Rasant und poetisch
Das MUGS in Schwabmünchen präsentiert Facetten des klassischen Zirkus mit seiner rund 250-jährigen Historie.
Warum ist die Manege rund, was unterscheidet den Weißclown vom »Dummen August«, wie überlebte die bunte Zirkuswelt auch dunkle Zeiten? Antworten auf diese und zahllose weitere Fragen finden sich in der Ausstellung »Circus – Die Welt der Sensationen im Wandel«, welche Anfang Juni in Schwabmünchen startete. Seit 2023 ist diese Unterhaltungsform als immaterielles UNESCO-Erbe anerkannt, bislang jedoch nicht als eigenes Kunstgenre.
Insgesamt umfasst die Präsentation rund 800 Exponate, etliche sind erstmals öffentlich zu sehen. Privatpersonen sowie diverse Zirkusmuseen und -archive stellten neben Raritäten eine wahre Informationsfülle bereit. In zwei Jahren intensiver Vorarbeit realisierten Museumsleiterin Dr. Doris Hafner und ihr Team ein außergewöhnliches, für sämtliche Altersgruppen attraktives Konzept. Direkt im Erdgeschoss können sich die Kleinsten selbst in Stars der Manege verwandeln. Dazu fesseln phantastische Artisten- und Clownskostüme die Sinne, laden nostalgische Apparate zum Kurbeln, Kreiseln, Anfassen ein. Wer mag, kann sogar puren Löwenduft von der Krone-Farm schnuppern: Im traditionellen Zirkus genießen exotische Tiere besonderen Stellenwert. Eine Vielzahl historischer Bilder, Werbeplakate und Requisiten dokumentiert das Leben berühmter Akteure wie der Artistenfamilie Stey, Dompteur Togare oder Clown Fypsilon.
Deutschlandweit zählt die Schwabmünchner »Circus«-Ausstellung zu den ersten, die sich dem überlieferten Dreiklang aus Tierdressur, Akrobatik und Clownerie widmen. Als »Sensation« darf sie allemal gelten: Rasant und poetisch wie ein gutes Zirkusprogramm, bietet sie höchste Informationsdichte, locker verteilt auf zahlreiche Texttafeln, mehrere Multimedia-Stationen sowie eine gemütliche Leseecke im zweiten Stock.
Eine streng hierarchische Gesellschaft
Um die farbenfrohe Palette der Zirkusberufe reihen sich Familiendynastien wie Busch, Roncalli, Sarasani, Krone, Knie, nicht zuletzt der einst in Schwabmünchen beheimatete Großcircus Adolf Fischer: Bis heute verbindet sie die Gunst ihres »hochverehrten Publikums« als gemeinsames Ziel.
Das liebevoll gestaltete, höchst unterhaltsame Arrangement beleuchtet ebenso Schattenseiten und räumt mit Stereotypen auf: Denn den Alltag der streng hierarchischen Zirkusgesellschaft – mit Wurzeln im Militär! – prägt harte Disziplin, stets zwischen Erfolg und Scheitern. Zugleich ist hier Verlass auf ein multinationales, integratives Netzwerk mit engem Zusammenhalt, in dem auch starke Frauen als Unternehmerinnen Anerkennung fanden. Eigene Erinnerungskapitel sind der Sonderrolle des Zirkus zur NS- und Nachkriegszeit sowie in der DDR gewidmet. Bei so viel kurzweiliger Komplexität lohnt sich mehrfacher Besuch.
Zur Ausstellungseröffnung Anfang Juni gastierte der Zirkus Busch-Roland gegenüber dem MUGS, wo ein detailgetreues Modell seiner einen Höhepunkt bildet. Dr. Doris Hafner, Mitarbeiterin Alina Krüger, Bürgermeister Lorenz Müller sowie Clowns der Augsburger »Antihelden-Akademie« begrüßten ihr zahlreiches Publikum auch mit Hinweis auf etliche Rahmenprogrammpunkte bis Ausstellungsende am 15. September. Der Eintritt ist frei, Schulklassen können Führungen mit Wunschtermin buchen (E-Mail an museum@schwabmuenchen.de).
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