Film

Utopische Dreifaltigkeit

»Oslo Stories« ist eine wunderbare Trilogie über die titelgebenden Themen Liebe, Sehnsucht und Träume © Alamode Film

Mit den »Oslo Stories« legt der norwegische Filmemacher und Schriftsteller Dag Johan Haugerud eine Liebeserklärung an die norwegische Hauptstadt und sein Meisterwerk vor. Mehr zu der Filmtrilogie in Thomas Ferstls Filmkolumne »Projektor«

Auch wenn Sie hier gleich von einer wunderbaren Urlaubsdestination lesen, ist das noch nicht mein in Aussicht gestelltes Reisespezial.

Mit den »Oslo Stories« legt der norwegische Filmemacher und Schriftsteller Dag Johan Haugerud eine Liebeserklärung an die norwegische Hauptstadt und sein Meisterwerk vor: eine Filmtrilogie aus »Liebe« (bereits am 17. April im Kino gestartet), »Träume« (8. Mai, Liliom) und »Sehnsucht« (22. Mai, Liliom), die jeweils eigenständig mit neuen Figuren unabhängige Geschichten erzählen. Getrennt voneinander werfen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Sie erzählen von den titelgebenden Themen Liebe, Sehnsucht und Träume, hinterfragen Identität, Gender und Sexualität.

In »Liebe« lernen sich Marianne (Andrea Bræin Hovig) und Tor (Tayo Cittadella Jacobsen) zufällig auf einer Fähre Richtung Oslo kennen. Sie arbeiten im selben Krankenhaus, sie als kompetente Ärztin, er als mitfühlender Krankenpfleger. Als Tor erzählt, dass er seine Nächte oft auf der Fähre verbringt, um schnellen Sex zu haben, überlegt Marianne, ob diese Art der spontanen Intimität nicht auch eine Option für sie sein könnte. Sex ist nicht einfach nur Sex, aber Sex ist auch nicht gleich Liebe. In vielen intimen Dialogen regt der Film zum Nachdenken über Verbindendes und Unterschiede unserer zwischenmenschlichen Beziehungen an.

In »Träume« verliebt sich Johanne (Ella Øverbye) zum ersten Mal, und zwar in ihre Lehrerin (Selome Emnetu). Ihre intensiven Fantasien und Gefühle hält sie schriftlich fest, um sie nicht zu vergessen. Als ihre Mutter (Ane Dahl Torp) und ihre Großmutter (Anne Marit Jacobsen) die Texte lesen, sind sie zunächst schockiert über den intimen Inhalt, erkennen aber bald das literarische Potenzial.

Während sie darüber debattieren, ob sie es veröffentlichen sollen, werden alle drei Frauen mit ihren eigenen unerfüllten Träumen und Sehnsüchten konfrontiert. Haugerud verpackt gekonnt die komplexe Dynamik einer ersten Liebe mit der Auseinandersetzung über das Verständnis von Emanzipation, Feminismus und Selbstbestimmtheit zwischen drei Generationen. Hinreißend und zu Recht mit dem Goldenen Bären für den besten Film auf der Berlinale 2025 ausgezeichnet.

In »Sehnsucht« geraten zwei Freunde (Jan Gunnar Røise und Thor­bjørn Harr), die in monogamen, heterosexuellen Ehen leben, in Situationen, die ihre Ansichten über Sexualität und Geschlechterrollen infrage stellen. Der eine hat eine sexuelle Begegnung mit einem anderen Mann, ohne dies als Ausdruck von Homosexualität oder Untreue zu betrachten, und bespricht dies anschließend mit seiner Frau. Der andere wird von einem sinnlichen Traum mit David Bowie aus der Bahn geworfen.

Auch hier wird einiges besprochen: Erwartungshaltungen, Rollenbilder heterosexueller Männlichkeit. Verschroben, verspielt, fantastisch. »Sehnsucht« ist im Original eigentlich der erste Film der Trilogie und wurde bereits auf der Berlinale 2024 mit dem Preis der Ökumenischen Jury in der Sektion »Panorama« ausgezeichnet.

Die Filme von Dag Johan Haugerud sind allesamt klug, originell und berührend. Sie sind wunderbare Utopien, was vielleicht der größte und einzige Kritikpunkt an ihnen ist. Zusammen mit Richard Link­laters »Before«-Trilogie (1995, 2004, 2013) mit Julie Delpy und Ethan Hawke in den Hauptrollen gehören »Liebe«, »Träume« und »Sehnsucht« für mich zu den besten Mehrteilern über Beziehungen, Liebe und Vergänglichkeit.

 

Dag Johan Haugerud © Elena Ternovaja/Creative Commons

Filmfigur des Monats: Dag Johan Haugerud 

  • geboren am 30. Dezember 1964 in Eidsberg, Norwegen
  • Berufe: Filmregisseur, Drehbuchautor, Romanautor, Bibliothekar (Anstellung an der Norwegischen Musikhochschule in Oslo)
  • 1998: erster Kurzfilm »16 levende klisjeer«
  • 1999: erster Roman »Noe med natur«
  • Durchbruch als Filmemacher mit »Wie du mich siehst« (2012) und »Barn« (2019), die vielfach national und international ausgezeichnet wurden

Kinostarts im Mai

DO 01.05. CINEMAXX, CINESTAR, LILIOM – Bambi | Die Legende von Ochi // CINEMAXX, CINESTAR – Thunderbolts* // CINEMAXX – Geheimnis  DO 08.05. CINEMAXX – Ozean mit David Attenborough // LILIOM – Islands | Wenn das Licht zerbricht | Oslo Stories: Träume
DO 15.05. CINEMAXX – Schweinesand – Eine Insel voller Geheimnisse MI 21.05. CINEMAXX, CINESTAR – Mission: Impossible – The Final Reckoning  DO 22.05. CINEMAXX, CINESTAR – Lilo & Stitch // LILIOM – Monsieur Aznavour | Oslo Stories: Sehnsucht DO 29.05. CINEMAXX, CINESTAR – Karate Kid: Legends // LILIOM – Der phönizische Meisterstreich
 

Kinoevents im Mai

MO 05.05. KINODREIECK – Architektur.Film.Jazz: »Kraft der Utopie – Leben mit Le Corbusier in Chandigarh« DI 06.05. Alle Kinos – Best of Cinema: »Red Heat« DI 06.05. CINEMAXX – »Ghost in the Shell 2: Innocence« DO 08.05. CINEPLEX Aichach – Special: »Brot und Tulpen« MO 12.05. KINODREIECK – Queerfilmnacht: »Blindgänger« MI 14.05. CINEMAXX, CINEPLEX, KINODREIECK – Wagners »Die Walküre« live aus dem Royal Opera House London SA 17.05. CINEMAXX, CINEPLEX – Strauss’ »Salome« live aus der Metropolitan Opera New York DI 20.05. CINEPLEX Königsbrunn – Special: »Thelma – Rache war nie süßer« DO 22.05. CINEMAXX, CINEPLEX, KINODREIECK – »Ballet to Broadway: Wheeldon Works« live mit dem Royal Ballet London SA 31.05. CINEMAXX, CINEPLEX – Rossinis »Barbier von Sevilla« live aus der Metropolitan Opera New York 

Das könnte Sie auch interessieren

Martin Schmidt
Club & Livemusik, Film

Press REC!

Die Augsburger Kegelbahnkonzerte gehen in die 12. Staffel. Mit dabei sind Lillian Hampson, Josy, Marcoca, Janikeliah und Picky Eater.

Mira Emke
Film, Klassik

Klassik im Kino

Die Cineplex-Kinos zeigen diesen Herbst und Winter wieder Aufzeichnungen und Live-Übertragungen großer Opern- und Ballettinszenierungen auf der Kinoleinwand.
Thomas Ferstl
Film

(K)eine Heimat

»Der Heimatlose«

Nach 14 Jahren auf dem Festland kehrt Hein (Paul Boche) in seine Heimat zurück – das einzige Dorf auf einer abgelegenen Nordseeinsel. Zu seiner Überraschung erkennt ihn die eingeschworene Dorfgemeinschaft nicht wieder. Sogar sein Kindheitsfreund Friedemann distanziert sich von ihm, obwohl sie einst unzertrennlich waren. Um herauszufinden, ob Hein wirklich der ist, für den er sich ausgibt, rufen die Bewohner*innen ein Dorfgericht ins Leben. Doch im Verlauf des Prozesses mehren sich die Ungereimtheiten.