Sommer.Kultur.Trip
Eine Stadt findet auch durch ein kluges wie vielfältiges Kulturprogramm zu sich.
Im Sommer wird die Dachauer Altstadt zur Bühne! Beim jährlichen Musiksommer-Auftakt »Jazz in allen Gassen« spielten auch im Juni 2025 mehrere Bands gleichzeitig auf unterschiedlichen Bühnen. Bei gutem Wetter besuchen über 10.000 Gäste dieses Straßenfestival. Für das »Barockpicknick« wird der prächtige Hofgarten des Dachauer Schlosses zur Kulisse eines besonderen Musikformats – in diesem Jahr am 14. Juli mit der »Munich Brass Connection«. Die Stadt lädt zum Picknick im Schlossgarten mit Blick über die Ebene, bis weit über München hinaus und in die Alpen hinein. Nach Sonnenuntergang erstrahlen Hunderte Kerzen. Die begehrten Tickets für dieses Jahr sind jedoch schon längst vergriffen. Im Oktober startet das Indoor- Programm der Dachauer Schlosskonzerte – in diesem Jahr mit dem Stuttgarter Kammerorchester, dem Solisten Niklas Liepe und dem Programm »Goldberg-Reflections«.
Ein besonderes Ambiente schafft auch die Konzertreihe auf dem Rathausplatz. Maximal 1.500 Gäste finden hier Platz, sodass zwischen den Bands und dem Publikum eine außergewöhnlich intime Atmosphäre entstehen kann. In diesem Jahr gelang das am samtblauen Abend von Fronleichnam, als die großartige US-Formation Wilco (Foto) mit zwei begeisternden Sets über gut zweieinhalb Stunden überzeugte. Genug Material findet sich im Songkatalog des Frontmanns Jeff Tweedy und seiner fünf großartigen Musikerkollegen. Musikalisch spannte sich das Gehörte von feinem Country-Twostepp bis hin zu infernaler Experimentierkunst – samt einiger Gitarrensolis, die selbst den bösesten Death-Metallern Tränen der Verzückung in die Augen treiben würden.
Am Samstag, 28. Juni präsentiert Österreichs erfolgreichste Sängerin Christina Stürmer ihr aktuelles Unplugged-Album. Einen Tag später vollenden die Mighty Oaks die Dachauer Sommerkonzertreihe auf dem Rathausplatz mit ihrem »Folk made in Berlin«. Neben den Konzertterminen lohnt ein Sommer-Trip nach Dachau auch wegen der Ausstellungen in diesem Sommer. Hervorzuheben sind die Papierarbeiten von Joseph Beuys in der Galerie Lochner (siehe Beitrag 1) oder die Schau »Blick.Punkt« in der Gemäldegalerie Dachau. Im selben Haus ist noch bis 2026 das Programm »Die Welt im Spiel. Brettspiele aus 200 Jahren« zu sehen. Die Sonderausstellung präsentiert historische Gesellschaftsspiele – darunter wertvolle Raritäten, von Künstlern gestaltete Spielbretter und bis heute aufgelegte Longseller – und lässt diese zu Erzähler*innen ihrer eigenen Geschichte(n) werden.
Joseph Beuys, einer der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, hat eine Fülle von Arbeiten auf Papier hinterlassen – darunter zahlreiche Editionen. Die Dachauer Galerie Lochner zeigt nun eine Auswahl. Von Bettina Kohlen
Als er 1965 in der Düsseldorfer Galerie Schmela im Zwiegespräch mit einem toten Feldhasen diesem seine Bilder erklärt, wird er schlagartig bekannt. Und Joseph Beuys (1921–1986) bleibt in den Schlagzeilen: Seine Aktionskunst, seine Installationen, seine umfassenden kunsttheoretischen Ansätze und seine Selbstinszenierung sorgten in der Bonner Republik immer wieder für Aufregung und Unverständnis. Beuys studierte klassisch Bildhauerei bei Ewald Mataré, dessen Tierskulpturen bis heute überzeugen. In den 1960er-Jahren wandelte sich Beuys – seit 1960 bis zu seinem Rauswurf 1972 einflussreicher Lehrer an der Düsseldorfer Akademie – mehr und mehr zum Aktionskünstler, der jedoch das Flüchtige seiner Performances mit präzisen visuellen »Partituren« unterlief. Hier erweist sich Beuys als herausragender Zeichner. Dies lässt sich nun in der Dachauer Galerie Lochner erleben, die Beuys eine umfangreiche Ausstellung von Arbeiten auf Papier widmet. Neben einigen Unikaten sind vor allem druckgrafische Editionen zu sehen, teils in Zusammenarbeit mit Klaus Staeck entstanden. Beuys setzte bewusst auf Multiples, also Arbeiten in hoher Auflage, um Kunst für alle erschwinglich zu machen. Dazu gehören Fragmente seiner Aktionen, wie einzelne Schlitten als Relikt seiner Arbeit »Das Rudel«, aber auch druckgrafische Editionen, für die er ältere Arbeiten nutzte. So basie-Ratren die hier gezeigten »Toten Hirsche« oder die »Meerengel« auf Entwürfen von 1948. Beuys, Anhänger der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners und Gründungsmitglied der Grünen, künstlerisch und politisch
einzuordnen, bleibt bis heute schwierig. Seine Kunst und sein Denken waren eng mit der Natur verbunden – mythische Tiere wie Hase und Hirsch, Wärmendes und Nährendes wie Filz und Fett spielen eine große Rolle in seinem Werk. Seine grundsätzliche Suche nach Heilung war dabei zentral. Die von ihm inszenierte Legende, dass er nach einem Flugzeugabsturz 1941 – Beuys war als Soldat Bordfunker – von Krimtartar*innen gefunden, mit Fett gesalbt und in Filz gewickelt wurde, kann als Teil seiner künstlerischen Biografie gelten, die keineswegs der Realität entsprechen musste.
Im Gegensatz zu Beuys’ öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie dem Kasseler Documenta-Projekt »7000 Eichen« trifft man in der Galerie Lochner auf eine große Bandbreite leiser Arbeiten, die ebenso wie seine Performances oder Installationen seine künstlerischen und politischen Anliegen spiegeln – nur eben im kleineren Format und für eine größere Verbreitung konzipiert. Die Arbeiten auf Papier von Joseph Beuys sind bis zum 25. September zu sehen – und zu erwerben!
Porträts, historische Szenerien, Alltagssituationen: Die neue Sonderausstellung in der Gemäldegalerie Dachau untersucht, was Blicke erzählen können. Von Bettina Kohlen
Sie ist alt, sitzt leicht zusammengesunken in ihrem Lehnstuhl, die Hände über ein offenes Buch gefaltet, ihr Blick aus wasserblauen Augen richtet sich gedankenverloren in die Ferne – doch eigentlich blickt sie nach innen. Reflektiert sie das soeben Gelesene oder träumt sie von Vergangenem, Verpasstem? Fritz von Uhde hat die Tante Peppi, Josefine Ziegler, Ehefrau eines Dachauer Wirtes, um 1890 porträtiert. Dieser abgeklärte, dennoch unbestimmt bleibende Blick hat Laura Cohen, seit einem Jahr Leiterin der Gemäldegalerie Dachau, sofort fasziniert; das Bild, meist im Depot verborgen, erwies sich als Auslöser einer Ausstellung, die sich mit den Facetten des Blicks in der Kunst auseinandersetzt. Nun hängt es prominent inmitten verschiedenster Porträts und Szenerien, die meisten um 1900 entstanden. Sie erzählen alle ihre eigenen Geschichten, doch die Kuratorin Cohen
fokussiert unseren Blick, indem sie uns drei Sichtweisen vorschlägt. Da ist einmal der Blick nach außen – das heißt, die Dargestellten sehen aus dem Bildraum heraus, nehmen Kontakt auf, wie die von Franz von Lenbach gemalte junge Frau, die uns, den Kopf über die Schulter gewendet, offen ansieht. Das von Otto Fuchs gemalte Porträt der 91-jährigen Künstlerin Maria Langer-Schöller hingegen, die die Betrachter*in geradewegs und eindringlich ansieht, fasst fotorealistisch und nahezu überbelichtet ein langes Leben. Eine zweite Möglichkeit ist die des in sich gekehrten Blickes. Die
Dargestellten nehmen ihre Umgebung nur am Rande wahr, sie sehen nicht wirklich, sondern setzen sich mit inneren Zuständen auseinander. Die jeweilige künstlerische Darstellung fordert zur Interpretation des Unsichtbaren auf – wir machen uns Gedanken, gleichen mit eigenem Erleben ab. So reflektieren wir im Betrachten der bereits erwähnten Tante Peppi unsere eigenen Träume und Hoffnungen. Auch das Bild einer jungen Dachauerin, von Hans Jakob Mann in Festtagstracht und Brautkrone gemalt, öffnet einen Gedankenraum, lässt uns über ihr mögliches Leben nachdenken.
Kuratorin Cohen lenkt uns noch auf eine dritte Variante des Blicks: den innerhalb einer Bildszenerie; hier erleben wir, wie die Dargestellten untereinander kommunizieren. Das kann recht unangenehm sexistisch wirken – wie Robert von Haugs Kerzenschein–Setting, in dem zwei Frauen von drei
Männern in ziemlich eindeutiger Weise begutachtet werden. Thomas Theodor Heine zeigt karikaturhaft ein kapriziöses Biedermeierpaar mit Mops – »Wolken, die vorüberziehen «. Viel Interpretationsraum lässt hingegen Carl Zopfs Aquarell zweier gut gelaunter Frauen im Gespräch in einem Gasthaus. Eine der beiden ist als Kellnerin zu erkennen. Ist die andere eine Kollegin, ein Gast? Die überzeugende Konzeption mit einer großen Bandbreite an Sujets und künstlerischen Herangehensweisen und die kluge Auswahl der Exponate lässt allem und allen genügend Freiraum – durch die drei
angebotenen Blickweisen werden die Besucher*innen der Ausstellung zu Gedankenspielen angeregt. Und einfach so entsteht ein spezieller Blick auf die hier gezeigte Kunst. Sehr sehenswert! »Blick.Punkt. Was Blicke erzählen« ist bis zum 5. Oktober in der Gemäldegalerie Dachau zu sehen. Begleitend ist ein kleiner empfehlenswerter Katalog erschienen.
Ab 3. August lädt die KVD ins Schloss Dachau zur traditionellen »Großen Sommerausstellung «. In diesem Jahr lautet das Motto »Schlossball«.
Schon ab 1. August feiert die Kleine Altstadt Galerie ihren 25. Geburtstag im Kulturort Wasserturm in Dachau.
▶ www.dachauerwasserturm.de
Unter ▶ www.dachau.de/kultur findet sich der Veranstaltungskalender der Stadt – ebenso wie Informationen zur KZ-Gedenkstätte oder der Programmreihe »Dachauer Symposien«.
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Malerische Landschaften
Formen die Leuchten
Michael Kiessling, Galerist des Kunstraums am Pfarrhof Leitershofen, erzählt gerne, wie er Sandra Tröger im Münchner Ausstellungsraum »Sandkasten« kennengelernt hat – und wie schnell aus diesem ersten Kontakt die Idee für eine gemeinsame Ausstellung entstand. Noch im selben Jahr wurde daraus Wirklichkeit: »Form Farbe Raum« zeigt eine äußerst sehenswerte Auswahl von Trögers Werk in den Räumen von Leitershofen.