Politik & Gesellschaft

Kreative Kapitalanlagen

Die private Kulturrauminitiative KUPA startete 2007 auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne in Augsburg-Kriegshaber. Heute bewirtschaften sie an fünf Standorten in der Region rund 300 Kreativräume. © a3kultur
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Private Kulturrauminitiativen erweisen sich oft als erstaunlich langlebig und blühen zuweilen über Jahrzehnte

Privat geschaffene kulturelle Infrastruktur bietet in der Region weit mehr als 1000 Kreativen Platz für Arbeit und Begegnung. Auch bei Immobilienbesitzer*innen gelten solche Projekte mittlerweile als Option, um ihre Objekte langfristig in gute Hände zu geben und damit eine sichere Rendite zu erwirtschaften. So feierten die Verantwortlichen der Kulturfabrik im vergangenen Jahr – gemeinsam mit der Eigentümerfamilie des ehemaligen Produktionsbetriebs im Textilviertel – 30 Jahre Zusammenarbeit. Auch die Kulturpark West GmbH ist bereits seit 2007 aktiv. In ihren Dependenzen steckt ebenfalls Investitionskapital. Leider ist nicht allen Initiativen eine solche Lebensdauer beschieden. Derzeit kämpfen die Künstler*innen vom Haus Schöne Felder in der Stadtmitte um den Fortbestand ihres Kulturortes. Die Ateliergemeinschaft »Cultura Urbana«, auf dem Gelände der ehemaligen Ackermannfabrik im Stadtteil Göggingen, hat diesen Kampf wohl verloren und sucht einen neuen Platz zum Arbeiten. Aber auch neue Projekte entstehen – manche davon mit offenem Ende, wie der Ausstellungs- und Projektort Transform.Stat.117, der ab Herbst seine Arbeit aufnehmen wird. Hier eine ebenso kurze wie unvollständige Bestandsaufnahme der Szene. 

Kulturfabrik 

Die meisten kulturinteressierten Menschen kennen die Kulturfabrik im Textilviertel als Hauptspielstätte des Sensemble Theaters. Doch neben den Bühnen, Arbeitsräumen und der Bar des renommierten freien Theaters findet sich noch ein Trakt mit 15 Werkstätten und Ateliers. Im vergangenen Jahr feierte die Kulturfabrik ihren 30. Geburtstag. Erst einige Jahre später fand das Sensemble seinen festen Platz in dieser kreativen Umgebung. Die Gebäude und Freiflächen, die unter anderem auch als Open-Air-Sommertheatergelände genutzt werden, befinden sich in Privatbesitz. Zuletzt wurde beim großen Jubiläumsfest 2024 das gute Verhältnis zwischen der Vermieterfamilie und dem als Hauptmieter agierenden DJK Uhrwerk e.V. deutlich. Diese Verbundenheit hat auch nach dem Generationswechsel bei den Eigentümer*innen Bestand. Neben der erfolgreichen Kulturarbeit im Haus ist auch der verantwortungsvolle und engagierte Umgang der Mieter*innen mit der Immobilie ein Schlüssel zu dieser Erfolgsgeschichte. So wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Umbau- und Renovierungsarbeiten von den Kreativen gestemmt. Neben einem neuen Eingangsbereich und neuen Fenstern kann die Kulturfabrik zum Beispiel auch auf die Installation einer Fotovoltaik-Anlage verweisen. Alles in allem: Investitionen in die Zukunft, die sich für alle Beteiligten bezahlt machen. 

Kulturpark West GmbH

Die private Kulturrauminitiative KUPA startete 2007 auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne in Augsburg-Kriegshaber. Der Kündigung dieser Erfolgsgeschichte durch die Stadt ging ein langer Streit voraus, bei dem die Augsburger Politik kein gutes Bild abgab. 2018 war der Kulturpark in der Reese Geschichte. Die Macher*innen des Projekts nutzten das Ende als Chance und bewirtschaften heute an fünf Standorten in der Region rund 300 Kreativräume für Bands, Künstler*innen, Werkstätten, Liveclubs, Gastronomie, Sozialprojekte oder die a3kultur-Redaktion. Im Herbst soll der Startschuss für eine sechste Location am Friedberger Baggersee fallen. Die Wartelisten für Neumieter*innen sind lang. Vor allem bezahlbare Bandübungsräume sind rar. Häufig teilen sich mehrere Bands einen Übungsraum. Wie es um die langfristige Überlebenschance der einzelnen Dependenzen des KUPA bestellt ist, ist jedoch ungewiss. So kann sich zwar die Ballonfabrik, in der auch die a3kultur-Redaktion ihre Räume hat, noch fünf Jahre auf den laufenden Mietvertrag berufen – doch was danach geschieht, ist Verhandlungssache. Zwar besteht wohl eine weitere Mietoption bis 2040, doch die KUPA-Macher*innen wollen – auch aus Altersgründen – nicht mehr in diese Verantwortung gehen. Derzeit animieren sie die Mieter*innen der Ballonfabrik, schon jetzt Optionen zu erarbeiten, das Hauptmietverhältnis – beispielsweise als Verein – mit der Besitzerfamilie fortzuführen. Diese ebenso transparente wie langfristige Taktik kann die Chance sein, die kulturelle Infrastruktur an diesem Ort auch für nachfolgende Generationen von Kulturmacherinnen zu erhalten. Dennoch: Die Zukunft der Ballonfabrik über 2030 hinaus ist erst einmal ungewiss. 

Haus Schöne Felder 

Wie ungewiss die Lage auch bei bestehenden Mietverträgen für Künstler*innen sein kann, zeigt das Beispiel des Hauses Schöne Felder. Der Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kunst und Kultur zu fördern, startete im Herbst 2023 mit Ateliers und Gemeinschaftsräumen für mehr als 40 Künstler*innen und Handwerker*innen. Dafür belebten sie ein lange leer stehendes Objekt in der Augsburger Innenstadt und machten es im Handumdrehen zu einem der schönsten und gefragtesten privaten Kulturorte in der dahinsiechenden City. Nachdem der Besitzer der ehemaligen Weinhandlung unter Druck geriet, steigt nun – getrieben durch die Banken – der Druck so stark, dass eine Mieterhöhung jenseits aller Vorstellungen im Raum steht: Sie soll um mehr als 100 Prozent steigen. Ein Faktor, der für die Schönen Felder unmöglich zu stemmen ist. Noch laufen die Verhandlungen, verkünden die Schöne-Felder-Macher*innen. Sollten diese jedoch scheitern, wären neben den Kreativräumen auch unzählige Arbeitsstunden und Materialkosten, die sie in das Haus Schöne Felder investiert haben – und weiterhin investieren –, wohl verloren. Mit dem Ergebnis, dass der bezaubernde und mit rund 5,5 Millionen Euro zum Verkauf stehende Kulturort vorerst wieder leer stünde. 

Transform.Stat.117 

Auch von Neustarts in Sachen privat initiierter Kulturorte ist zu berichten – zum Beispiel vom Projekt Transform.Stat.117, das als Ausstellungsort und Projektraum im Herbst an den Start gehen soll. Die ehemalige Schlosserei zwischen B 300, Siebentischwald und dem Augsburger Stadtteil Hochfeld soll zumindest für einige Monate ein Hotspot für Gegenwartskunst in Augsburg werden. Kulturelle Infrastruktur, geschaffen von Privatleuten, muss nicht zwingend mittel- oder langfristig angelegt sein, um Wirkung zu entfalten. Nicht selten reichen einige Wochen oder Monate aus, um dauerhaft Spuren in der Gesellschaft zu hinterlassen und Nachahmer*innen Mut zu machen, ihr eigenes Ding zu starten. Augsburg kann seit Jahrzehnten auf geglückte, teils hinreißende Beispiele in diesem Bereich verweisen. Jede Generation brachte die Konzepte ihrer Zeit zum Blühen. Sie trugen Namen wie »Drei Tage freie Räume«, »Muhackl und Blutwurst«, »Kultursalon« oder »LOTF«. Viele davon sind heute fast schon vergessen. Ihre Kreativität und Tatkraft wirkt dennoch bis in Gegenwart und Zukunft fort. Man muss den Menschen nur den Raum lassen.

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