Verhungern oder kämpfen
Vor 500 Jahren wehrten sich die Bauern und zogen in den Krieg gegen den Adel. Memmingen wurde dadurch zu einem zentralen Ort der Geschichtsschreibung.
Das Geschäftsmodell war so einfach wie menschenverachtend: Der Adel suhlte sich in Wohlstand und Reichtum und holte sich das nötige Kapital dafür von den Bauern, durch Leibeigenschaft. Immer mehr forderten sie von den Menschen ein, um ihr dekadentes Leben führen zu können. Der »Kleinzehnt« und der »Großzehnt« waren die Spannschrauben, an denen der Adel drehte, bis nichts mehr zum Überleben blieb. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Ein letztes Aufbäumen gegen die Ungerechtigkeiten war das einzige Mittel.
»Dass wir frei sind und sein wollen«
Zwölf Artikel sind es, die sehr wahrscheinlich der Laientheologe Sebastian Lotzer 1525 in Memmingen verfasst hat, um dieser Wut Ausdruck zu verleihen. Durch den damals schon bekannten Buchdruck verbreiteten sich diese revolutionären Ideen aus Memmingen rasant und weit über die Region Schwaben hinaus. Bis zu 25.000 Exemplare wurden davon in nur wenigen Monaten gedruckt – zuerst in Augsburg, dann in vielen anderen Städten zwischen Straßburg und Breslau. Sie wurden auf Märkten verkauft, von Reisenden weitergetragen, in Gasthöfen diskutiert, bei Versammlungen unter freiem Himmel vorgelesen. Heute wird diese Schrift als »erste deutsche Grundrechtserklärung« eingestuft – eine Blaupause also für alles, was danach noch kommen sollte.
Die zwölf Artikel der Bauernschaft:
- Jede Gemeinde hat ein Recht zur Wahl und Absetzung ihres Pfarrers.
- Der Kleinzehnt soll aufgehoben, der Großzehnt für Geistliche, Arme und die Landesverteidigung verwendet werden.
- Die Leibeigenschaft soll aufgehoben werden.
- Jagd und Fischerei sollen frei sein. Falls Verkäufe vertraglich belegt werden können, sollen einvernehmliche Regelungen zwischen Gemeinde und Rechtsinhabern angestrebt werden.
- Wälder und Forsten sollen in Gemeindehand zurückgegeben werden. Sollten Verträge bestehen, werden gütliche Vereinbarungen mit den Forstinhabern angestrebt.
- Die Frondienste sollen auf ein erträgliches Maß reduziert werden, orientiert an Herkommen und Evangelium.
- Außervertragliche Frondienste sollen nicht zugelassen sein, es sei denn gegen eine angemessene Vergütung.
- Die Abgaben der Bauern sollen durch »ehrbare Leute« neu eingeschätzt werden.
- Die Strafmaße für schwere Vergehen sollen neu festgesetzt werden, orientiert an älteren Gerichtsordnungen.
- Ehemalige Gemeindewiesen und -äcker sollen zurückgegeben werden, es sei denn, dass Kaufverträge vorgelegt werden können.
- Die Zahlung des Todfalles belastet die Erben ungebührlich und wird deswegen zukünftig verweigert.
- Alle Forderungen ergeben sich aus dem Wort Gottes. Sollten sie sich durch die Schrift als unberechtigt erweisen, sollen sie hinfällig sein.
Mit Sensen gegen das Militär
Schätzungen zufolge kamen 100.000 Menschen während der Bauernkriege ums Leben. Dabei war es der Schwäbische Bund, der die militärische Austragung des Konflikts forcierte. Bei Leipheim richtete das Fürstenheer das erste schreckliche Blutbad an, dem viele weitere folgten. Die Bauern und ihre Verbündeten wurden gnadenlos niedergemetzelt, öffentlich enthauptet, an Bäumen aufgehängt. Man brannte ihre Dörfer nieder, tötete auch Frauen und Kinder. Die Bauern hatten keine Chance gegen die Übermacht des Militärs. Ihre Waffen waren das, was sie für ihre Feldarbeit zur Verfügung hatten: Sensen und Heugabeln gegen Hieb- und Stoßwaffen – grausame Wirklichkeit im Kampf für die Freiheit.
»Der Auslöser einer Freiheitsbewegung«
Wie elementar diese Schrift dennoch bis heute ist, betonte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede beim zentralen Festakt »500 Jahre Zwölf Artikel« am 15. März 2025 in Memmingen: »Die zwölf Memminger Bauernartikel von 1525 sind bis heute aktuell. Aus der Erinnerung an ihre Kraft und ihre Entschlossenheit können wir heute Mut und Zuversicht schöpfen. Stellen wir uns in ihre Tradition, verteidigen wir heute das, wofür sie damals kämpfen mussten! Ein Geheimnis ihres Erfolges lag sicherlich darin, dass die Flugschrift keine lokalen Bezüge enthielt und schon in ihrem Titel beanspruchte, für ›alle Bauernschaft‹ zu sprechen. Auf diese Weise schufen die Zwölf Artikel ein Wir, das es zur Zeit ihrer Abfassung noch gar nicht gab.«
Memmingen – Stadt der Freiheitsrechte
Memmingen feiert zusammen mit dem Haus der Bayerischen Geschichte »500 Jahre Zwölf Artikel« mit einem umfangreichen Programm. Hier unsere Tipps:
- Projekt Freiheit – Memmingen 1525 Bayernausstellung des Hauses der Bayerischen Geschichte und der Stadt Memmingen bis 19. Oktober 2025 Dietrich-Bonhoeffer-Haus/Kramerzunfthaus
- Menschen 1525 Auf lebensgroßen Figuren an verschiedenen Stellen der Altstadt präsentiert der Historische Verein Memmingen kurze Biografien von Menschen, die 1525 gelebt haben
- Podiumsdiskussion: Rechtsextremismus und Prävention Dienstag, 8. April (19 Uhr) Antoniersaal
- Podiumsdiskussion zur Situation von Bauern und Bäuerinnen heute: Aufbruch in eine andere Landwirtschaft? Sonntag, 13. April (14 Uhr) Dorfgemeinschaftshaus Steinheim
- Ausstellungseröffnung: Frauen LEBEN Freiheit – Künstlerinnen im Madlenerhaus Freitag, 23. Mai (16 Uhr) Madlenerhaus
Den krönenden Abschluss des Festjahres bildet die Verleihung des Memminger Freiheitspreises 1525 am 3. Oktober 2025 im Rahmen eines Festakts, der in ein großes Stadtfest übergehen wird.
Das gesamte Programm: www.stadt-der-freiheitsrechte.de und www.hdbg.de
Aber auch andernorts wird an die Bauernkriege erinnert. Damit wird sichtbar, wie weit über die Grenzen Schwabens hinaus dieses Thema bis heute relevant ist. Hier eine kleine Auswahl:
- Vortrag über den Bauernkrieg von 1525 mit Stadtarchivar Michael Tassilo Wild Dienstag, 8. April (19 Uhr) Sitzungssaal (Rosengarten 1, 88410 Bad Wurzach) www.bad-wurzach.de
- 500 Jahre Bauernkrieg Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2024/25 26. April bis 5. Oktober 2025, darunter: Uffrur! Utopie und Widerstand im Bauernkrieg 1524/25 Kloster Schussenried www.bauernkrieg-bw.de/uffrur-ausstellung
In Franken: Der Bauernkrieg in Franken. Jubiläum 2025 www.frankenbund.de/der-bauernkrieg-in-franken-jubilaeum-2025
In Thüringen: Landesausstellung »Der Welt Lauf« www.panorama-museum.de/de/veranstaltungen-detailseite/vernissage-landesausstellung-der-welt-lauf.html
In Würzburg: Freiheyt 1525 – Freiheit 2025 www.wuerzburg.de/themen/kultur-bildung-kulturangebot/bauernkrieg
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Am Freitag, 21. März findet im Haus Sankt Ulrich in Augsburg ein Studiennachmittag statt. In Kooperation mit dem Verein für Augsburger Bistumsgeschichte beleuchten renommierte Historiker*innen und Theolog*innen die Bauernaufstände, die Reformation und die frühen Forderungen nach Freiheitsrechten. Vorträge und Diskussionen bieten spannende Einblicke in eines der wichtigsten Dokumente des Bauernkriegs. Weitere Informationnen hier.
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