Den Weltuntergang auslösen
Das 22. Lab.30: Von singenden Ziegen bis hin zur Weltuntergangsuhr. Ein Beitrag von Maya Aggensteiner, FOS-Praktikantin bei a3kultur.
Unterschiedlichste Töne, Gerüche und einiges an Bewegung – so viel Leben ist unüblich für eine Kunstausstellung. Meist wird geflüstert und erst recht nichts angefasst, einzig und allein betrachet werden die Ausstellungsstücke.
Diese Tabus bricht das Lab.30 und spricht mit 16 vielfältigen Exponaten mehr Sinne als nur die Augen an. Künstler*innen aus Deutschland, Europa und Kanada verbinden hier Medienkunst mit Umwelt und Natur und setzen sich unter dem diesjährigen Motto »transform«„ mit Zukunftslösungen und nachhaltigen Perspektiven auseinander. Die Kunstwerke regen die Besucher zum Nachdenken an, einige von ihnen fordern auch zum Interagieren auf. Am Eröffnungstag des Lab.30 hatte ich die Ehre, als eine der ersten bei einer Presseführung diese futuristische Welt zu bestaunen. Ich hatte zuvor nur eine vage Vorstellung davon, was sich hinter dem Begriff »Medienkunst« verbirgt, und wusste noch nicht so recht, was mich in der Ausstellung im Kulturhaus Abraxas erwarten würde. Doch hätte ich Erwartungen gehabt, wären diese mit Sicherheit übertroffen worden.
Für die Dauer der Führung war ich gefesselt von den nahezu übernatürlichen Exponaten, die jedoch auch einen bleibenden Eindruck hinterließen. Ich bewundere die Jury, die den Lab-Award vergeben muss, denn ich tue mich schwer dabei, mich für mein persönliches Highlight zu entscheiden.
Sehr weit nach oben in meinem Ranking schaffen es jedoch mit Sicherheit die Opern singenden Ziegen ( Installation »The_oaten_flute«, siehe Bildgalerie) der Hamburgerin Tintin Patrone. Sie sind zwei überlebensgroße Roboter im Erscheinungsbild von Babyziegen und bewegen sich mithilfe von Hunderollstühlen in einem Welpengitter. Und nicht zu vergessen, sie singen dabei eine etwa einstündige Oper, erstellt von einer KI, und zwar textlich passend zur alpinen Schäferidylle.
Ein weiteres nahezu verzaubertes Ausstellungsstück, ebenso unter Einbezug der Natur, stellt »Permanent Planting« von Hye Young Sin dar (siehe Bildgalerie; auch Gewinnerin des 1. Kids' Choice Award in der Lab.30-Historie – Anm. d. Red.). Sie erzählt, wie sie vom Zwiebelanbau in Südkorea inspiriert wurde, insbesondere der Farm ihrer Mutter. So entwickelte sie eine kinetische Installation, angelehnt an die Dauerkultur. Zarte, weiße Papiertriebe reagieren auf Berührungen der Besucher, und mithilfe von elektrostatischer Energie wird die Anfälligkeit von Pflanzen auf Umweltbedingungen simuliert. Hye Young Sin demonstriert uns dies, indem sie ihre »Pflanzen« fönt, welche sich anschließend aufrichten. Weiter geht es mit dem »Chemical Ecosystem« (siehe Bildgalerie) von Yolanda Uriz Elizalde, angefertigt in Barcelona. Hier baumeln blau leuchtende, blumenähnliche Gebilde von der Decke, die neben Geraäuschen auch noch Gerüche abgeben. Die Künstlerin hat sich von der ansteigenden audiovisuellen zwischenmenschlichen Kommunikation bewegen lassen, die keinen Platz mehr für die oftmals entscheidende »Chemie« lässt. Ihre Installation reagiert mit veränderten Tönen auf die Interaktion der Menschen.
Staunen und Schmunzeln, vom Keller bis zum Dach
Besonders diese drei Kunstwerke haben mich persönlich in ihren Bann gezogen, da sie (wie einige weitere) ein Zusammenspiel aus Natur und Technologie darstellen, was sich zunächst nicht vermuten lässt. Fest steht, das Lab.30 bietet einem breiten Publikum einen Einblick in einen medialen Bereich der Kunst, der auf der einen Seite verzaubert und zum Staunen und Schmunzeln bringt, sich andererseits aber auch mit ernsten Themen und Problematiken auseinandersetzt. Dass man dies auch wunderbar verbinden kann, zeigt beispielsweise Josée Brouillard mit der »Weltuntergangsuhr« in ihrer Installation »5 4 3 2 1«(siehe Bildgalerie), bei welcher die Besucher herausgefordert werden, mit einem Fußschalter den Weltuntergang auszulösen. Dass das Lab für alle Generationen geeignet ist zeigt eine App, ausgerichtet auf jüngeres Publikum, die per QR-Code scanbar ist und durch die Ausstellung führt. Abschließend lässt sich sagen, dass das Abraxas wortwörtlich vom Keller bis zum Dachboden im Rahmen des Lab.30 mit den verschiedensten Besonderheiten gefüllt ist, für jede und jeden ist etwas dabei.
Lab.30, das Augsburger Medienkunst-Festival, findet noch bis einschließlich Sonntag, 29. Oktober im Abraxas sowie an weiteren Spielstätten statt. Infos unter www.lab30.de
Update 29. Oktober 2023:
Der mit 1.000 Euro dotierte Lab-Award 2023 ging an Tintin Patrone mit »The_oaten_flute«.
Der diesjährige Publikumspreis ging an die interaktive Installation »The Jam« (siehe Bild oben).
Den ersten Kid's Choice Award in der Lab.30-Historie gewann »Permanent Planting« von Hye Young Sin.
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