Ausstellungen & Kunstprojekte

Es ist nicht leicht, ein Faun zu sein

Der Autodidakt Heinz Braun aus Germering galt vielen nur als malender Briefträger. Die aktuelle Retrospektive der Kunstsammlungen im Holbeinhaus zeigt: Braun war ein echter Vollblutkünstler – und eine schillernde Persönlichkeit.

Die oberbayerische Provinz ist dieser Tage zu Gast in den Räumen des Kunstvereins Augsburg, dem Holbeinhaus. Und sie gibt sich alles andere als bieder, soviel vorweg. Aber der Reihe nach: 

Einmal im Jahr überlässt der Kunstverein Augsburg das Haus im Lechviertel den Kunstsammlungen & Museen Augsburg für eine Ausstellung. Dafür haben diese sich dieses Jahr den Maler Heinz Braun ausgesucht. Der war Jahrgang 1938 und zunächst einmal kein Künstler, obwohl im Zeichnen nicht untalentiert. Aber er verdiente sein Geld als Postbote im oberbayrischen Germering, als es noch nicht unter der Dachmarke »Greater Munich« gefürt wurde. 

Ein Leben zwischen Bürgerlichkeit und Eigensinn 

Wir schreiben die frühen 1970er, eine Zeit, in der es brodelte, auch in den beschaulichen Kleinstädten Bayerns, wo die Welt in Ordnung schien. Jede und jeder hatte ihren/seinen Platz, auch Braun. Die Zeit der 1968er hatte allerdings auch hier ihre Spuren bei der jungen Generation hinterlassen. In München veröffentlichte Herbert Achternbusch, vom gleichen Jahrgang wie Braun, seine ersten Romane und schickte sich an, Bayern anarchischster Filmemacher zu werden, in dessen Filmen Braun denn auch hie und da als Akteur auftaucht. 
Im niederbayerischen Straubing kaufte sich ein junger Keramiker namens Hans-Jürgen (Buchner) das Equipment für Musikaufnahmen zusammen, die ab den frühen 1980ern unter dem Orts- und Bandnamen »Haindling« zum Synonym für hochgradig eigensinnige Heimatklänge werden sollten.

In diesen Kreisen verkehrte nun unser malender Germeringer Briefträger, und er passte in die Szene: Seine Kunst wie er selbst: launisch, ungestüm, dann wieder sensibel und von harmonischem Temperament. Wie sein Sohn Alexander Braun, der den Nachlass von ca. 800 Werken verwaltet, aus denen sich die Kuratorin Julia Holzmann von den Kunstsammlungen eine facettenreiche Auswahl zusammnstellte, zu berichten weiß, ließ sein Vater bei seinen Touren auch mal die Post liegen,um spontan etwas auf den Skizzenblock oder die Leinwand zu bannen. 

Herausgekommen ist dabei alles andere als brave, gefällige Landschafts- oder Portätmalerei. Natürlich musste sich der Autodidakt erst einmal das malerische Handwerkszeug »draufschaffen«, dies ist an diversen, auch späteren Landschaftsbildern ersichtlich, in denen er die klassische Moderne durchdekliniert, aber zwischenzeitlich explodierte seine Kreativität und mit ihr die Farbe geradezu.

Da stehen sich Boxer und Hunde feindselig gegenüber, da haut er die Farbe nur so heraus, um an anderer Stelle vorsichtige Akzente zu setzen (wie einem seiner Mutter zum Geburtstag gewidmeten Bild, auch expressiv, aber doch fein gearbeitet, mit »angezogener Handbremse«). Ein Schwein in Bonbonfarben stakst da mit unbekanntem Sinn unverdrossen durch die Landschaft. Auf anderen Bildern starren einen teils maskierte und entblößte Bürger*innen unfroh an. Mitunter handelt sich dabei tatsächlich um reale Personen aus Brauns Umfeld. 

Kein Wunder, dass die Band Haindling ihn für den Richtigen hielt, das Cover für ihre 1984er-Single »Du Depp« zu malen, das eben diese leise Aggression mit leuchtenden Farben und einer gewissen vornehmen Zurückhaltung ebenso abbildet wie seine Porträts und Selbstporträts, mal als düsterer Zigarettenraucher im unterkühlten erotischen Milieu, dann wieder stolz, stattlich, selbstbewusst entblößt, die »Wampn« auch noch zusätzlich gestaucht durch die Krümmung irgendeines Autorückspiegels, der gerade als Einziges zur Hand war, hier, »800 Kilometer vom Meer entfernt« (1978).

Pfeil im Hals

In den letzten Jahren fließt dann die Krebserkrankung in Brauns Werk ein. Die Lymphdrüsen waren es, und so stellt er sich in seinem Werk »Liebesüberredung« auch als Heiliger Sebastian dar, mit einem Pfeil genau an eben dieser Stelle am Hals steckend. Zwei Jahre später sollte er den Kampf gegen den Krebs verlieren. Er erlebte nicht mehr Tschernobyl, die Ausschreitungen in Wackersdorf an Ostern 1986, das Ableben von Franz-Josef Strauß und den Weg in die 1990er und 2000er-Jahre mit Wiedervereinigung und Globalsierung, der Privatiserung der Bundespost und vielen anderen Veränderungen. Wer weiß, wohin er, der sich nie eine Masche, einen festen Stil angeeignet hatte, künstlerisch noch hingelangt wäre? Verflacht ist er dabei nie, stets hat er sich eine gewisse Radikalität und Energie des Ausdrucks erhalten. 

Es muss nicht leicht gewesen sein, dieses Leben zwischen Bürgerlichkeit und Eigensinn zu führen, auch nicht, einen solchen Menschen zum Vater zu haben. Aber im Gegensatz zu mancher Existenz in der Provinz sicher ungemein spannend.

Der bei der Vernissage Anfang Oktober anwesende Braun jr. (siehe Fotogalerie) präsentiert daher nicht ohne Stolz die Werke seines Vaters. Und brachte selbst noch eine Band aus Germering mit. Diese rockt das Haus sicher nicht mit der sinistren Energie der Bilder Heinz Brauns, aber vielleicht wollte man das Vernissagenpublikum 40 Jahre später, aber immer noch in der Provinz in Bayern, nicht überfordern. 

»Die Erde verreist. Bilder und Zeichnungen von Heinz Braun (1938-1986)« ist bis 12. November dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr im Holbeinhaus zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Am Sonntag, 12. November (letzter Tag der Ausstellung) um 11 Uhr wird es ein anderthalbstündiges Filmessay mit dem Titel »Bilder aus dem Notfallkoffer – Der Maler Heinz Braun« von Bernt Engelmann und Gisela Wunderlich geben.

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de/heinz-braun

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