Politik & Gesellschaft

Die lethargische Stadt

Ruiniert Freilichtbühne Augsburg
a3kultur-Redaktion

Die Liste unserer geschlossenen Kulturorte wächst. Das wirft auch die Frage nach ihrer Existenzberechtigung auf! Ein Kommentar

Staatstheater, Konservatorium, Katharinenkloster, Freilichtbühne, Stadtmauer, Goldener Saal, Stadtmarkt, Römisches Museum, Halle 116, Höhmannhaus, Casino im Sheridan-Park … Die Zahl der maroden Augsburger Kulturorte steigt. Die Gründe für dieses städtische Versagen sind mannigfaltig.

In der Regel wird von der Politik die düstere Finanzlage einer Stadt als Grund für deren marode Infrastruktur angeführt. Das ist ein Narrativ, das zumindest in Augsburg in die Irre führen kann. Welche wirklich arme Stadt würde sich denn sehenden Auges in Finanzkapriolen wie beim Staatstheaterneubau stürzen? Da müsste man ja verrückt sein. Geld fehlt nicht einfach, nur weil es – statt etwa in Bildung, Sport und Kultur investiert zu werden – auf den Konten der Immobilien- und Bauindustrie landet. Es kommt nicht da an, wo es dringend gebraucht wird, sondern dort, wo es hingeleitet wird. Wie viele Kultureinrichtungen können sich schon einen Alt-OB als juristischen Berater leis­ten? Für Immobilienunternehmen ist das oft kein Problem.

Diese systematische Austrocknung der Kultur hat Folgen. Diese begegnen uns auch an manchen Stellen in städtischen kulturellen Strukturen, die oft kaum noch in der Lage sind, eigene Projekte zu stemmen. Ihre Etatlage ist so bedenklich, dass sich bald nur noch die Gehälter der Festangestellten samt Nebenkosten und etwas Chi-Chi decken lassen.

Leisten wir uns Kultureinrichtungen in Zukunft nur noch um ihrer selbst willen?

Was bedeutet das eigentlich für Menschen, die für diese Kulturorte arbeiten, die um die fatale Beschneidung ihrer Möglichkeiten genau wissen und die aus nachvollziehbarem Grund bestrebt sind, nichts davon nach außen dringen zu lassen? Stellt doch die Wahrnehmung ihres sehr beschränkten Aktionsradius durch Dritte das sinnvolle eigene Tun stark infrage. Leisten wir uns diese Expert*innen und Kulturorte in Zukunft nur noch ihrer selbst Willen?

Welchen Anteil fehlende Kompetenzen und mangelnder Einsatz in Politik und Verwaltung an den diversen Schieflagen haben, bleibt meist im Dunkeln. Der italienische Autor und Experte für organisierte Wirtschaftskriminalität Roberto Saviano erkennt in der Lethargie einer Stadt auch ein Indiz für ihre verlorene Autonomie und Selbstbestimmtheit. Die Entscheidungen treffen dort nicht mehr die gewählten Vertreter*innen.

Die Liste der geschlossenen Kulturorte in Augsburg ist lang. Und sie wächst unaufhörlich, wie auch die neuesten Beispiele der Schande belegen.

Geschlossen: Halle 116

Mit dem Tag der Befreiung am 8. Mai startete das Augsburger Friedensfest. Heuer, im Jubiläumsjahr, soll es über drei Monate laufen – bis zum Finale am 8. August, dem Hohen Friedensfest, einem einzigartigen Feiertag mit höchster Strahlkraft und Symbolik für die Stadt. Kurz vor dem Festivalstart wurde bekannt, dass die Halle 116 nicht Teil des Festivals sein kann. Der Hochbunker aus den 1930er-Jahren war Teil einer Wehrmachtskaserne und wurde 1944 zum KZ-Außenlager für Zwangsarbeiter*innen unter SS-Kommando.

Erst vor eineinhalb Jahren eröffnete dieser Ort der Erinnerungskultur. Seit Wochen ist er nun geschlossen, weil »Putz von den Wänden blättert«, so eine Quelle aus dem OB-Referat. Nicht nur sie zweifelt an der Notwendigkeit der Sperrung. »Die Dauerausstellung im Erinnerungs- und Lernort Halle 116 ist die erste, die sich mit der Zeitgeschichte Augsburgs im 20. Jahrhundert befasst« – mit diesen Worten wirbt die Stadt auf ihrer Homepage für ein historisch-politisches Bildungsangebot, das zum 375. Friedensfest kein Mensch wahrnehmen kann.

Geschlossen: Neue Galerie im Höhmannhaus

»Neben international renommierten Positionen stehen insbesondere Projekte mit heimischen Künstler*innen im Fokus der Präsentationen« heißt es auf der Homepage der Kunstsammlungen und Museen Augsburg. Doch seit Herbst vergangenen Jahres präsentiert das Höhmannhaus nur noch Leere. Sang- und klanglos wurden die einzigartigen Schaufenster der Gegenwartskunst im Zentrum der Stadt abgewickelt. Kurz zuvor wurde seinem Programm und dem langjährigen Macher Thomas Elsen noch wortreich gehuldigt. Wer wusste wohl damals schon, dass hier nicht nur der Museumsmann Elsen in den Ruhestand verabschiedet wurde?

Demnächst geschlossen: Freilichtbühne

Im kommenden Jahr wird die Freilichtbühne am Roten-Tor-Wall in Augsburg für ihre Sanierung geschlossen. Bereits 2009 wurde deutlich, dass notwendige Reparaturen der Freilichtbühne auf die lange Bank geschoben worden waren. Das Holz des Bühnenbodens war derart marode, dass die Gefahr bestand, während einer Vorstellung durch denselben zu brechen. Staatstheaterintendant André Bücker bezeichnete den Zustand seiner größten Spielstätte 2021 als »fragwürdig«. In einer guten Saison besuchen rund 40.000 Menschen die Inszenierungen am Roten Tor. Das ist fast jedes fünfte verkaufte Ticket des Staatstheaters.

Noch lange nicht offen: das Staatstheater

Als Staatstheater-Bau-Intendant war Bücker von Beginn seiner Amtszeit an auch Mitverantwortlicher der Skandalbaustelle am Kennedyplatz. Heute ist er der letzte Verbliebene der einstigen Bau-Führungsriege mit OB Gribl, Baureferent Merkle und Architekt Achatz. Die Kosten sind derweil komplett aus dem Ruder gelaufen. Statt der einst veranschlagten 100 Millionen Euro wären heute wohl alle Beteiligten froh, wenn die Schlussrechnung unter einer halben Milliarde Euro läge.

Am Rande der Pressekonferenz zur Theatersaison 2025/26 ließ Bücker nun Zweifel daran erkennen, ob er als Intendant den Neubau jemals bespielen wird. Bückers Intendanz läuft vorerst bis 2028. Zumindest mit dieser Einschätzung im Kontext Theaterneubau könnte er richtig liegen.

 

*Mit freundlicher Genehmigung und Unterstützung von Frank Spilker (Die Sterne)

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