Vertrauensort Museum
Sie war prägend für Oberschönenfeld. Nun verabschiedet sich die erfolgreichste Museumschefin unserer Region in den Ruhestand. Ein Interview mit Dr. Beate Spiegel
a3kultur: Seit 2004 sind Sie Leiterin des Museums Oberschönenfeld. In wenigen Wochen werden Sie sich in den Ruhestand verabschieden. Wie sehr werden Sie dieses klösterlich-architektonische Idyll vermissen?
Beate Spiegel: Ich habe wirklich einen der schönsten Arbeitsplätze weit und breit. Selbst wenn ich in meinem Büro sitze, muss ich nur den Kopf heben und schaue in das Blätterdach dieser wunderbaren Buche vor dem Fenster.
Wie empfanden Sie denn in all den Jahren die Nähe zu den Zisterzienserinnen hier? Die sind ja nicht nur unmittelbare Nachbarinnen, sondern auch die Hausherrinnen in Oberschönenfeld.
Ja, wir sind Mieter der Abtei. Das ist eigentlich ein sehr angenehmes Miteinander.Die Äbtissin ist genauso alt wie ich und wir pflegen einen guten Austausch. Zuweilen begegnen wir uns etwa im gemeinsamen Garagenhof, und halten dann ein kleines Schwätzchen. Der Kontakt ist über die Jahre gewachsen. Entscheidend war wohl die große Sonderausstellung zum 800-jährigen Jubiläum der Abtei 2011. Da hat sich für uns viel geöffnet.
Beneiden Sie die Schwestern manchmal um die vermeintliche Ruhe und Unaufgeregtheit in ihrem Leben?
Ich glaube, sie sind zum Teil auch sehr beschäftigt mit den ganzen wirtschaftlichen Herausforderungen, mit dem Personalmangel, mit wahnsinnig vielen Aufgaben, die auf immer weniger Schultern verteilt werden müssen. Ich beneide sie nicht, ich bewundere sie eher.
»Oberschönenfeld ist bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund.«
Entsteht dabei eine Nähe, die im Leben der Schwestern so gar nicht vorgesehen ist?
Das ist eine schwierige Frage. Eine menschliche Nähe entwickelt sich auf jeden Fall. Doch Zugänge sind reglementiert. So muss die Äbtissin beispielsweise jedes Interview, das wir mit einer Schwester führen wollen, vorab genehmigen. Aber auch da ist sie großzügig.
Nach einer vor Kurzem veröffentlichten Studie genießen Museen, gleich hinter Familie und Freunden, das höchste Vertrauen in unserer Gesellschaft, bezogen auf das persönliche und institutionelle Umfeld. Verwundert Sie dieses Ergebnis, das ja auch viel Verantwortung mit sich bringt?
Es verwundert mich nicht. Die Leute vertrauen uns schließlich auch vieles an. Sie machen Schenkungen und gehen davon aus, dass wir ihre Schätze gut präsentieren und bewahren. Eine gut gemachte Ausstellung ist auch immer ein Ort, an dem man für sich selbst etwas entdecken kann. In Oberschönenfeld findet jeder und jede zum Beispiel einen Anknüpfungspunkt an den eigenen Alltag. Man kann später darüber berichten. Es ist ein kommunikativer Ansatz. Das sind Themen in jeder Kultur, die wir hier mit unseren Möglichkeiten aufgreifen.
Betonen Politik und Medien vielleicht zu sehr die Unterschiede statt der Dinge, die verbindend sind?
Auf jeden Fall. Bestimmte Ereignisse oder Vorfälle werden mehr fokussiert als das, was normal und gut läuft, dann aber auch weniger Reaktionen nach sich zieht.
»Aus der Entfernung betrachtet wirkt vieles gleichförmiger, als es eigentlich war.«
Als Sie hier begonnen haben, war Oberschönenfeld ein Volkskundemuseum. Heute ist das Spektrum ein viel weiteres. An welchen Punkten hat sich die Museumsarbeit in all den Jahren für Sie am entscheidendsten verändert?
Es war wichtig, von diesem sehr stark ländlich-landwirtschaftlich geprägten Schwerpunkt abzurücken und die Vielfalt unserer Gesellschaft mehr in den Blick zu nehmen.
Eben unterschiedliche Menschengruppen in unterschiedliche soziale Zusammenhänge einzubinden und dabei nicht zu vergessen, dass wir diese Vielfalt auch in der Vergangenheit haben. Aus der Entfernung betrachtet wirkt vieles gleichförmiger, als es eigentlich war.
Oberschönenfeld hat sich zu einem echten Besuchermagneten entwickelt. Man geht spazieren, Familien picknicken oder Kinder toben auf dem neu konzipierten Inklusionsspielplatz. Es lockt ein schöner Biergarten, samt beliebtem Gasthaus mit eigenem Bier. Und auch das Kloster mit seinen Einrichtungen zieht viele Menschen an. Wo verorten Sie sich mit Ihrem Haus in diesem Netzwerk?
Mit dem Museum und der Schwäbischen Galerie sind wir ein sehr wichtiger Teil des Ganzen. Es werden dabei durchaus unterschiedliche Zielgruppen angesprochen. Ich denke, für die Menschen ist der Gesamtgenuss, diese Auswahlmöglichkeit das Wichtigste. Oberschönenfeld ist bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Es ist eine Marke. Und wir wollen uns als kulturellen Standort noch bekannter machen. Das ist eine Daueraufgabe. Ich würde dabei gerne auch auf freien Eintritt setzen und den Gästen schon von außen zeigen, was alles in den Museen hier steckt. Was dafür fehlt, sind Schaufenster, in welcher Form auch immer. Das ist aus meiner Sicht ein Hindernis.
Kann man da nicht mir Digitalformaten dagegen halten?
Gewiss. Aber trotzdem ist das wirklich Analoge eine große Stärke. Dieses Durchstreifen- und Begreifenkönnen. Mit einem sehr breiten Zugang auch für Kinder. Wir haben relativ wenig verglast – auch wenn es manchmal eine Gratwanderung ist, weil es dann natürlich dazu verleitet, wirklich hinfassen zu wollen. Aber ich denke, das alles trägt auch zur Atmosphäre bei, dass man eben nicht nur vor Scheiben steht. Ich finde, ohne solche originalen Objekte braucht man kein Museum. Das ist für mich der Grund, weiter gezielt und behutsam zu sammeln. Allein wegen digitaler Angebote muss niemand einen Ort wie unseren aufsuchen. Die kann man überall konsumieren. Deswegen fiel auch die Entscheidung, digitale Medien gezielt und sparsam einzusetzen.
Welche Ausstellung würden Sie heute gerne noch einmal machen?
Eine ganz schwierige Frage. Über all die Jahre haben wir viel an der Ausstellungsgestaltung gespart. Ich will nicht sagen, dass die alten Ausstellungen nicht schön und abwechslungsreich präsentiert gewesen wären, aber eine adäquate visuelle Umsetzung verleiht jedem Thema noch einen besonderen Kick und trägt dazu bei, das inhaltliche Konzept besser zu transportieren. Von daher würde ich vieles genau so wieder machen – vielleicht jedoch mit ein bisschen mehr gestalterischem Aufwand.
Simon Kotter aus Wertingen tritt die Nachfolge an.
Nach fast 20 Jahren Einsatz für das Museum Oberschönenfeld genießt Beate Spiegel ab 1. Juni ihren Ruhestand. Mit Simon Kotter steht ihr Nachfolger bereits fest. Der gebürtige Wertinger übernimmt nach seiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Freilichtmuseums Glentleiten des Bezirks Oberbayern zum Juni die Leitung in Oberschönenfeld.
mos.bezirk-schwaben.de
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