Politik & Gesellschaft

Leerstände: ungewohnt lebendig

a3kultur-Redaktion

Leerstände beklagen ist derzeit keine Kunst. Sie zu beleben – inzwischen unmöglich, oder? Martina Vodermayer im Gespräch mit den Kulturmacher*innen Leonie Pichler und Lisa McQueen.

Die kreativen Macherinnen Leonie Pichler und Lisa McQueen haben mit spektakulären Projekten das Gegenteil bewiesen: Diesen Sommer weckten sie Augsburgs freie Kunst­szene aus ihrer jahrelangen Selbstbegrenzung. Im Gespräch mit a3kultur teilten die beiden Kulturpionierinnen ihre Ideen und Erfahrungswerte, wie Kunst sich urbane Räume zurückerobern kann.

Anfang August wirkt das rauschhaft bunte »House of New Realities«, als sei es schon ewig nicht aus der Stadt wegzudenken. Dabei zog die Kunst erst vor wenigen Wochen in den zentral versteckten, baufälligen Hinterhof. Wenig später wird sie hier wieder verschwinden. Am Samstagvormittag trifft man sich zum Nachbarschaftsbrunch im Café Édêr.Binnen Kurzem wandelte sich die frühere Werkstatt zum farbenfrohen, gesprächigen Herzstück des kollektiven Kunstwerks.

Mittendrin findet Leonie Pichler ein paar ruhige Minuten. Mit ihrem freien Theater­ensemble Bluespots Productions hat sie hier ungeheuer viel bewegt. Entsprechend emotional schildert sie ihren in Rekordzeit geschafften langen Weg, nicht ohne willkürliche bürokratische Hürden. Gelohnt habe es sich allemal – bei dieser Schönheit der Möglichkeiten, Historie des Ortes, zugleich Kurzfristigkeit der ganzen Aktion. So viel Aufwand für einen Kunstraum, der bald Geschichte sein wird? – »Es ist gut, wenn es dann wieder vorbei ist«, resümiert Pichler. Gerade das Zeitlimit fühle sich für sie befreiend an: »Als Theatermachende inszenieren wir für den Moment. Die Geschichten, die wir erzählen, kommen und gehen. Teil eins des Projektes war ja, eine Gemeinschaft zu bilden. Die ist jetzt etabliert, hat funktioniert, ganz viele Verbindungen sind daraus gewachsen.«

Insgesamt 55 Interessierte waren im Frühjahr dem Open Call von Bluespots Productions gefolgt. Alle fanden Platz im »House of New Realities«. Eine wichtige Entscheidung,  betont Leonie Pichler. Sie wünscht jedem Menschen das Recht, seine Gefühle in die Welt zu tragen. – »Hier präsentiert sich die Krankenschwester neben der etablierten Künstlerin, den Aktivist*innen oder einer Familie – dieses Nebeneinander finde ich so schön«, stellt sie klar. »Wir gehen hier durch und spüren in jedem Raum: Hier ist ein Mensch, der sich ausdrücken möchte. Das ist für mich Kunst.«

Veränderung wünscht sich Leonie Pichler sowohl am gängigen Kunstbegriff als auch in der herrschenden Kulturpolitik. – »Aus Sicht der Wirtschaft leben wir in einer Welt, in der KIs zunehmen und Kreativität am Ende die einzige nicht ersetzbare menschliche Ressource bleiben wird. Kreativität ist unser Alleinstellungsmerkmal, das müssen wir fördern«, betont sie nachdrücklich. Die Ressourcen dafür seien vorhanden und sollten gerechter verteilt werden, sich also nicht auf staatlich anerkannte Kunst konzentrieren. Bis dahin fordern knappe Budgets klare Kommunikation, absolute Transparenz und kreative Lösungen – so auch beim »House«. Statt Honoraren für die Teilnehmenden habe Bluespots Productions immaterielle Kompensation geboten: »Wenn man unsere geleistete Presse- und Strukturarbeit betrachtet, die Verantwortung, die wir übernommen haben, mit Miete, Abrechnung, Museumsshop etc., dann ist das eigentlich ein schöner Gegenwert«, findet Pichler. – »Wir haben hier etwas bedient, wofür es ein ganz großes Bedürfnis gab, das zeigt ja auch die hohe Beteiligung.«

Lisa McQueen sieht ebenso immensen Bedarf nach kultureller Belebung. Auch nach einem langen Arbeitstag in ihrem legendären Kätchen’s sprüht sie vor Elan beim Thema »Haus Schöne Felder«. Denn ihr Kunstkollektiv Schöne Felder e.V. gestaltet derzeit rund 1.500 qm Gewerbefläche zum Künstlerhaus um – mitten in der Stadt, für lange drei Jahre. Keine drei Wochen dauerte es, bis alle freien Atelierräume vergeben waren.

McQueen freut sich auf die enorme Vielfalt im künftigen Mikrokosmos – »vom Studiomusiker über bildende Künstler*innen, kleine Werkstätten etwa für Synthesizer oder spezielle Lautsprecherboxen. Eine Holzwerkstatt haben wir drin, ein Yogastudio kommt, einer züchtet Microgreens für Restaurants, ein Foto- und Videokünstler ist dabei«, schwärmt sie. Geplant ist außerdem eine Art Hausbar oder Café auf Spendenbasis als Gemeinschaftsort im Haus, um lockeren künstlerischen Austausch zu pflegen.

Woher die neue Lust an der Leerstandsbelebung? Lisa McQueen vertraut ihrem Gespür: »Es entsteht etwas Neues. Gewohnheiten werden aufgebrochen. Begegnung, Spannung ... außerdem Aufwertung! Kulturelle Bespielung ist immer besser als Leerstand.« Dranbleiben mit einem Plan zahle sich aus, fügt sie hinzu. Trauen müsse man sich, geeignete Angebote wahrzunehmen, »dann wird man oft überrascht – wenn Leute doch Lust haben, ihre Räumlichkeiten herzugeben für eine Zwischennutzung«. So stehe auch der Vermieter des künftigen Atelierhauses »Schöne Felder« von Anfang an begeistert hinter dem Projekt. Das Finden einer geeigneten Location sei derzeit kein Problem, eher die daran hängende Bürokratie.

Letztere kennt Lisa McQueen bereits von ihrer »Kunsthalle UG«, dem zur Galerie ausgebauten Fußgängertunnel. Eine solche Aktion überfordere die meisten Stadtangestellten, vermutet sie. »Ich hab mich da reingefuchst.« Kosten kalkulieren, Versicherungen abschließen, zahllose E-Mails schreiben, Zeitpläne abstimmen – die Kommunikation mit der Verwaltung bleibe ein Kraftakt, seufzt ­McQueen­ und setzt hinzu: »Uns ist wichtig, es professionell anzugehen«. So gelangt Schöne Felder e.V. an Zuschüsse und Sponsorings, lassen sich Unkosten beteiligter Künstler*innen abdecken, solange Fördergelder – leider – nicht per Losverfahren vergeben werden. Zudem verkauft sich Kunst in erfreulichem Umfang.

Eine Galerie für alle soll auch im neuen Atelierhaus am Milchberg entstehen; ideal, um das Innenstadtpublikum zu erreichen, ohne lange Wege wie zum Gaswerk. Für Lisa McQueen ist das Ende vom »Haus Schöne Felder« noch weit weg. Dessen in drei Jahren geplanten Abriss betrachtet sie als notwendigen Schritt, sehnt sich dennoch nach einem dauerhaften Kunstraum im Herzen Augsburgs: »Es wäre wichtig, ein solches Standing bei der Stadt zu bekommen, dass die dahinter ist, um zu sagen: Wir brauchen etwas Festes, Zentrales in der Innenstadt. Nicht unbedingt eine Zwischennutzung, sondern wirklich einen festen Ort.«
 

Lisa McQueen ist Inhaberin des Boutiquen-Cafés »Kätchen’s« im Augsburger Domviertel, Stadtratsmitglied für »Die Partei« sowie Geschäftsführerin des Kunstkollektivs »Schöne Felder e.V.« Mit großem Publikumserfolg eröffnete der Verein im Sommer 2023 seine Galerie »Kunsthalle UG« in einer Fußgängerunterführung. In Kürze will das Kollektiv sein »Haus Schöne Felder« am Milchberg beziehen, das auch als Veranstaltungsort dienen soll. 

www.schoene-felder.de

Leonie Pichler bezeichnet sich selbst u.a. als Regisseurin, Dramatikerin, Dichterin, Nomadin, Mutter, Workshopleiterin, Magierin und Kreativberaterin. Sie ist künstlerische Leiterin des 2011 von ihr in Augsburg mitbegründeten multimedialen Theaterensembles Bluespots Productions. Seit 2017 fühlt sie sich überall auf der Welt zuhause, meist im Rahmen internationaler Kunstprojekte. Zum Augsburger Friedensfest 2023 initiierte sie das »House of New Realities«. 

www.bluespotsproductions.de

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