Man trägt römisch
Studierende der Archäologie an der Uni Augsburg präsentieren im tim eine kleine, aber einzigartige Kulturgeschichte der Kleidung im Augsburg der Antike
Gerechnet habe er mit einer Zenturie (im römischen Heer 80–100 Mann), gekommen sei eher eine Kohorte (ca. 400 Mann), resümierte Museumsdirektor Dr. Karl Borromäus Murr am vergangenen Mittwoch anlässlich der Eröffnung der neuen Sonderausstellung »Dresscode Augusta Vindelicum?« und in Kenntnis der wichtigsten Maßeinheiten des Römischen Reiches vor 2000 Jahren.
Selbst ein wenig überrascht zeigten sich Gastgeber und Macher*innen der Ausstellung vom Andrang an jenem Sommerabend im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) und hatten vorsorglich schon einmal Videoschirme in Ausweichräume platziert, damit die Sicht auf die ebenfalls zahlreichen Gesichter hinter dem Projekt für alle frei war. Die Freundeskreise und Netzwerke der an dieser Kooperation beteiligten Institutionen, des tim, der Uni Augsburg und der Stadtarchäologie, funktionieren offensichtlich bestens, und ein Blick in die (natürlich nicht nur männliche) Schar der Besucher*innen zeigte, dass auch altersmäßig eine erfreuliche Durchmischung stattfindet.
Das lag natürlich auch an den Beteiligten des Ausstellungsprojekt selbst, Studierende des Lehrstuhls für Klassische Archäologie an der Uni Augsburg, die zusammen mit ihrer Professorin Prof. Dr. Natascha Sojc sowie dem Leiter der Stadtarchäologie Dr. Sebastian Gairhos in zweisemestriger Teamarbeit einen kleinen, aber dennoch (z.T. buchstäblich) gewichtigen Einblick in die Kleidungskultur in der damaligen Provinz Rätien mit ihrer Hauptstadt Augusta Vindelicum, dem heutigen Augsburg, auf die Beine stellten. Für manche der Jungarchäolog*innen war es die erste Berührung mit dem Thema Ausstellungskonzeption, was man der blitzsauber präsentierten Sammlung (zur Eröffnung posh audiovisuell angeteasert von Stefanie Sixt und Markus Mehr) indes nicht ansieht.
Eine Ausstellung über Kleider, allerdings ohne Kleider. Denn die Textilien selbst sind heute nicht mehr erhalten. Das Wissen um Toga und Tunika, Schuhwerk, Fibeln und andere Accessoires, deren »Style« oft direkt von der Reichshauptstadt Rom beeinflusst war und durch die jeweiligen von dort stammenden Statthalter über die Alpen den Weg hierher fand, generiert sich aus einzigartigen Fundstücken, die bei Grabungen im Stadtgebiet immer wieder auftauchen und die sonst kaum für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Hier sind sie, soweit nicht in Vitrinen, sogar zum Greifen nahe, z.B. in Form von schweren Gipsreliefs, die Arbeiter in kurzen Tuniken zeigen. Soziale Zugehörigkeit und Geschlechterunterschiede werden beleuchtet und regen spontan zum Nachdenken über die heutige, eigene Garderobe an. In kurzen Hosen zur Vernissage oder im Sakko? Das Haar offen oder hochgesteckt? Eines ist sicher: Zumindest in Sachen Mode war Augsburg schon immer bunt.
Die Sonderausstellung »Dresscode Augusta Vindelicum? – Textilien im römischen Augsburg« ist noch bis 10. November im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg zu sehen. Zur Ausstellung ist eine knapp 40-seitige Broschüre (mit Mitmachteil für Kinder) erschienen, die für 7,90 Euro im Museumsshop erhältlich ist.
www.tim-bayern.de
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