Die Ukraine und die Poesie
DJ und Autor Yuriy Gurzhy ist im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen zu Gast im Weissen Lamm. Ein Interview
a3kultur: Guten Morgen, Yuriy Gurzhy. Sie sind DJ und Autor. Ich erreiche Sie telefonisch am späten Vormittag in Ihrer Berliner Wohnung. Haben Sie heute denn schon Musik für sich selbst aufgelegt?
Yuriy Gurzhy: Es ist noch relativ früh am Tag. So viel Musik habe ich heute noch gar nicht gehört. Der Tag fing mit einem Album von Serge Gainsbourg an, ich bin ein großer Fan von ihm. Er hatte übrigens auch ukrainisch-jüdische Wurzeln. Seine Eltern kamen aus Odessa und Charkiw, meiner Heimatstadt. Ich finde diesen Blickwinkel sehr interessant. Ich habe schon vor einiger Zeit versucht, Freund*innen zu motivieren, mir ein paar Texte von ihm ins Ukrainische zu übersetzen, um sie später mit meiner Band zu performen. Und obwohl sich in seiner Musik keine wirklichen Klezmer-Elemente finden, glaube ich, dass manches von dem, was er in seiner langen Karriere als Komponist geschrieben hat, wunderbar in ein Klezmer-Arrangement passen würde. Nicht, dass ich irgendwie auf Klezmer fixiert wäre – aber ich finde, diese Kombination wäre spannend. Wie es eben bei nahezu allen richtig guten Songs fast egal ist, was man damit macht. Bei jedem Arrangement kommt etwas Neues heraus.
Ich hatte einige Male die Möglichkeit, die Ukraine zu besuchen – unter anderem war ich zu Gast beim Poesiefestival in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina. Es war faszinierend zu erleben, wie die ukrainische Jugend ihre Poet*innen feiert.
Die Ukraine und die Poesie – das ist ein Phänomen. Viele ukrainische Autor*innen machen auch Musik. So wie Serhij Zhadan, der wahrscheinlich gefeiertste Autor des Landes. Wir haben mit ihm drei Alben produziert und arbeiten gerade an unserem vierten. Serhij Zhadan füllt Hallen mit 10.000 Leuten – und liest vor ihnen Gedichte. So etwas gibt es im Jahr 2025 nicht in jedem Land.
Serhij Zhadan hat momentan, wenn ich das so sagen darf, zwei Jobs. Er ist Künstler, aber er ist auch Teil der ukrainischen Streitkräfte.
Ja, er ist Soldat. Aber er hat eine spezielle Funktion. So hat er beispielsweise einen Radiosender aufgebaut. Dort moderiert er oft – und sehr leidenschaftlich. Er ist nicht nur ein großartiger Geschichtenerzähler, sondern auch ein wunderbarer Zuhörer. Serhij führt Interviews mit unterschiedlichsten Menschen: mit Militärs, Zivilist*innen, Künstler*innen. In der Ukraine sind alle von diesem Krieg betroffen – direkt oder indirekt. Der Krieg spielt eine Rolle in jedem seiner Interviews, in jedem Song und in jedem seiner Gedichte.
Der Krieg ist auch in Deutschland präsent – vor allem natürlich bei den Menschen, die vor ihm geflohen sind. Einigen davon begegnen wir in Ihrem Buch »Richard Wagner und die Klezmerband«. Darin haben Sie sich auf die Suche nach dem neuen jüdischen Sound in Deutschland gemacht. Es ist ein bunter Katalog, die Interviews lassen sich sehr gut lesen, und der Band ist gut bebildert. Wie kam es zu dem Buch?
Ich bin ein großer Fan von »Please Kill Me – The Uncensored Oral History of Punk« von Legs McNeil und Gillian McCain. Das Format mit Dutzenden Interviews fand ich richtig spannend. Ich war inspiriert und habe mir vorgenommen, irgendwann etwas Ähnliches zu schreiben. Da ich seit meinem 20. Lebensjahr auf der Suche nach jüdischer Musik bin, also verschiedenen Sounds und Facetten jüdischer Musik, wurde das mein Thema. Ich fand es auch schade, dass die Geschichten, die man sich in Künstlergarderoben vor und nach Konzerten, auf Festivals und privat in Küchen beim Feiern erzählt, nirgendwo nachzulesen sind. Und so ist tatsächlich ein Patchwork aus 55 Interviews entstanden.
Ich hatte das Glück, wenn man das so nennen will, dass meine Musikerkolleg*innen während Corona auch die Zeit hatten, sich drei oder mehr Stunden am Stück mit mir zu unterhalten. Die Gespräche habe ich aufgenommen und daraus – ähnlich wie in meinen DJ-Sets – quasi einen Mix aus verschiedenen Fragmenten zusammengeschnitten. Genauso ist das Buch entstanden. Es ist im Januar 2022 im Berliner Ariella-Verlag erschienen.
Eine Frage, die Sie vermutlich gar nicht mehr hören können, die ich dem Autor eines Buches mit dem Untertitel »Auf der Suche nach dem neuen jüdischen Sound in Deutschland« trotzdem stellen möchte: Was eigentlich ist jüdische Musik?
Ich weiß, dass wir jüdischen Musiker*innen oft ermüdet von der Frage sind, was jüdische Musik eigentlich ist. Aber ich habe sie trotzdem jedem Interviewpartner und jeder Interviewpartnerin gestellt. Und tatsächlich 55 unterschiedliche Antworten darauf bekommen.
Sound mit jüdischen Wurzeln begeistert mich oft wegen seiner sehr speziellen Melancholie – aber eben auch, nicht weniger oft, wegen seiner besonderen Partytauglichkeit.
Es gibt tatsächlich alte Lieder oder Melodien – leider viel zu wenige, wie ich finde –, die erstmals in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aufgenommen wurden und die auch nach heutigen Standards live gespielt gut funktionieren. Manche Leute rappen sogar dazu. Ich meine: Das ist tanzbar, fast schon im Club-Kontext. Aber es gibt in meiner Plattensammlung auch Dutzende Aufnahmen, zu denen ich mir absolut nicht vorstellen könnte zu tanzen. Da ist alles möglich.
Die Jüdische Kulturwoche Augsburg Schwaben wirbt mit einem Motiv, das wie ein tanzender Rabbiner aussieht. Ich selbst – aufgewachsen im katholischen Wertekontext – habe in meinem Leben wohl mehr jüdische Geistliche tanzen sehen als katholische. Der Titel der Kulturwoche lautet übrigens: »Und wenn der Rebbe singt!« Welche Bedeutung hat Musik im jüdischen Leben?
Ich glaube, das ist eine ungefähr genauso komplizierte Frage wie die, was jüdische Musik ausmacht. Auch darauf gibt es sehr viele Antworten. Auch wenn man nicht in einer jüdischen Umgebung aufwächst und nicht in Israel lebt, setzt man sich auf eine oder andere Weise mit jüdischen Themen auseinander, als Autor, Künstler, Filmemacher – oder eben als Musiker. Für mich ist es eine wirklich faszinierende Suche nach diesen Stücken. Oft sind die Ergebnisse sehr bunt – und fast immer sehr unterschiedlich. Darum habe ich auch eine CD mit den Liedern der Künstler*innen zusammengestellt, die im Buch vorkommen.
In Teilen ihrer Arbeit geben Sie sich als jüdischer Künstler klar zu erkennen. Angriffe auf jüdische Menschen und Einrichtungen nehmen in Deutschland seit Jahren stetig zu. Jüdische Künstler*innen werden nicht mehr gebucht. Was sind Ihre Erfahrungen?
Bei Konzerten oder DJ-Gigs ist es tatsächlich oft nicht wirklich offensichtlich, dass ich jüdisch bin. Da gibt es dann auch keine Probleme, vor allem wenn die Veranstaltungen nicht in einem jüdischen Kontext stattfinden. An was ich mich jedoch sofort erinnere, ist die letzte Lesung aus »Richard Wagner und die Klezmerband« vor einiger Zeit in Hanau. Während des Abends hat die Zahl der Polizist*innen im Raum immer weiter zugenommen. Nach der Lesung haben mich einige von ihnen aus der Bibliothek nach draußen begleitet und mich in einem gesicherten Wagen zum Hotel gefahren. Aber ich habe zum Glück keine direkte Gefahr erlebt.
Ich hoffe, diese Art von Erfahrung werden Sie auch in Augsburg nicht machen müssen. Am 28. Mai lesen Sie aus Ihrem Interviewband und legen im Weißen Lamm auf – einem Club direkt bei der Theaterbaustelle. Wie kann man sich einen Abend mit Yuriy Gurzhy vorstellen?
Mir ist wichtig, dass man die Menschen tatsächlich erkennt, wenn ich ihre Interviews vorlese. Ich werde viel über sie und ihre Musik erzählen. Ich gestalte jede Lesung praktisch neu, weil ich jedes Mal das Gefühl habe, dass das Buch mehr ist als das, was ich in einer Stunde allein auf der Bühne mit nur einem Mikro machen kann. Deswegen ist das oft ein bisschen wie bei einer Radiosendung. Und ich plane, viele Platten mitzubringen. Dann werde ich schauen, wie der Abend so läuft.
Das ausführliche Programm der Jüdischen Kulturwoche hier.
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