Film

Einmal frei sein

Studierende protestieren in Teheran gegen die zunehmenden Repressionen © Marie Gioanni

Nicht erst seit heute sind im Nahen Osten Familien und Individuen zweifelhaften Regierungen, Repression, Krieg und Vertreibung ausgesetzt. Im November zeigen uns zwei Filme, wie Literatur oder familiäre Bande in Momenten des größten historischen Bruchs zu unerlässlichen Ankern des Widerstands werden.
 

Westjordanland, 1988: Als der junge Noor (Muhammad Abed Elrahman) bei einer Demonstration schwer verletzt wird, beginnt seine Mutter Hanan (Cherien Dabis) die bewegende Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Die Erzählung führt zurück ins Jahr 1948, als Noors Großvater Sharif (Adam Bakri) sich weigert, Jaffa zu verlassen, um sein Haus und den Orangenhain zu schützen. Doch Krieg, Vertreibung und Gefangenschaft reißen die Familie auseinander. Sharifs Sohn Salim (Saleh Bakri) wächst im Schatten seines Heimatlandes auf, das er nie wirklich kennen gelernt hat. Als Noor Jahrzehnte später gegen israelische Soldaten protestiert, scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Doch im Moment ihres größten Schmerzes treffen Hanan und Salim eine Entscheidung für die Menschlichkeit und geben damit Hoffnung auf Versöhnung. Die epische Erzählstruktur von »Im Schatten des Orangenbaums« (20. November, Kinodreieck), die sich über drei Generatio­nen und fast 145 Minuten erstreckt, mag anspruchsvoll sein, belohnt Sie jedoch mit emotionaler Wucht und tiefgründigen Charakterstudien. Regisseurin Cherien Dabis konzentriert sich dabei nicht auf einfache Schuldzuweisungen, sondern auf die zutiefst menschliche Stärke, die angesichts von Demütigung und Vertreibung aufrechterhalten wird.

Im postrevolutionären Teheran der 1990er-Jahre wagt die Literaturprofessorin Azar Nafisi (Golshifteh Farahani) einen stillen Akt des Widerstands: In ihrer Wohnung versammelt sie heimlich sechs ihrer Studentinnen zu einem privaten Lesekreis. Gemeinsam tauchen sie in die verbotenen Werke der westlichen Literatur ein – von Vladimir Nabokov über F. Scott Fitzgerald und Henry James bis hin zu Jane Austen. Inmitten politischer Repression und religiöser Kontrolle wird das Lesen zu einem Akt  der Selbstermächtigung, der die Frauen zum Reflektieren über Freiheit, Liebe und Identität inspiriert.

Regisseur Eran Riklis erzählt in »Lolita lesen in Teheran« (20. November, Liliom) die wahre Geschichte von Azar Nafisi – basierend auf ihrem gleichnamigen internationalen Bestseller (2003). Stellenweise überhebt sich der Film leider an der Komplexität dieser literarischen Vorlage und lässt manche Nebenstränge nahezu unbeleuchtet. Seine Stärke liegt jedoch eindeutig in seinem eindringlichen Ensemble. Jede Studentin repräsentiert eine Facette der iranischen Gesellschaft, und ihre Diskussionen über Liebe, Freiheit und Identität sind der emotio­nale Anker des Films. Riklis gelingt es, die weibliche Resilienz und den Mut dieser Frauen als stillen, aber wuchtigen Akt des Widerstands darzustellen. Eine Hommage an die befreiende Vorstellungskraft und kritisches Denken.
 

Cherien Dabis © X Verleih AG

Filmfigur des Monats: 
Cherien Dabis 

  • Geboren: 1976 in Omaha, Nebraska
  • Berufe: Regisseurin, Drehbuchautorin, Schauspielerin, Produzentin
  • Ausbildung: B.A. mit Auszeichnung in Kreativem Schreiben und Kommunikationswissenschaften von der University of Cincinnati und M.F.A. in Film von der Columbia University School of the Arts
  • 2009: Durchbruch mit »Amreeka«
  • 2013: Eröffnung des Sundance-Festivals mit »May in the Summer«
  • 2022: Emmy-Nominierung »Herausragende Regie für eine Comedy-Serie« für »Only Murders in the Building« | Auszeichnung der Takreem-Stiftung für ihre Arbeit zur authentischen Darstellung der arabischen Kultur in Hollywood
  • Dabis bezeichnet sich als Muslima und identifiziert sich als bisexuell 

Kinoevents im November:

DI 04.11. Alle Kinos – Best of Cinema: »Das Schweigen der Lämmer«
MI 05.11. CINEMAXX – 40 Jahre »Zurück in die Zukunft«
MI 05.11. CINEMAXX, CINEPLEX – Hérolds »La fille mal gardée« live vom Royal Ballet London  
SA 08.11. CINEMAXX – »Der Herr der Ringe«-Trilogie 
SA 08.11. CINEMAXX, CINEPLEX – Puccinis »La Bohème« live aus der Metropolitan Opera New York 
MI 12.11. CINEPLEX Königsbrunn – Kulturkino: »Die Gesandte des Papstes«
SA 15.11. CINEPLEX – »Harry Potter« Teil 1–4
SO 16.11. CINEPLEX – »Harry Potter« Teil 5–7.2 
SA 22.11. CINEMAXX, CINEPLEX – Strauss’ »Arabella« live aus der Metropolitan Opera New York
DI 25.11. CINEMAXX, CINEPLEX – Prokofjews »Cinderella« live vom Royal Ballet London  
SO 30.11. KINODREIECK – Hérolds »La fille mal gardée« vom Royal Ballet London

Kinostarts im November: 

DO 06.11. CINEMAXX, CINESTAR – Predators: Badlands // Mission Santa – Ein Elf rettet Weihnachten // Mission: Mäusejagd – Chaos unterm Weihnachtsbaum | CINEMAXX – Twice: One in a Million | CINESTAR – Bone Lake | LILIOM – Dann passiert das Leben // How to Make a Killing 
DO 13.11. CINEMAXX, CINESTAR – The Running Man // Das Leben der Wünsche | CINEMAXX – Him – Der Größte aller Zeiten | LILIOM – Das perfekte Geschenk 
MI 19.11. CINEMAXX, CINESTAR – Wicked: Teil 2
DO 20.11. KINODREIECK, LILIOM – Eddington // Das Geheimnis von Velázquez
MI 26.11. CINEMAXX, CINESTAR – Zoomania 2 
DO 27.11. KINODREIECK, LILIOM – Mit Liebe und Chansons | CINE­MAXX – Der Hochstapler – Roofman // Zone 3 | KINODREIECK – Welcome Home Baby 
 

 

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