Politik & Gesellschaft

Akzente setzen

Bezirkstagspräsident Martin Sailer
a3kultur-Redaktion

Ein Interview mit Bezirkstagspräsdent Martin Sailer über nachhaltiges Handeln in der Kulturarbeit des Bezirks Schwaben. 

a3kultur: Nachhaltigkeit, das ist das Thema des Jahres beim Bezirk Schwaben. So ein Motto ist schnell gewählt, lässt sich gut kommunizieren, funktioniert in der Öffentlichkeit. Aber wie ist denn der Bezirk inhaltlich im Bereich Nachhaltigkeit aufgestellt? 

Martin Sailer: Nachhaltigkeit findet sich in vielen Bereichen des Bezirks Schwaben. Bei unseren sozialen Pflichtaufgaben geht es um nachhaltige Themen wie Gesundheit, Inklusion und die Unterstützung von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderung. Nachhaltiges Handeln bestimmt auch unsere freiwilligen Aufgaben, die wir etwa in unserer Kulturarbeit übernehmen. 

Wo genau trifft die Kulturarbeit des Bezirks Schwaben auf Nachhaltigkeit? 

Wir verfolgen einen klaren Kulturauftrag über ein breites Spektrum. Da ist zunächst unsere Bezirksheimatpflege, die den Menschen schwäbische Identität, Kultur und Heimat näherbringt. Unseren Auftrag erfüllen wir auch mit unseren Museen, verschiedenen Bildungsangeboten und Fördermöglichkeiten. Wir engagieren uns zum Beispiel gleichermaßen im Bereich der Trachten und Volksmusikberatung wie in der Popkultur. Diesen Ansatz in unserer Kulturarbeit würde ich unter dem Begriff Nachhaltigkeit zusammenfassen. 
 

Generationswechsel 

Der Bezirk ist alleiniger Träger einiger bedeutender schwäbischer Kulturorte, in Teilen aber auch Kooperationspartner, wie zum Beispiel beim Kurhaus Göggingen. In zwei dieser Einrichtungen stand bzw. steht ein Generationswechsel auf Leitungsebene bevor. In solchen Situationen werden entscheidende Weichen für die Zukunft gestellt. Nicht zuletzt auch bei der Frage, wie nachhaltig bisher Geleistetes weitergeführt werden kann, ohne immer im gleichen Fahrwasser zu verweilen. Nach welchen Prinzipien gestalten Sie solche Prozesse? 

Sie sprechen zwei zentrale Kultureinrichtungen an: unser Museum Oberschönenfeld in Gessertshausen und unser Museum KulturLand Ries in Maihingen. In Maihingen ist uns der Generationswechsel mit Frau Conny Zeitler an der Spitze gut gelungen. Und wenn die langjährige Leiterin unseres Museums Oberschönenfeld, Frau Dr. Beate Spiegel, in einigen Wochen in den verdienten Ruhestand geht, sind wir vorbereitet. Generationswechsel haben sehr viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Es ist wichtig, dass es eine gewisse Zeit der Überschneidung und Überlappung gibt, in der die bisherige Museumsleitung und die neue Museumsleitung noch gemeinsam vor Ort sind.

Hat nicht auch ein komplett unvoreingenommener Anfang seine Berechtigung? 

Die neue Generation soll bei uns für Neues offen sein. Sie bekommt die Freiheit, eigene Impulse zu setzen. Zugleich wollen wir das wertvolle Wissen bewahren, das zum Beispiel Frau Dr. Spiegel in all den Jahren erworben hat. Ich will im Bezirk gern über neue Formate diskutieren, über andere Veranstaltungen, über andere Schwerpunktsetzungen. Dabei geht es auch um die Sichtweise einer neuen Generation und den Respekt, den man dafür aufbringen muss. 

Können Sie das am Beispiel des Museums KulturLand Ries verdeutlichen? 

Frau Zeitler trägt auf der einen Seite das Grundverständnis des Museums weiter. Trotzdem ist sie offen für neue Formate, Veranstaltungsthemen, Schwerpunktsetzungen. Die Erwartungshaltung, die Besucherinnen und Besucher an unser Museum haben, entwickelt sich laufend weiter. Wir müssen digitale und interaktive Formate anbieten. Sie können mit einem Museumskonzept der Achtzigerjahre heute keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Wir müssen mit der Zeit gehen und die Erwartungen ernst nehmen, die die Menschen haben. Diese Erwartungen müssen wir immer mit dem Grundauftrag rückkoppeln, den das Museum hat. Und das gelingt Frau Zeitler in glänzender Art und Weise.

Wie viele Möglichkeiten haben Sie denn als Institution, um solche Übergänge zu moderieren? 

Wir haben vor allem die Möglichkeiten, die wir uns selbst einräumen. Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Als ich im März 2008 zum Landrat gewählt wurde, hatte ich sechs Wochen Zeit, bis ich das Amt am 1. Mai übernehmen sollte. Mein Vorgänger Karl Vogele und ich haben den Übergang zusammen vorbereitet. Sein Standpunkt war, dass er nichts mehr entscheiden würde, bis ich offiziell im Amt war. Zugleich hat er mir alle Aufgaben gezeigt, die auf seinem Schreibtisch landeten. Dadurch war das für mich ein fließendes Hineingleiten in das neue Amt. Ich habe Karl Vogele viel zu verdanken. Diese Form der Übergabe ist nicht selbstverständlich, aber ohne Frage sehr sinnvoll.
 

Bauliche Infrastruktur 

Die Kultureinrichtungen des Bezirks Schwaben erfreuen sich eines augenscheinlich ganz guten baulichen Zustands. Das kann bei Weitem nicht jeder Kulturort in Bayern von sich behaupten. Tatsächlich krankt es häufig an der Pflege dieser kulturellen Infrastruktur. Kurz, man lässt die Bausubstanz verkommen. Wir kennen das vom Römischen Museum oder vom damaligen Stadttheater in Augsburg. Beide Orte sind seit Jahren wegen baulicher Mängel geschlossen und fristen seither eine traurige Existenz als Endlosbaustellen. Auch die Städte München und Nürnberg vernachlässigen Kulturorte. Das ist kein nachhaltiges Wirken der Verantwortlichen aus Politik, Verwaltung und Kultur im reichen Bundesland Bayern. Was macht der Bezirk Schwaben anders, dass seine Kulturorte vergleichsweise so gut dastehen?

Wir investieren Jahr für Jahr auch in die bestehende Infrastruktur erhebliche Summen. Das betrifft den Erhalt, die Weiterentwicklung, aber auch die Ausstattung mit neuen Technologien. Zum Beispiel wird uns aktuell der DSL-Anschluss in Oberschönenfeld eine sechsstellige Summe kosten. Er ist aber die Voraussetzung dafür, bestimmte interaktive Formate künftig zeitgemäß anbieten zu können. 
 

Kultur ist systemrelevant und braucht Planungssicherheit

Auch das ist ein entscheidendes Thema im Kontext Nachhaltigkeit im Kulturbetrieb: Themen und Orte verlässlich zu bespielen und zu unterstützen. Wie stellen Sie für die Kulturschaffenden Planungssicherheit her? 

Sie erinnern sich, dass wir dieses Thema auch in der Pandemie sehr intensiv besprochen haben. Für unser Haus habe ich den Satz geprägt, dass auch Kunst und Kultur systemrelevant sind. Dieser Satz gilt nach wie vor – das sage ich auch mit Blick auf aktuelle Entwicklungen aus der rechtsextremen Ecke. Die NS-Zeit hat uns gelehrt, dass Kulturpolitik zu den Bereichen zählt, die früh rechtsextremen Angriffen ausgesetzt sind. Das zeigen nicht zuletzt auch Entwicklungen in Ländern wie Ungarn.

Im Umkehrschluss heißt das: Der Wert, der Demokratie und Freiheit in einer Gesellschaft beigemessen wird, lässt sich auch am Stellenwert ablesen, den Kunst und Kultur besitzen. Aufgrund dieser wichtigen gesellschaftlichen Rolle brauchen unsere Kulturschaffenden Planungssicherheit. Auch wenn sich für spezielle Formate vielleicht nur kleinere Teile der Bevölkerung interessieren mögen – gerade dieses Angebot der Vielfalt erzeugt Heimatverbundenheit und Interesse an der Auseinandersetzung. Das halte ich tatsächlich für systemrelevant. Deswegen bin ich froh, dass auch in den Zeiten, in denen wir sparen müssen, der Bezirkstag geschlossen hinter unserer Kulturarbeit und unseren Förderprogrammen steht und die Finanzierung nie infrage gestellt wurde. Ich bin überzeugt davon, dass wir mit unserer Kulturpolitik auch einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen Gesellschaft leisten.
 

Wahrnehmung 

Zum dritten Mal in Folge haben Sie nun ein Jahresmotto ausgegeben. Lassen Sie uns noch kurz klären, warum das für Ihre Einrichtungen, die auf den ersten Blick sehr unterschiedlich anmuten, sinnvoll ist.

Wir haben festgestellt, dass wir mit einem gemeinsamen Motto, hinter dem alle stehen, in der Summe mehr Durchschlagskraft gewinnen. Wir können die einzelnen Themen des Bezirks insgesamt stärker in den Fokus rücken und so auch ein Stück weit besser von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Wir müssen im Bewusstsein der Menschen, für die wir arbeiten, präsent sein. Diese Sichtbarkeit schafft und festigt die Akzeptanz, die wir brauchen, um unsere Aufgaben weiter erfüllen zu können. Auch dies ist ein Schlüssel für nachhaltiges Arbeiten.
 

Kulturhaushalt-Bezirk-Schwaben-Tortendiagramm

Kulturhaushalt Bezirk Schwaben 

Der Bezirk Schwaben plant im laufenden Jahr mit einem Etat von rund 1 Mrd. Euro. Auf die Kulturarbeit entfallen 2,9 % des Gesamthaushaltes, das entspricht einem Betrag von rund 29 Mio. Euro. 38,7 % gehen in den Vermögenshaushalt, z. B. für Bau und Erhalt von Kulturorten. 61,3 % der Summe stecken im Verwaltungshaushalt (siehe Diagramm). Sie umfasst die Themen Kulturförderung, Betrieb inkl. Kulturarbeit und Beteiligungen, gesamt 17 Mio. Euro

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