Ausgezeichneter »Augsburger Geschmack«!
Im Schaezlerpalais und im Höhmannhaus ist eine üppige Schau mit Zeichnungen des Barock und Rokoko aus den Beständen der Grafischen Sammlung zu sehen.
Ungewohnt dämmrig ist es im zweiten Stock des Schaezlerpalais – die hoch lichtempfindlichen Zeichnungen, die bis Ende September dort gezeigt werden, vertragen nur eine Helligkeit von 50 Lux, sodass es eine Weile dauert, bis das Auge die Fülle erfasst. 120 Blätter von Künstlern aus dem deutschsprachigen Raum (und einem Franzosen, aber keiner Künstlerin) füllen die Räume. Immer im Blickfeld: eine jüngst erworbene fabelhafte Rötelzeichnung des Bildhauers Georg Petel, Highlight ganz am Ende der Enfilade. Auf dem Weg dorthin offerieren sich den Besucher*innen Raum für Raum die vielen Formen, Möglichkeiten und Techniken der Zeichnung in Barock und Rokoko – einer Zeit, in der die Augsburger Kunstszene eine neue Blüte erlebte. Eine wichtige Rolle spielte hier die 1674 von Joachim Sandrart auf den Weg gebrachte Augsburger Kunstakademie – seit 1710 Reichsstädtische Akademie – die sich als Anziehungspunkt für auswärtige Künstler erwies.
Zeichnungen dienten vor allem der Vorbereitung eines Kunstwerkes. Ob Gemälde, Fresken, Objekte, Skulpturen, Graphik oder Raumgestaltung – der künstlerische Prozess äußerte sich in verschiedenen Formen der Zeichnung, sei es in einer flüchtigen Skizze, in Detailstudien oder in Visierungen für den Auftraggeber. Ob mit Stift, Feder oder Pinsel, auf Papier oder Pergament: Die Zeichnung ist der Ausgangspunkt.
Die – nach einem Auftakt zur Augsburger Topographie – chronologisch geordnete Ausstellung punktet mit Vielfalt: Wir sehen eine penibel bis ins letzte Detail ausgeführte farbige Entwurfszeichnung für eine Monstranz ebenso wie Entwürfe für Deckenfresken oder Altarbilder, wir erleben aber auch eine bemerkenswert kühne, schnell hingeworfene Skizze von Alexander dem Großen. Die Blätter stammen aus der Zeit vom Beginn des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, sodass wir zudem die stilistischen und thematischen Veränderungen dieses Zeitraums erkennen.
Ja, die umfangreiche Ausstellung mit ihren detailreichen, oft kleinformatigen Blättern erfordert etwas mehr als ein Vorbeischlendern – doch es lohnt sich, gerne auch mehrmals. Wer mehr Hintergrundwissen möchte, dem sei der gewichtige, exzellent bebilderte Katalog ans Herz gelegt. Er liefert nicht nur zu jeder gezeigten Zeichnung einen profunden Text, sondern untersucht auch umfassend die Geschichte und Entstehung der heutigen Grafischen Sammlung.
Unbedingt sollte man auch den kleineren Teil der Ausstellung in der Dependance im Grafischen Kabinett besuchen. Neben bunten Stammbuch-Miniaturen und eindrucksvollen Landschaftsdarstellungen (Jonas Umbach, Georg Philipp Rugendas und Philipp Hackert) findet sich dort ein wahrlich zauberhaftes pastelliges Mädchenporträt von Johann Ulrich Mayr. Die um 1670 entstandene Zeichnung weist in allem schon ins Rokoko des
18. Jahrhunderts.
Ach ja: »Augsburger Geschmack« – so der Titel der Ausstellung – da könnte man ins Grübeln kommen … Doch die Kuratoren Gode Krämer und Peter Prange haben sich bewusst und mit ironischem Unterton für diesen Ende des 18. Jahrhunderts als Schmähung verwendeten Begriff entschieden. Als »Augsburger Geschmack« wurde seinerzeit, als der eher strenge Stil des Klassizismus auf dem Vormarsch war, der überbordende, mit Rocaillen prunkende Rokokostil gebrandmarkt. Dieser war in Augsburg nicht nur bei Dekorationen jeder Art beliebt, international agierende Augsburger Verleger sorgten mit ihren Vorlagenwerken auch für eine flächendeckende Verbreitung des Rokoko-Stils.
»Augsburger Geschmack. Barocke Meisterzeichnungen aus der Grafischen Sammlung« ist bis zum 28. September im Schaezlerpalais und im Grafischen Kabinett zu sehen.
Weitere Informationen hier.
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