Literatur

Brecht ohne Bühne

Das Geburtshaus von Victor Hugo, dem berühmtesten Sohnes der französischen Stadt Besançon. Ein Ort, der zeigt, wie sich literarisches Erbe und Gegenwart produktiv verbinden lassen – und ein Vorbild dafür, wie Literatur Räume bekommen kann, die über reine Erinnerung hinausgehen. © Maison Victor Hugo – Ville de Besançon
a3kultur-Redaktion

Fehlt Augsburg ein Zentrum für Literatur? Aber sicher doch, findet a3kultur-Redakteur Malte Günther und besprach das Thema mit einigen Akteur*innen der Szene. 

Bertolt Brecht würde sich wundern. Die Stadt, die sich stolz »Brechtstadt« nennt, hat zwar ein – etwas traurig daherkommendes – Museum für ihren berühmtesten Sohn, aber keinen wirklichen Ort für das, womit er sich ein Leben lang beschäftigt hat: Literatur. Es gibt keinen zentralen Raum für Austausch, keine kontinuierliche Plattform für Lesungen, Debatten oder neue Formate. Während andere, deutlich kleinere Städte längst über Orte verfügen, in denen Wortkunst sichtbar, erlebbar und gestaltbar wird, bleibt Augsburg ein weißer Fleck auf der literarischen Landkarte. Dieser Beitrag geht der Frage nach, warum es in einer Stadt mit so starkem Erbe kein Literaturzentrum gibt – und was das über den Stellenwert von Literatur in Augsburg aussagt.

Eine Szene ohne Zentrum

In Augsburg mangelt es nicht an Engagement. Autor*innen, Buchhändler*innen, Veranstalter*innen, Vereine – viele Menschen arbeiten hier mit Leidenschaft am literarischen Leben der Stadt. Doch es fehlt an Struktur, Sichtbarkeit und verbindenden Orten. Kurt Idrizovic, Inhaber der Buchhandlung am Obstmarkt, sieht darin ein strukturelles Defizit mit langer Geschichte: »Die Stadt war nie eine Stadt, in der Literatur bzw. literarisches Leben gefördert wurde. Es gab und gibt Buchhandlungen, Bibliotheken, Büchereien – doch von der Augsburger (Kultur-)Politik werden diese Einrichtungen bis heute eher ›zur Kenntnis‹ genommen als aktiv unterstützt.«

Ein weiteres Problem macht Martin Schmidt, Herausgeber des Literaturportals auxlitera.de, in der Zersplitterung der Szene aus: »Die Augsburger Szene ist sehr lebendig, aber sie hat sich in zahlreiche Gefolgschaften und Seilschaften organisiert. Die einzelnen Akteurskreise trennt ihr jeweiliges Verständnis von Literatur – sowie ein starkes Bedürfnis nach Eigenprofil, ›Schule‹, Zielgruppe oder gar Markenbildung.«

Ein öffentlich gefördertes Literaturzentrum würde neue Möglichkeiten der Vernetzung, Sichtbarkeit und Zusammenarbeit schaffen – nicht nur für Autor*innen, sondern auch für Verlage, Veranstalter*innen und Publikum. Der Wunsch nach einem solchen Ort eint viele Stimmen.


Viel Engagement – wenig Struktur

»Schaut man genauer hin, sind es neben der Stadtbücherei, der Volkshochschule, dem Brechtfestival und dem Schwäbischen Literaturpreis vor allem viele kleinere Initiativen, private Lesekreise, Vereine, engagierte Buchhändler*innen und einzelne Autor*innen, die das literarische Leben der Stadt prägen«, heißt es in einem gemeinsamen Statement des Verbands deutscher Schriftsteller*innen (VS).

So etwa die Schlosser’sche Buchhandlung, die regelmäßig Lesungen organisiert, dabei jedoch auf strukturelle Hindernisse stößt: »Da unsere Lesungen nicht wie in anderen Städten gefördert werden, müssen wir manchmal Autor*innen aus Kostengründen oder wegen fehlender passender Räume leider absagen. Die Nachfrage ist unserer Meinung nach vorhanden – egal ob für Kinderbuchlesungen oder Veranstaltungen für Erwachsene.«

Meinolf Krüger, Betreiber des Taschenbuchladen Krüger e.K., Stadtrat und Mitglied im Kulturausschuss nimmt dazu eine weitere Position ein: Er betont die Vielfalt der heutigen Veranstaltungslandschaft – vom Café bis zum Museum, von der Buchhandlung bis zum Streamingformat. »Unter Berücksichtigung der ausdifferenzierten Bedürfnisse sehe ich die Vielfalt der Orte, an denen Literatur ›spielt‹, für wesentlicher. Ein Literaturhaus könnte diese Vielfalt nicht ersetzen und wäre aus Kostengründen schwer zu bespielen.« Viel wichtiger sei es, die vorhandenen Orte sichtbar zu machen.

Ein berechtigter Einwand, der allerdings ein strukturelles Missverständnis offenlegt: Ein Literaturzentrum ist kein Ausschluss anderer Orte, sondern kann Knotenpunkt und Motor sein – für bessere Koordination, mehr Austausch, neue Kooperationen. Es geht nicht darum, ein Gebäude zu schaffen, das alle ersetzen soll. Es geht darum, einen Ort zu schaffen, der das Beste vernetzt, was da ist – und darüber hinaus »kleineren« Akteur*innen überhaupt die Möglichkeit bietet, einen Raum für Veranstaltungen zur Verfügung zu haben.

Angela Eßer, Arwed Vogel und Wolfgang Kemmer vom VS und der Lesebühne Augsburg bringen es auf den Punkt: »Ein Literaturhaus heißt nicht, dass sich das gesamte literarische Leben nur an diesem einen Ort abspielen muss. Literatur sollte den Menschen entgegenkommen, sie überall abholen, auch im Umland einer Großstadt, aber sie braucht auch ein Zentrum, eine Anlaufstelle, wo man sie sicher findet, wenn man danach sucht.«

Auch der Verein »Literaturhaus Augsburg« betont diese Perspektive: »Wenn wir von einem Literaturhaus sprechen – physisch oder hyperreal –, dann meinen wir die Möglichkeit, ein echtes Programm in einem regelmäßigen Rhythmus und mit Passion zu schaffen.« Ein solcher Ort könnte Engagement in der Augsburger Schreibszene nicht nur sichtbarer machen, sondern ihm auch die Kontinuität, Struktur und Öffentlichkeit verleihen, die bislang vielerorts fehlen.

Denkmal oder Möglichkeitsraum?
Ein zentraler, symbolträchtiger Ort für eine mögliche literarische Anlaufstelle liegt in Augsburg eigentlich auf der Hand: das Brechthaus. Es ist das Geburtshaus des bedeutendsten Schriftstellers der Stadt – und gleichzeitig ein Ort, der bislang und das nur bedingt museal funktioniert. Zwar gibt es Ausstellungen und vereinzelt auch Veranstaltungen, doch das Potenzial, hier eine lebendige literarische Institution zu entwickeln, ist bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.

»Das Brechthaus, das bisher eher stiefmütterlich behandelt wird, ist gut kuratiert, könnte aber viel aktiver in das literarische Stadtleben eingebunden werden«, heißt es seitens des Vereins Literaturhaus Augsburg. Und weiter: »Unser Traum? Ein Haus, in dem Literatur lebt, in dem sich Fiktion und Leben bis zur Unkenntlichkeit vermischen. In dem man nicht einfach hingeht – sondern zu dem man gehört.«

Gerade in seiner symbolischen Strahlkraft wäre das Brechthaus prädestiniert dafür, weit mehr zu sein als ein passiver Gedenkort, wenn auch zu klein.

Über den Seitenrand hinaus

Dass ein solcher Ansatz funktionieren kann, zeigen zahlreiche andere Städte – auch deutlich kleinere als Augsburg. Beispielsweise in Darmstadt, Heimat von Georg Büchner, ist das Literaturhaus fester Bestandteil des kulturellen Lebens. Und auch international gibt es überzeugende Beispiele: So etwa Besançon, die französische Partnerstadt Freiburgs mit nur rund 120.000 Einwohner*innen – also etwa einem Drittel der Augsburger Bevölkerung. Ihr berühmtester Sohn: Victor Hugo. Ein Schriftsteller von vergleichbarer Strahlkraft wie Bertolt Brecht. In Besançon wird dieses Erbe nicht nur museal bewahrt, sondern aktiv gelebt. Sein Geburtshaus dient dort nicht nur als lebendig kuratiertes Museum, sondern auch als Veranstaltungsort. Der limitierte Platz erfolgreich erweitert durch anliegende Räumlichkeiten. Ein Ort, der zeigt, wie sich literarisches Erbe und Gegenwart produktiv verbinden lassen – und ein Vorbild dafür, wie Literatur Räume bekommen kann, die über reine Erinnerung hinausgehen.

Auch das Brechthaus könnte – mit politischem Willen, inhaltlichem Konzept und öffentlicher Förderung – mehr sein als Denkmal: ein Möglichkeitsraum. Für Literatur. Für Austausch. Für die Stadtgesellschaft.

Mit Spannung darf man außerdem auf die weiteren Entwicklungen im Kontext des seit Jahren geschlossenen Architekturmuseums im Thelottviertel blicken. Die Villa mit riesigem Garten in Bestlage gehört der Arno-Buchegger-Stiftung. Hier soll – neben dem bisherigen Schwerpunkt – auch eine neue, attraktive Anlaufstelle für die Literatur in Augsburg entstehen. Die Planungen dafür sind fertig und genehmigt. Ein privater Mäzen konnte überzeugt werden, das Projekt zu unterstützen. Die Bauarbeiten für die geplanten Erweiterungen werden wohl zu Beginn des Jahres 2026 starten – das war vom Vorstand der Stiftung, Oliver Kautz, zu vernehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mira Emke
Literatur

»Orca«

Franziska Gänsler, Autorin des Romans »Orca« liest am 25. September im City Club und lädt anschließend zu einem gemeinsamen Gespräch ein.
Malte Günther
Literatur

Gutes tun mit bösen Geschichten

Am 27. September ist Autor Wolfgang Kemmer im Hotel »einsmehr« zu Gast – nicht für einen Urlaubsbesuch, sondern für eine Benefizveranstaltung, die Spannung, Literatur und Musik miteinander verbindet.
Mira Emke
Literatur

Eine Literatur, die genau hinschaut

Am 14. September war die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse im ausgebuchten Augustanasaal des Annahofs zu Gast, mit im Gepäck: ihr neuer Roman »Alleinruhelage«.