Ausstellungen & Kunstprojekte

Dreimal hoch!

Susanne_Junker
a3kultur-Redaktion

Spektakuläre Frühjahrsvernissage im Glaspalast – mit kühn verwobener Dreifachdosis von Augsburger Sammlungen, Gesellschaft für Gegenwartskunst und »Die Ecke« e.V.

»New Connections«: Muster erkennen im H2
Bloß keine zu vollen Wände! – so Jan T. Wilms’ Prämisse vor seiner Rekordpremiere, die Anfang April im Glaspalast stattfand. Knapp ein halbes Jahr federführend im H2, schuf der Neu-Augsburger großzügig lichten Raum – zugunsten einer pulsierenden Komposition aus rund 60 Werken von 31 Künstler*innen, die von spürbaren Spannungsfeldern lebt. Vielschichtig konstruierte Malerei dominiert hier klar, durchbrochen von fotografischen, skulpturalen sowie textilen Solitären – letztere in Gestalt großformatiger, farbstarker Webereien der 2023 verstorbenen Else Bechteler-Moses. Unsichtbare Fäden spinnen sich durch die gesamte frühere Baumwollindustriehalle – man mag sich von ihnen hin- und herziehen lassen. »People in motion«, taufte Kulturreferent Jürgen K. Enninger diese mutige Choreographie der Gegensätze. Denn neben den Kunstsammlungen und Museen Augsburgs lassen hier Stadtsparkasse sowie Kunstmuseum Walter verborgene Schätze im Tageslicht erstrahlen. Ruprecht Geigers Signalfarben harmonieren erstaunlich mit warmen Tönen des BBK-Vorstands Norbert Kiening, berauschender Blütenpracht in zwei jüngeren Foto-Ankäufen von Herlinde Koelbl oder Kerstin Skringers genial schillernder, abstrakter Graupalette. Vergängliche Leichtigkeit in Udo Rutschmanns weißer Skulpturengruppe behauptet sich mühelos gegen Schwergewichte aus dem Œuvre der »Urgesteine« Georg Bernhard, Arnulf Rainer, Markus Lüpertz – letzterer aus Augsburgs Partnerstadt Liberec stammend. Im lockeren Dialog treffen aufstrebende Vertreter*innen jüngerer Generationen auf den Nachlass eines Jörg Immendorff, Norbert Tadeusz oder Max Kaminski. Wer spielerisch durch die Strömungen dieses fein durchdachten Farbklangraums navigiert, weiß: Kunst muss sich nicht neu erfinden, wenn die »Connections« passen – durch kreatives Spinnen und Weben auf sozialer Ebene.

Andreas_Breuning

»20:15«: GfG präsentiert Andreas Breunig, Peppi Bottrop, Jana Schröder
Den gedrittelten Schutzraum des H2-Kabinetts beleben abstrakte Papierarbeiten dreier Künstler*innen, in den 80er Jahren in Deutschland aufwuchsen. Ihre hier gezeigten neuen Werke konzipierten sie eigens für die Raummaße dieses warm beleuchteten, integrierten Mikrokosmos – das betonten die GfG-Vorstände Dr. Stefan Schrammel und Dr. Thomas Weckbach voller Stolz. Drei auf den zweiten Blick individuell gestaltete Zeitkapseln verweben sich auch hier zu einem stimmigen Ganzen, dessen Details zum Verweilen, Nachdenken, Fragen animieren. An eine Filmrolle erinnert Andreas Breunigs Arrangement schneller Schwarzweiß-Zeichnungen im ersten Raum, welches hart mit einer statischen Wandmalerei kontrastiert. Gewissermaßen als Sandwich–Kind positioniert sich Peppi Bottrop nebenan mit großzügig expressiver und keineswegs unbunter Malerei in Schwarztönen – als eigenständige Hommage an seinen Lehrmeister Albert Oehlen. Jana Schröders kleinformatige Farbjuwelen umlaufen die hintere Kammer als filigranes Band mit beinahe andächtigem Charakter. Sowohl in sich wie als Kombination überzeugen die drei künstlerischen Momentaufnahmen durch scheinbar selbstverständliche Balance aus Lockerheit, Spannung und Tiefe – die als »Highlight im Highlight« gelten darf.

susanne_junker

»SO WHAT!« – »Die Ecke« mit feministischer Kampfkunst von Susanne Junker
Drei Jahrzehnte künstlerischen Widerstands packt Susanne Junker ins H1: Vom Tanz ums goldene Kalb des makellosen Scheins ließ sich das einstige Topmodel nicht blenden. Misogyne Abgründe hinter glamourösen Fassaden durchschaute die gebürtige Schwabmünchnerin früh – und schoss zurück: anfangs in spontanen Analog-Selfies, später folgten aufwändige Studio-Arrangements mit digitaler High-End-Retusche. Junkers befreiendem Frühwerk entstammt auch der Titel »SO WHAT!«.
Gleichgültigkeit provoziert ihre raumgreifende Dramaturgie nicht: Rund um den Globus entstandene, teils grelle Multimedia-Inszenierungen sparen kaum einen feministischen Triggerpunkt aus, katapultieren Betrachtende vom leidvoll Banalen ins heiter Mystische, umspielen kokett die Grenzen des Sag- und Ertragbaren. Immer wieder fühlt man – oder Frau – sich ertappt, sei es in voyeuristischen Momenten, eigenen Kontrollzwängen oder antiquierten Denkmustern.
Kommerzielle Schönheitsbegriffe demaskiert Susanne Junker als absurd bis verlogen: In ihrer Wahlheimat Frankreich müssen retuschierte Werbefotos gekennzeichnet sein.
Entwaffnende Ehrlichkeit führt als roter Faden durch das Schaffen der unbestechlichen Foto-Kriegerin, deren Mann und junger Sohn ihre Mission von Herzen unterstützen. Festen Rückhalt fand Junker auch durch »Die Ecke« e.V. sowie Arno Buchegger Stiftung: Ihre lange Rechnung mit dem Patriarchat nahm kurzfristig im H1 Gestalt an – dank exzellenter Kunstvernetzung über Augsburg hinaus sowie höchstem Engagement vor Ort. Im Artist Talk zur Vernissage lobte u. a. »ECKE«–Kuratorin Chiara Padovan das mächtige Potenzial institutionsübergreifender Kooperationen.
Da »SO WHAT!« nicht mit polarisierenden Elementen spart, dürfte die Schau in Augsburg einschlagen – und zahlreiche Impulse liefern: zu weiblicher Selbstaneignung ebenso wie zum kultivierten Streiten über Geschmacks- oder Schönheitsbegriffe.

Zu den drei Ausstellungen werden Führungen und Kataloge angeboten.
Am 15. und 16. April läuft außerdem die Publikums-Aktion »ID-Identity« mit Susanne Junker.
Termine und Informationen:
kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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