis keine Erfahrung mit Museen aufweisen. Auch wenn es um die Zusammenarbeit mit anderen Kultureinrichtungen oder privaten Sammlungen geht. Gute Partnerschaften in der Vergangenheit sprechen sich herum und sind unerlässliche Empfehlungen für die Zukunft. Es macht Spaß und Freude, stets neue Projektkonstellationen zu entwickeln, um unseren sozialen Resonanzraum zu erweitern.

Welche Rolle spielt das tim bei »DIWA 4.0«, dem neuen Projekt mit EU-Etat des Augsburger Büros für gesellschaftliche Integration von Margret Spohn und ihrem Team?

Wir sind darin mit zwei Unteranträgen vertreten, die ein sehr ansehnliches Volumen umfassen. Das eine wäre eine gelungene Fortführung des Projekts »Amigra«, also der App, die wir vor zwei Jahren auf den Weg gebracht haben mit dem Ziel, Augsburger Migrationsgeschichte erlebbar zu machen. Wir wollen das Projekt mit einer Website verstetigen und auf die Stadt Nürnberg ausweiten. Wir richten außerdem unseren Blick über die Geschichte hinaus in die Zukunft mit der Frage: Wie stellen wir uns die Gesellschaft der Zukunft vor? Bei diesem Thema konnten wir das Deutsche Museum Nürnberg (Zukunftsmuseum) mit an Bord holen.  
Das zweite Projekt ist nicht weniger ambitioniert. Wir arbeiten an einem smartphonebasierten Spiel mit dem Titel »Challenging Borders«. Darin geht es um Grenzen, wie beispielsweise Hürden beim Umgang mit Behörden, von denen migrantische Jugendliche stets herausgefordert sind. Ungerechte Grenzen aber auch, die die Jugendlichen ihrerseits überwinden müssen. In diesem Projekt wollen wir auch die Medienkompetenz der Jugendlichen stärken, etwa ein Video drehen, schneiden, eine Musik editieren etc. Am Ende soll ein digitaler Werkzeugkasten entstehen, der es spielerisch erlaubt sich selbst zu reflektieren und die eigenen Grenzen positiv zu überschreiten. Jedoch: Was einfach und spielerisch funktionieren soll, ist in der Produktion leider oft teuer. Deshalb wird der Löwenanteil des Etats an externe Spieleentwickler gehen.

Tim digital – da ist in den letzten Jahren einiges passiert. Auch auf der Basis von speziellen Fördertöpfen. Mit welchen Mitteln pflegt das tim diese digitalen Projekte, wenn die Förderung ausläuft?

Das ist eine berechtigte Frage. Beim letzten Projekt »Stoff ohne Grenzen« haben wir das Problem schon mitgedacht. Auch bei »DIWA 4.0« werden Mittel zurückfließen, um die Amigra App, solange es technisch Sinn macht, supporten zu können. Aber diese Intention war den Fördergeber*innen am Anfang nicht so leicht zu vermitteln. Mittlerweile denken diese Stellen aber selbst diese Posten mit.

Tim vernetzt – international, national, regional. Ihr Engagement ist beeindruckend (Infokasten).  Welcher Strategie folgt das Haus?

Das tim hat einerseits eine klare Mission. Unser Team verfolgt das textile Erbe Augsburgs, Schwabens und Bayerns – in Geschichte und Gegenwart. Das ist unsere Hauptarbeit. Die damit verbundenen Themen wollen wir in die Zukunft tragen und damit auch relevante soziale Fragen verhandeln und in die Gesellschaft tragen. Das heißt konkret für uns Kulturverantwortliche, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Wenn internationale Kontakte dabei helfen, diesen Auftrag zu erfüllen, begrüßen wir das. Impulse von außen kommen als Aus­stellungsideen zurück, als Kooperationsoptionen oder als Kontakte zu international renommierten Sammlern. So ein Netzwerk will gut ge­pflegt werden – ich persönlich tue das auch im Ehrenamt. So ist es nach der Pandemie nun wieder möglich zu reisen und unterwegs zu sein. Auch hier ist der persönliche Kontakt für den Aufbau und die Pflege von Netzwerken unerlässlich. Wenn ich reise, lerne ich dabei ständig dazu. Und davon zehren, wie ich hoffe, letztendlich alle Beteiligten.

 

Dr. Karl Borromäus Murr ist neben den unten genannten Engagements Mitglied beim Deutschen Museumsbund und ICOM Germany.

Pool of Experts der European Museum Academy, Vorsitzender der Preisjury der European Museum Academy sowie des Museumspreises Živa – Award for Slavic Cultural Heritage, 2015 und 2016 Gastdozent der Università di communicazione e lingue IULM, Mitglied im Vorstand der European Museum Academy, 2017 bis 2019 Vorsitzender des Wissenschaftlchen Beitrats der sächsischen Landesausstellung »Boom – 500 Jahre Industriekultur in Sachsen«, 2017–2022 Beratungstätigkeit für das Museumsprojekt »Groote Museum« in Amsterdam, Mitglied im Kulturbeirat der Stadt Augsburg, im Hochschulrat der Technischen Hochschule Augsburg und Teil des International Advisory Council für die Stiftung Musil in Brescia, Vorsitzender der European Museum Academy, Mentor für die Bayerische Museumsakademie, Mitglied an der Ludwig-Maximilians-Universität sowie der Schwerpunkt-Gruppen »Global Dis/Connections: Globale Nicht-/Verbindungen« und »Materiality – Museology – Knowledge« am Center for Advanced Studies der LMU.

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