Ausstellungen & Kunstprojekte

Die Kunst des Mash-up

Gülbin Ünlü Underground © Jahn und Jahn München

Die Münchner Künstlerin Gülbin Ünlü, ausgezeichnet mit dem Zeitsicht Art Award 2024, zeigt in der großen Einzelausstellung »really?« im Zentrum für Gegenwartskunst neuere Werke.
 

Der Blick fällt sofort auf eine große Leinwand im Querformat, auf der einige Figuren in verschiedenen Haltungen zu sehen sind. Nahezu filmisch scheint das Geschehen, das an Matisse erinnert. Diesen Bezug stellt Gülbin Ünlü, die in München bei Markus Oehlen studiert hat und mit dem Zeitsicht Art Award 2024 ausgezeichnet wurde, bewusst her. Einerseits stellt sie sich in die Geschichte der Kunst (nichts entsteht aus dem Nichts …), andererseits vollzieht sie, die Künstlerin mit türkischen Wurzeln, eine Rückaneignung des westlichen Blicks von Künstlern wie Matisse auf die Welt. Der Titel der Arbeit »Anwendungen« hingegen hat mit ihrem persönlichen Erleben zu tun: Ünlü hat nach schwerer Krankheit viel Zeit in einer Reha-Klinik verbracht. Doch geht es hier nicht vorrangig um das Verarbeiten einer schweren Lebensphase – Ünlü nutzt ihre Erfahrungen als Archiv, aus dem sie in der Konzeption ihrer Kunst schöpft.

Die Malerei, Installationen und Videos von Gülbin Ünlü beruhen auf einem komplexen Zusammenspiel von Ideen und Wegmarken, für die sie nicht nur ihr persönliches Archiv aus Objekten, Erfahrungen und Erinnerungen heranzieht, sondern ebenso öffentliche Archive wie Internet, Filme, Musik und Texte. Auch KI, die ja auf Vorhandenes zurückgreift, setzt sie dialogisch ein. Ünlü verarbeitet ihre Ideen als Mash-up – einem Verfahren aus der Musik. Im Gegensatz zu einer Collage, bei der Einzelelemente erkennbar bleiben, verbinden sich hier die Komponenten nahtlos. Dieser künstlerische Ansatz ist ohne Frage theoriebehaftet und spröde, doch Ünlüs Arbeiten erweisen sich als ausgesprochen vielgestaltig, poetisch und hintergründig. Ihnen wohnt eine schwebende Leichtigkeit inne, deutlich wahrnehmbar in den großräumigen Installationen (»dÜstopia«, »alle Wege führen nach Home«), die einerseits ihre Umgebung definieren, sie jedoch nicht dominieren. Textile Fragilität spielt eine große Rolle im Werk der Malerin, deren Großmutter Schneiderin war. Sie bringt Leinwand, Jute, Spitze, Glitzer und Plüsch furchtlos zusammen, zeichnet mit großer Leichtigkeit in Öl und malt mit Tinte. Immer ist etwas anders als erwartet.

Zugegeben, es hilft, Gülbin Ünlüs künstlerische Praxis einzubeziehen – doch ihre Kunst öffnet sich auch auf einer sinnlichen Ebene. Überall finden sich Ansatzpunkte, die es Betrachter*innen ermöglichen, eigene Erfahrung und eigenes Erleben mit Ünlüs Kunst zusammenzubringen, sodass sich – auch ohne Kenntnis des theoretischen Ansatzes – tiefes Verstehen entwickelt.

Gülbin Ünlü wurde mit dem Zeitsicht Art Award 2024 ausgezeichnet. Die Ausstellung »Gülbin Ünlü – really?« ist bis zum 2. November im Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast zu sehen.

Weitere Informationen hier.
 

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