Die Bastmenagerie
Das tim wird bis zum nächsten Sommer zum Lebensraum einer Vielzahl von Tieren aller Arten und Größen.
Der tierische Nachlass von Else Stadler-Jacobs (1899–1997) lagerte jahrzehntelang gut verpackt, aber unbeachtet auf dem Dachboden ihrer Familie, bis er dank der Kuratoren Christoph Sauter, Daniel Karrasch und Barbara Kolb (tim) seinen Weg ins Museum fand. Etwa 500 bezaubernde Tiere, entstanden in der »Bastowerkstatt« von Stadler-Jacobs, haben sich in der Dauerausstellung des Textil- und Industriemuseums Augsburg (tim) ausgebreitet.
Küken, Krokodil oder Kakadu – was auf den ersten Blick wie Spielzeug anmutet, besiedelte ursprünglich als Dekoration Vitrinen und zierte Kommoden. Die aus Draht, Holzwolle und farbigem Bast handgefertigten, fragilen Wesen würden stürmischer Kinderliebe auch kaum standhalten, wie ein eigens von Stadler-Jacobs für die Enkel gefertigtes, ziemlich zerzaustes Lamm belegt. Die Tiere aus der »Bastowerkstatt« waren von den 1920er- bis zu den 1970er-Jahren überaus beliebt, nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und Kanada.
Die Schöpferin dieser veganen Menagerie, Else Stadler-Jacobs entstammte einer kunstsinnigen Familie: der Vater Dekorationsmaler, die Mutter Fotografin. Nach ihrem Studium an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München arbeitete Stadler-Jacobs als freie Kunstgewerblerin, entwarf Kissenbezüge, Stoffmuster oder Spielzeug, wobei Tiere von Anfang an ein vorherrschendes Motiv darstellten.
Ihre dekorativen Tierfiguren aus Stoff, Filz und Wolle verkauften sich gut, hatten aber einen entscheidenden Nachteil: sie waren schlecht zu reinigen. Die Lösung war Raffia-Bast, mit dem Stadler-Jacobs bereits Kissen bestickt hatte: glatt, vielseitig, gut zu färben und nicht zuletzt kostengünstig.
Um ein aus Draht geformtes Grundgerüst wurde mit Holzwolle das jeweilige Tier geformt, mit in der Werkstatt gefärbtem Bast straff umwickelt und schließlich mit den speziellen Details bestickt, wobei vor allem die Augen von großer Bedeutung waren. Gefertigt wurden die zentimeterkleinen oder metergroßen Tiere von mehreren Händen, entworfen wurden sie aber ausschließlich von Stadler- Jacobs, die auch die Endkontrolle und eventuelle Korrekturen vornahm.
Naturgetreue Darstellung und karikaturhafter Witz
Wichtigster Vertriebsweg für die hochpreisigen Tiere aus der »Bastowerkstatt waren Messen wie die Grassimesse in Leipzig oder der Kunstgewerbeverein München. Während der Kriegsjahre ab 1939 ruhte die Produktion weitgehend, da kein Raffia-Bast verfügbar war. Die 1950er Jahre mit ihrer Freude am Dekorativen brachten auch der Bastowerkstatt den wirtschaftlichen Aufschwung, doch Stadler-Jacobs litt unter gesundheitlichen Problemen, sodass sie schließlich zu Beginn der 1970er ihren Betrieb auflöste.
Geblieben sind uns heute die Tiere, die bei Stadler-Jacobs im heimischen »Biotop« überlebten. Diejenigen Exemplare, die in die Welt hinausgingen, sind wohl eher den Weg alles Irdischen gegangen …
Die ungemein anziehenden Basttiere entwickeln ihren Reiz durch die Paarung von naturgetreuer Darstellung und manchmal karikaturhaftem Witz, hinzu kommt das Spiel mit den Dimensionen wie bei einem putzigkleinen Krokodil oder dem monstergroßen Marienkäfer. Es bereitet große Freude, durch die Räume desTim zu streifen und immer wieder auf eines dieser Basttiere zu treffen, (hinter(sinnig) platziert, wie die Spinnen auf dem Webstuhl, Meeresgetier inmitten von Badeanzügen, oder ein Pfau neben einem funkelnden Paillettenkleid aus den 1920er Jahren. Zum krönenden Abschluss lassen sich – präsentiert wie in einem altmodischen Naturkundemuseum – in einer großen Vitrine noch einmal alle möglichen Tierwesen bestaunen…
Neben der Freude an dieser ebenso humorvollen wie informativen Inszenierung sollten wir nicht übersehen, dass die Arbeit von Else Stadler-Jacobs auch ein Beispiel dafür ist, wie Frauen im 20. Jahrhundert ihren Markt und ihre Nische zwischen Kunst und Handwerk fanden. In der bildenden Kunst wurden sie oft abgeblockt oder in vermeintlich weibliche Ecken geschoben (man denke an Anni Albers, die, vom Bauhaus kommend, die Webkunst auf ein enorm hohes Niveau hob). Einen mit Stadler-Jacobs vergleichbaren Weg nahm die Glaskünstlerin Ida Paulin, der die Kunstsammlungen Augsburg im Schaezlerpalais zurzeit eine große Werkschau widmen. Beide Frauen haben sich spezialisiert und ihre Arbeiten als Marke etabliert. Sie lieferten ausgesprochen hohe Qualität in Entwurf und Ausführung und waren zudem wirtschaftlich lange Zeit sehr erfolgreich.
Die Ausstellung »Tiere im Tim. Kunsthandwerk aus Bast von Else Stadler-Jacobs« ist in die Dauerausstellung des Textilmuseums eingebettet und dort bis 28. Juli 2024 zu erleben.
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