Alles beim Alten
Jürgen Kannler traf sich mit dem Künstler Bernhard McQueen, um mit ihm über seine Zeit in Haft und die Monate danach zu sprechen.
Im Juni meldete sich Bernhard McQueen mit einer fulminanten Einzelausstellung im Kunstbetrieb zurück. Martin Ziegelmayer zeigte in seiner MZ Galerie eine Auswahl von Selbstportraits, die McQueen während seiner Haft in der JVA Gablingen geschaffen hatte. 820 Tage war er dort inhaftiert. Als Graffitikünstler hat er an fremden Wänden gearbeitet. Ihm wurde vorgeworfen, dabei einen Schaden von rund 100.000 Euro verursacht zu haben. Das bedeutet einen Tag Haft für jeweils 122 Euro angenommenen Schaden. Zum Vergleich: Ex-Audi-Chef Rupert Stadler, dem die Staatsanwaltschaft vorwarf, einen Schaden von 69 Millionen Euro verursacht zu haben, hätte nach dieser Rechnung 1.500 Jahre einsitzen müssen.
a3kultur: Wieviele Tage warst du in Haft?
Bernhard McQueen: Zwei Jahre und drei Monate, das sind 820 Tage.
War das Urteil gerecht?
Illegales Graffiti wird im Strafgesetzbuch unter §303 als Sachbeschädigung geahndet. Meine Haftstrafe hat sich aus vier unterschiedlichen Verurteilungen zusammengesetzt. Insgesamt bin ich für drei Jahre verurteilt worden, glücklicherweise durfte ich ein bisschen früher aus dem Gefängnis herausspazieren.
Ob das Urteil gerecht war … keine Ahnung, aber was ist schon gerecht in einer Welt, in der Richter, die mit Kinderpornografie zu tun haben, für zehn Monate auf Bewährung verurteilt werden?
Bist du – oder warst du – wütend auf Richter und das Justizsystem …?
Als ich ins Gefängnis gekommen bin, war ich zuerst einmal wütend auf alles, was damit zu tun hat. Das hat sich aber relativ schnell gelegt. Irgendwann arrangiert man sich mit jeder Situation, und inzwischen ist ein großes Unverständnis für die Unverhältnismäßigkeit mancher gerichtlicher Urteile eingetreten. Ob das Konstrukt Gefängnis noch zeitgemäß ist, sei mal dahingestellt.
Wann wurdest du entlassen?
Entlassung war am 5. Oktober 2022. Das ist jetzt zehn Monate her.
»Wenn du ein Arschloch bist, wirst du auch wie ein Arschloch behandelt.«
Lässt sich der »Schaden«, den du mit Sprayen verursacht hast, in Euro beziffern?
Das waren in etwa 100.000 Euro, wobei diese Summe von der Polizei festgelegt wurde und hinten und vorne nicht stimmt. Da kann ich ein skurriles Beispiel während einer Gerichtsverhandlung nennen: Zur Verhandlung stand ein »Fire-Extinguisher-Tag«, das sind sehr große Buchstaben, die mit einem farbgefüllten Feuerlöscher an eine Wand gesprüht werden. Die Polizei hat dafür einen Sachschaden von 12.000 Euro angesetzt. Glücklicherweise war die Reinigungsfirma, die dieses Graffito entfernt hat, als Zeuge zu der Verhandlung geladen. Sie hat besagte Sachbeschädigung für sage und schreibe 1.200 Euro entfernt. Daher lässt sich der »Schaden« nicht wirklich beziffern …
Wie reagierten die Mithäftlinge auf dich?
Meine Mithäftlinge haben gut auf mich reagiert. Das hat weniger mit der Tatsache zu tun, dass ich wegen Graffiti inhaftiert war, eher kommt es darauf an, ob man ein umgänglicher Typ ist. Wenn du ein Arschloch bist, wirst du auch wie ein Arschloch behandelt.
Hast du in der Haft gearbeitet?
Im Gefängnis, in dem ich gastierte, gibt es eine Arbeitspflicht, d.h. man muss arbeiten, ansonsten wird einem der Gefängnisaufenthalt in Rechnung gestellt. Daher war meine offizielle Arbeit in Haft in der Küche. Ich habe auch versucht eine Ausbildung als Koch dort zu machen, Zeit sinnvoll nutzen und so, aber man wollte mich in Gablingen nicht ausbilden. Und natürlich war ich auch dort drinnen weiterhin Künstler.
Wie hast du sonst die Zeit genützt?
Lesen und Malen waren mein häufigster Zeitvertreib, dicht gefolgt von Kaffee und Zigaretten.
Du hast eine Serie von Selbstportraits geschaffen. Welche Bedeutung hatte diese Beschäftigung für dich?
In erster Linie waren die Selbstporträts für meine Frau. Wir haben uns fast zwei Jahre nur mit Maske (pandemiebedingte Maßnahmen – Anm. d. Redaktion) während des Besuchs gesehen. Meine Frau hat mir natürlich Fotos von sich schicken können, und die einzige Möglichkeit, meinen Bartwuchs für meine Frau zu dokumentieren, war es, ihr gemalte Selbstporträts zu schicken. Und Malen war im Gefängnis ein sehr guter Zeitvertreib.
Unter welchen Bedingungen sind die Arbeiten entstanden?
Meistens sonntags an meinem arbeitsfreien Tag in Haft. Kurzer Blick in den Spiegel, und dann gemalt. Leider wurden mir im Gefängnis nur Malutensilien gestattet, die zu keiner ernsthaften Sachbeschädigung führen; heißt: ich hatte Buntstifte und einen Wasserfarbmalkasten ohne Deckweiß, wie in der Grundschule.
»Willst du den Künstler, bekommst du auch den Ex-Häftling – und umgekehrt.«
Was geschah mit den Portraits?
Sobald eins fertiggemalt war, wurde es in einen Umschlag gesteckt und direkt verschickt. Bei vielen Arbeiten habe ich mich nicht mehr erinnern können, dass ich sie gemalt habe.
Wie war die Besucherregelung in Haft?
Zwei halbe Stunden im Monat; eine sehr »sinnvolle« Regelung, um soziale Kontakte aufrechtzuerhalten.
Wer hat dich besucht?
In erster Linie meine Frau.
Du bist verheiratet. Hattest du Angst, dass die Zeit in Haft die Beziehung zerstört?
Nope.
Hattest du Angst, verlassen zu werden?
Nope.
Hattest du in der Haft Depressionen, Wut?
Depressionen, nein. Wut, von Zeit zu Zeit.
Nach der Haft hast du einige Monate lang ein Praktikum bei a3kultur absolviert, dann diverse Projekte verwirklicht, wie die Ausstellung »Kunsthalle UG« in der Unterführung beim Kongress am Park, das Atelierhaus Wein Bayerl …
Mein Leben verläuft wie vor der Haft: Projekte, Projekte, Projekte … nur ohne illegales Graffiti (lacht)
Du bist eine bekannte Persönlichkeit.
Echt?
Du hast dein künstlerisches Spektrum erweitert. Hat sich – oder wird sich – die Haftzeit positiv auf den Verkauf deiner Kunst auswirken?
Das ist eine gute Frage. Ich hatte vor meiner Haft schon Bilder verkauft und von meiner Kunst gelebt. Vielleicht hat der Gefängnisaufenthalt zu einer ernsthafteren Wahrnehmung meiner Kunst beigetragen. Zumindest hat er mir zu meiner ersten Einzelausstellung in der Galerie MZ verholfen.
Wie empfindest du das Interesse an Bernhard McQueen, dem Ex-Häftling, im Kontext zum Interesse an dir, dem Künstler?
Beides ist dieselbe Person. Da kann ich nichts daran ändern. Willst du den Künstler, bekommst auch den Ex-Häftling – und umgekehrt. (lacht)
Wie geht es dir heute mit dem, was war, und dem was ist?
Alles ist beim Alten. Meine Frau sagt, dass ich strukturierter bin als vorher. Persönlich würde ich sagen, dass ich ein bisschen ruhiger geworden bin; ein ganz kleines bisschen.
Bist du Optimist?
Aber selbstverständlich.
Bernhard McQueen in seinem neuen Atelier. Es befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Weinhandlung Bayerl in der Altstadt von Augsburg. Gemeinsam mit seiner Frau Lisa und den Freund*innen aus dem Verein Schöne Felder, entwickelt er dort ein Projekt, das auf drei Jahre bezahlbare Arbeitsräume für Künstler*innen sichern wird und sich in der Zeit als Kulturort etablieren soll.
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