Literatur

Der Kunstermittler

a3kultur-Redaktion

Kurz vor Weihnachten erschien mit »Wintertausch« der zweite Augsburger Kunstkrimi von Toni Ludwig im Wißner-Verlag. 

Peter Schramm ist Kunstermittler. Er wird gerufen, wenn Kunstwerke verschwinden, Besitzverhältnisse zur Klärung anstehen oder die Provenienz von Exponaten nicht nachzuvollziehen ist. Man könnte ihn auch einen Detektiv nennen. Für einige der Figuren, denen wir in Toni Ludwigs bisher zweiteiliger Kunstkrimireihe begegnen, ist Schramm schlicht ein Schnüffler. Eine Bezeichnung, die er mit Empörung von sich weist. Dabei hat sie doch auch historische Wurzeln und war einst den preußischen Qualitätskontrolleuren für Kaffee oder Tee vorbehalten. Seit damals wurde sie jedoch in der Hauptsache eher despektierlich angewandt.    
  
Als promovierter Kunsthistoriker verfügt Peter Schramm über ein immer wieder verblüffendes Fachwissen, nicht nur zur europäischen Kulturgeschichte. Er ist bewandert in Fragen der Architektur vom frühen Mittelalter bis heute und des Städtebaus in allen möglichen Epochen, er weiß um die Verästelungen sozialer Milieus und die menschlichen Schwächen in Vergangenheit und Gegenwart.

Natürlich ist sein Kunstgeschmack geschult, gefestigt und markterfahren. Seine speziellen Vorlieben, denen er gerne Platz in der eigenen Sammlung einräumt, belegen seine tiefgehende Expertise. Dieser hat er auch so manches gute private Kunstgeschäft zu verdanken, das sich ihm im Lauf der Jahre auftat.

Sein Reich besteht nicht nur aus Museen und Galerien, Bibliotheken oder Archiven. Schramm fühlt sich ebenso auf Flohmärkten und in Trödelläden zu Hause, in Auktionshäusern und Antiquitätengeschäften. Ludwig legt in seinen Romanen immer wieder lustvoll Wert darauf, die mannigfachen Verbindungen zwischen Kunst und Geld aufzuzeigen und zu hinterfragen. Dass er seinen Schramm, der einen gehobenen Lebensstil durchaus zu schätzen weiß, zuweilen auch in finanziell eher prekären Verhältnissen ansiedelt, macht den notorischen Schlauberger und Genießer sympathisch. So funktioniert gute Krimiunterhaltung.

Seinen Lebensmittelpunkt hat der Kunstermittler in Saarbrücken. Wohl schon über Generationen lebt seine Familie in diesem Grenzland zwischen den Nationen rechts und links des Rheins. Wen wundert es da, dass er sich ebenso in Frankreich wie in Deutschland heimisch fühlt. Schramm ist Europäer aus Überzeugung und Saarländer aus Leidenschaft – bis hin zur Skurrilität. So führt er allen Ernstes Listen über Saar­länder*innen, die es zu Bedeutung und Ruhm gebracht haben. Wie die meisten Spleens hält auch dieser einige für Außenstehende recht unterhaltsame Pointen bereit. Zum Beispiel die Information, dass die Familien gleich mehrerer US-Präsidenten aus der Herzensregion unseres Ermittlers stammen – darunter die Eisenhowers und die Trumps.

Schramm nennt ein historisches Häuschen im Zentrum von Saarbrücken sein Eigen. Es dient ihm als Privatmuseum, Forschungsbibliothek und kulinarisches Experimentierfeld. Denn neben der Kunst ist Schramm auch auf dem weiten Feld des Essens und Trinkens bewandert. Er ist in der Lage, ebenso schmackhafte wie ursprüngliche Gerichte zu zaubern und diese Vergnügungen mit einigen Gläschen des jeweils passenden Weins zu veredeln. Oft bedient sich Schramm dabei der Rezepte und der Ratschläge seiner Großmutter. Sie geistert durch die Romane als eine Art liebenswertes Faktotum. Der Autor liefert den Leser*innen dabei einige amüsante Exkursionen in die Mundart an der Saar.  Wer wissen möchte, welche Köstlichkeit sich hinter dem Begriff Roschdische Ritter verbergen, findet die Auflösung in Ludwigs neuestem Band »Wintertausch« auf Seite 31.      

Man muss nicht lange grübeln, wo das Herz von Schramm schlägt. Es pulsiert zweifelsfrei an der Saar. Sein Geld verdiente der Ermittler, zumindest in den ersten beiden publizierten Fällen, weitgehend zwischen Lech und Wertach. Ludwig beschreibt Augsburg und seine Menschen nicht ohne Sympathie. Aber dennoch mit einer deutlichen Distanz, die sich wohltuend von vielen Regionalkrimis abhebt.

Einige Persönlichkeiten und Institutionen der Stadt sind so gut getroffen, dass sie während der Lektüre unweigerlich vor dem geistigen Auge erscheinen. Die Expertise des Autors über diverse Augsburger Verhältnisse, Eigenheiten und lokale Einrichtungen lässt den Schluss zu, dass er über längere Zeit an seinem Handlungsort Erfahrungen sammeln konnte.

Um aus dem Buch einen Augsburger Kunstkrimi zu machen, bedurfte es im Plot einiger »unglaublicher Zufälle« – so ließ Ludwig die Handlungsstränge eben mit einigem Augenzwinkern in Augsburg zusammenlaufen. Schramms Freund Moritz sorgt als externer Sidekick dafür, dass die Story sich nicht im allzu Schwäbischen erschöpft. Ebenfalls gelernter Kunsthistoriker, aber ausgestattet mit einem rustikalen Naturell, erweist er sich als zupackender Mann fürs Grobe.      

Gemeinsam lösten die beiden bereits vor zwei Jahren den Fall um eine verschollene Silberkammer in einem Augsburger Patrizierhaus. Nun lüften sie in »Wintertausch« das Geheimnis um einen Kunstdiebstahl, der zuerst gar keiner war und dann eben doch einer wurde. Alles sehr mysteriös und gut unterhaltend.

www.wissner.com

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