Modulamore
Von der Faszination des größten Sommerfestivals unserer Region – ein Bericht von Amelie Eckert.
Modular-Festival Augsburg. Schon seit Wochen reden alle davon. Eine Straßenbahn ist Anfang Februar in den Farben und Formen des Designs geschmückt. Und das Datum prangt darunter: 17. bis 19. Mai 2024. Wenn du Fan warst, dann wusstest du das schon seit dem letzten Festival. Und jetzt ist das große Wochenende in Reichweite.
Vom »X-Large« über »PopCity« zum Modular-Festival
Vom »X-Large« über »PopCity« zum Modular-Festival – so benannt, weil es aus vielen verschiedenen Modulen und Bausteinen besteht. Man will Partizipation und Kultur fördern und ein Fest »von und für junge Menschen« gestalten, so Julia Appel vom zweiköpfigen Team der Festivalleitung des Stadtjugendrings (SJR), die für das Programm, das Sponsoring und für die Ehrenamtskoordination zuständig ist.
»Insgesamt stehen uns etwa 11.000 Quadratmeter Fläche für Kultur- und Kreativräume zur Verfügung, wovon 4.300 von der Stadt Augsburg gemietet wurden«, so heißt es auf einer Pressekonferenz zum Thema Gaswerkareal. Die Open-Air-Saison von Mai bis September ist fast ausgebucht. »Das Modular-Festival wandelt diesen Ort jedes Jahr um und erfindet sich in seinem Aufbau neu«, erklärt ein Sprecher der Swa. Das Ziel ist es hier, den Standort im Sinne der kulturellen Stadtentwicklung zu gestalten, um Augsburger*innen die Möglichkeit zu geben, das Gelände einmal zu sehen, wenn es belebt ist. Für die Swa, als Besitzer und Betreiber, passt das Gaswerkareal als Festivalort perfekt.
Für die Menschen der Stadt ist das Modular-Festival jedoch zu einer Art »Gated Community« geworden, nicht so offen, wie es damals im Wittelsbacher Park der Fall war. Es ist (fast) unmöglich, ohne Ticket reinzukommen. Du hast dir aber natürlich Tickets gekauft, weil du das Festival unterstützen willst.
Die Tickets gibt es online in drei Preisstufen. Im Schnitt zahlst du regulär ungefähr 70 Euro Eintritt für drei Tage. Auch Tickets mit Communitybeitrag gibt es. Appel beteuert das Ziel, »die Tickets so billig wie möglich« zu halten, damit die Jugendlichen sich problemlos Karten leisten können.
»Für die eine ist es Hilfe, für den andern nur Musik«
Nach und nach wurde auch das Line-up präsentiert: 01099, Jeremias, Alli Neumann und Makko stehen unter anderem auf dem Programm. Du kennst ein paar Namen, manche hast du noch nie gehört, aber wie die letzten Jahre wirst du dir nach dem Festival viele auf deiner Playlist speichern und Konzerte von ihnen besuchen. Denn »Für die eine ist es Hilfe, für den andern nur Musik«, wie Makko rappt.
Natürlich hast du auch davon gehört, dass es Komplikationen bei der Organisation gab. Eigentlich wollten die ehrenamtlichen Entscheider*innen des SJR das Festival dieses Jahr kleiner halten. Alle haben davon geredet. Wird es nur noch zwei Bühnen geben? Wird das Gebiet eingegrenzt? Oder sollen es jetzt weniger als 10.000 Besucher*innen pro Festivaltag sein? Die Stimmung war unruhig. Ist das Festival über die Jahre zu stark gewachsen? Nicht nur in Bezug auf die Zahl der Freiwilligen, die jedes Jahr gesucht werden, und die Mitarbeiter*innen des SJR, sondern auch das Geld, das dafür benötigt wird. 170.000 Euro steuert die Stadt Augsburg bei. Durch Förderung und Sponsoring werden zusätzlich Mittel gesammelt. Durch den Ticketverkauf und die Gastronomie wird vor Ort sehr viel Geld eingenommen.
2023 belief sich der Gesamtumsatz auf 1,5 Millionen Euro. Dabei lagen die Einnahmen über den Ausgaben, was auch laut Clemens Wieser, ebenfalls Festivalleiter des Modulars sowie für das Booking, die Finanzen und das Marketing zuständig, ein »Problemthema« darstellt. Es ist das erste Mal, dass man sich Gedanken zu einem Einnahmenüberschuss machen muss. Man versuchte »Rücklagen für das nächste Jahr anzusparen, falls es zu einer Schlechtwetterfront« kommen oder der Ticketumsatz unvorhersehbar sinken sollte. Teilweise fließt das Geld aber auch zurück an die Stadt.
Es gab viel Ärger und intensive Gespräche zwischen dem SJR und der Stadt Augsburg, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Jetzt scheint alles wieder in bester Ordnung zu sein. Auch die Planung und das Konzept für 2025 werden bereits diskutiert.
Alles easy, alles leicht
Du steigst aus der Tram, die Wärme eines Frühlingstages schlägt dir entgegen, und du weißt, es wird bald Sommer. Deo- und Parfümgeruch liegt noch in der Luft, nach einem schweißtreibenden Moshpit sind sie verflogen. Auf dem Weg zum Festivaleingang siehst du, wie auch schon in der Bahn, den Festivalstrom. Natürlich bemerkst du auch, dass der Großteil der Besucher*innen Student*innen oder Schüler*innen sind. Schon bevor du das Festivalgelände betrittst, entdeckst du die Plakate von »Augsburg ist bunt« oder »gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit« und weißt, dass du hier willkommen bist, egal welche Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit oder sexuelle Orientierung. So sollte es überall sein, denkst du dir. Das Modular ist für alle konzipiert, spricht aber eine bestimmte Zielgruppe an. Die meisten Besucher*innen sind zwischen 14 und 25 Jahren, gehen noch zur Schule oder studieren. Du weißt, dass du deine Freund*innen mit Migrationshintergrund aus den Stadtteilen Oberhausen oder Kriegshaber hier wohl nicht antreffen wirst. Nur, wie kann man diese auch miteinbeziehen? Das ist auch eine Frage, die sich das Modular-Team immer wieder stellt.
Die Sonne spüren, mit Freunden lachen, Sachen ausprobieren oder einfach zur Musik tanzen, unter hellblauem Himmel, denn »alles easy, alles leicht. Ja die Sonne scheint«, wie Jeremias singen wird, beim Abendrot oder wenn man die Sterne neben dem Gaskessel leuchten sieht, wo dieses Jahr das Modular seinen Platz haben wird. Auch wenn es kalt werden wird, weißt du, dass die Menge dich wärmen wird, so wie sie dich auch letztes Jahr beim letzten Act gewärmt hat, der Himmel vom Feuerwerk bedeckt war und du einmal vergessen hast, so vom Moment überwältigt, ein Video zu machen und dich einfach im Strudel hast treiben lassen.
An vielen Ecken des Festivals sind Notärzte und Hilfspersonal postiert – was für ein organisatorischer Aufwand das sein muss. Wenn es bis zu 10.000 Besucher*innen pro Tag geben sollte, wie letztes Jahr, dann müssen die auch im Ernstfall versorgt werden. Du siehst Awareness-Schilder und Safespaces, in die man sich zurückziehen kann. Auch mit psychologischer Hilfe, sofern man das möchte. Marlene Mechold, Vorsitzende des SJR, erklärt, wie dankbar sie der AG von Johannitern und Maltesern ist, dass diese die letzten Jahre so erfolgreich die Versorgung übernommen haben. Nie kam es zu größeren Tumulten, in denen Sicherheits- oder Hilfspersonal hätten einschreiten müssen. Natürlich bergen Festivals auch immer Risiken, du weißt aber auch, wie Makko singen wird, das »Leben ist zu kurz, um Angst zu haben«.
Alles unter einem Dach
Wow. Dich überwältigt erneut, wie es möglich ist, dass so verschiedene Aspekte wie Sport, Musik, Kunst, Kultur, Textil, Upcycling, Kreativmärkte oder auch Workshops so vielfältig und facettenreich vertreten sind. Viele Vereine sind vor Ort und lassen die Besucher*innen an ihren Projekten teilhaben. Man kann sich Taschen bedrucken, Tattoos auf die Haut malen lassen, Armbänder knüpfen, malen, an Inklusionsprojekten teilnehmen oder sich schminken lassen. Du erinnerst dich auch an die Rollschuhbahn oder daran, wie man Kleidungsstücke gegen Vintage-Artikel eintauschen oder sich von Schüler*innen zeichnen lassen konnte.
Generell melden sich die unterschiedlichen Gruppierungen bei Appel. Zusammen wird dann entschieden, ob die jeweiligen Bewerbungen mit ihren Ideen und Zielen in das Gesamtkonzept des Modular passen. Auch hier werden Partizipation und Kultur großgeschrieben. Vor, während und nach dem Festival werden Umfragen durchgeführt, um die Besucher*innen zum Programm und vielem mehr zu befragen.
Nachdem du dich durch die ganzen Kultur- und Kreativangebote durchgeschlängelt hast, bekommst du langsam Hunger. Leider ist auf dem Festivalgelände nur für die kleinsten Besucher*innen mitgenommenes Essen erlaubt. Der SJR hat sich auch dieses Jahr für ein fleischfreies Angebot entschieden. So passt man sich an die Interessen der Besucher*innen an. Hier gibt es an jedem Stand mindestens ein veganes Angebot. Ob Falafel, Döner, Waffeln oder Burger, man versucht auf lokale und regionale Biolebensmittel zu setzen. Der SJR legt das den Betreiber*innen der Gastronomie besonders ans Herz, da man vor allem im Sektor Verpflegung Tonnen an CO2-Verbrauch wettmachen kann.
So viel man trinken kann
Nach dem Durchprobieren ist es in deinem Geldbeutel deutlich leerer als zuvor. Im Schnitt zahlt man sieben Euro für ein Gericht, was sich über das Wochenende verteilt schnell zu einem hohen Betrag summiert. Richtig satt bist du nach einem Imbiss leider nicht.
Eine große Erleichterung ist der Wassertruck der Swa. Kostenloses Wasser, mit oder ohne Sprudel, so viel man trinken kann. Vor allem zur Mittagszeit oder nach einer anstrengenden Moshpit-Session wird hier die Schlange lang sein, denkst du dir und nimmst einen letzten großen Schluck.
Bei einer teilweise minderjährigen Zielgruppe steht natürlich auch die Frage nach Kontrolle oder Eigenverantwortung groß in der Diskussion. Der Ausschank folgt dem Jugendschutzgesetz, wobei hier das »Vorglühen« vor dem Betreten des Festivals nicht kontrolliert werden kann. »Das Thema Alkohol sollte jedoch auch nicht tabuisiert werden«, so Appel. Es gewinnt dieses Jahr an Bedeutung, nachdem Marihuana legalisiert wurde. Aber auch schon in den Jahren zuvor hast du den Grasgeruch wahrgenommen.
Marina Hoffmann ist heuer schon das dritte Jahr in Folge als Volontärin dabei und begeistert von der guten Zusammenarbeit. »Die Tätigkeit im Modular-Team ist für mich keine wirkliche Arbeit, weil es mir unglaublich viel Spaß macht, gemeinsam mit anderen ein Festival für alle auf die Beine zu stellen«, erklärt sie. »Am Ende des Tages tun jedem die Beine weh und wir haben den ein oder anderen blauen Fleck vom Kästenschleppen, aber wir haben zusammen dafür gesorgt, dass Künstler*innen und Besucher*innen und nicht zuletzt wir selbst ein tolles Festival erlebt haben«, betont sie stolz. Das Arbeitsklima sei sehr angenehm, resümiert sie, und im Team werde viel Wert auf persönliches Wohlbefinden gelegt.
Als dann die Abendstunden anbrechen, die Stimmung noch lockerer wird und die Mainacts den Sideacts folgen, fangen immer mehr Menschen an zu tanzen. Die Hitze des Tages weicht langsam der kühlen Nachtluft. »Ja, ich bin nachts wach«, wird dir von der Bühne entgegendröhnen. Die Scheinwerfer und Lichter richten sich dir entgegen und du fühlst dich, noch mehr als zuvor, angekommen.
Ein Festival für morgen
Doch so eine Menschenansammlung hat auch Auswirkungen auf die Umwelt. Das Festival versucht im Bereich Nachhaltigkeit ein Vorbild zu sein. Klimaneutral ist es zwar noch nicht, jedoch versucht man in jedem noch so kleinen Bereich, CO2 einzusparen, so Wieser. Mit dem CO2-Rechner, der 2022 eingeführt wurde, kann man die verursachten Emissionen nun besser abschätzen und gezielt mindern. Hier war die Jugendkultur Innovationstreiber.
Doch nicht nur das Thema ökologische Nachhaltigkeit hat das Festival im Fokus. Auch wird versucht, das Festival durch soziale und kulturelle Nachhaltigkeit präsent zu halten, so Appel.
Zahlreiche Preise hat das Festival für die gute Jugendpartizipation, die Nachhaltigkeit und die kulturelle Beteiligung schon gewonnen, vorwiegend aufgrund der Idee des CO2-Rechners.
Das Modular: ein Festival, das eigentlich für Jugendliche erschaffen wurde, jetzt aber viel mehr ist als nur das. Ein Festival mit dem Ziel, Menschen zusammenzubringen. Ein Festival, das verschiedenen Kulturen Gehör verschaffen will, Partizipation und Kultur vereint und ein Ort für Freude und Liebe ist. Modulamore, weil unsere Gesellschaft genauso bunt sein sollte wie ihre Ideen, und Modulamore, weil dieses Festival viel unternimmt, um genau das zu ermöglichen.