Ausstellungen & Kunstprojekte

Substanzielle Größen

tim Margarethe Heinrich und Karl B. Murr
a3kultur-Redaktion

15 Jahre tim, 30 Jahre Förder- und Freundeskreis tim e.V.: Ein guter Grund sich mit der Vereinsvorsitzenden und dem Museumschef zum gemeinsamen Gespräch zu treffen. Ein Interview

a3kultur: 15 Jahre tim, 30 Jahre tim-Förderverein. Wie hat sich denn in diesen 30 Jahren die Zusammensetzung des Vereins verändert. Frau Heinrich, Sie sind die Vorsitzende des Vereins. Wer sind Ihre Mitglieder?

Mäggi Heinrich: Die Gründer*­innen kamen aus der Textilindustrie, aus der Gewerkschaftsbewegung und aus der Politik. Auch heute gibt es noch einige ehemalige Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich damals engagiert haben, aber es sind auch viele weitere Kunst- oder Kulturinteressierte dazugekommen. Menschen, die vom tim begeistert sind, von unserer Arbeit erfahren haben und mitmachen wollen. Auch um das Textilmuseum mit dieser Mitgliedschaft zu unterstützen.

Wie viele Mitglieder hat Ihr Verein heute?

Heinrich: Wir haben derzeit 558 Mitglieder.

Das ist eine wirklich beeindruckende Zahl. Es gibt nicht viele Fördervereine in unserer Region, die so stark sind. 

Heinrich: Ja, und wir bemühen uns immer noch, etwas größer zu werden. Aus diesem Grund haben wir zum Beispiel auch einen Stand zur Werbung neuer Mitglieder beim Textilmarkt im tim am 22. und 23. November.  

Herr Murr, welche Bedeutung hat denn so ein Verein für ein Museum wie das tim, gerade wenn er so personalmächtig daherkommt?

Karl B. Murr: Für uns ist er eine substanzielle Größe im täglichen Arbeiten. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Zum einen natürlich – etwas flapsig formuliert – weil der Verein unsere Antenne in die Welt hinaus und in sie hinein ist. Die Mitglieder des Fördervereins transportieren die Botschaften des tim nach draußen und sie sind zugleich Rezeptoren von neuen Bewegungen, von Entwicklungen, die sie dann wieder ins Haus hineintragen. Und letzten Endes, das sei nicht unerwähnt, freuen wir uns natürlich über finanzielle Zuwendungen des Fördervereins, die der Verein durch verschiedene Veranstaltungen und Handlungsfelder gewinnt.

 

 »Es gibt ein ›Wir‹. Das klingt vielleicht kitschig, ist aber in diesem Fall lebendig und vital.« 

Von welcher Summe sprechen wir denn da, nach all den Jahren? 

Heinrich: Der Förderverein unterstützt eine Vielzahl unterschiedlicher Projekte des tim. Das können mal kleinere, mal größere sein.

Es gab im Laufe der eineinhalb Jahrzehnte auch sehr viel Unterstützung in Form von Expertise und Arbeitskraft der Mitglieder, von der das Museum profitiert hat. Ist es aber manchmal nicht auch schwierig seinen eigenen Weg zu gehen, mit einem so starken Partner an seiner Seite?

Murr: Zunächst einmal ist ein starker Partner immer besser als ein schwacher Partner. Wir kommunizieren miteinander und treffen uns regelmäßig, tauschen uns aus. Mir ist dieser Austausch auch persönlich sehr wichtig, weil er immer auch ein Gradmesser für mich ist. Unser Museum ist auch ein Experimentierfeld. Durch den Verein erfahre ich: Wie kommt eine Idee an? Ist das eine Strategie, die verfängt oder eine Idee, die zünden könnte. Dieser Austausch ist so etwas wie eine erste Legitimationsbasis unserer täglichen kulturellen Arbeit.

Was erwarten eigentlich die Mitglieder von ihrem Museum?

Heinrich: Auf alle Fälle, dass sie mitgenommen und eingebunden werden in den Aktivitäten des Hauses.  Sei es bei den Sonderausstellungen, samt Rahmenprogramm, aber auch beim Thema Dauerausstellung, die immer wieder aktualisiert und angepasst wird. 
Dieses Miteinander ist wichtig, und die Information darüber, was mit dem Mitgliedsbeitrag geleistet wird. Und wie Karl Murr schon gesagt hat, es sind viele Textilinteressierte, die selber in der Branche beruflich tätig waren oder es noch sind, die dadurch einen sehr speziellen Bezug zu den Themen des tim haben. Außerdem zahlen Mitglieder keinen Eintritt und werden oft zu besonderen Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellungen geladen. Das ist schon ein gutes Paket für 15 Euro Jahresbeitrag.

 

 »Augsburg hat neben einer His­torie als Fuggerstadt eben auch eine als Textilstadt.«

Ich schätze, dass diese gesellschaftlichen Aspekte, mit all den Eröffnungen, den Festen, aber auch mit den inhaltlichen Rahmenprogrammen auch eine Verwebung zwischen Haus und Mitgliedern darstellen. 

Murr: Absolut. Es gibt ein »Wir«. Das klingt vielleicht kitschig, ist aber in diesem Fall lebendig und vital. Und ich selber freue mich immer, wenn ich die Menschen wiedertreffe und manche schon seit 15 Jahren im Haus begrüßen darf. Man erlebt ja dann auch gemeinsam Geschichten. Durch das Wiederkehren schafft man Kontinuität. Es gibt so etwas wie eine tim-Gemeinschaft. Manchmal nenne ich es auch die tim-Familie. Menschen, die durchaus wissen, dass es von hoher Qualität ist, was sie geboten kriegen und was sie eben auch mit ihrer Mitgliedschaft fördern. Und so gibt es auch sehr viel positives Feedback und viel Dankbarkeit.

Heinrich: Ich glaube, dass wir hier etwas für die Zukunft durch einen Blick in die Vergangenheit mitgegeben. Augsburg hat neben einer Historie als Fuggerstadt eben auch eine als Textilstadt. Das sollen die nächsten Generationen auch miterleben.

Das tim zeigt auf, was die Industriestadt einmal geprägt und zu Weltgeltung gebracht hat. Aber eben nicht nur. Dieses Haus bezieht zu gesellschaftlichen Fragen Positionen, und ist ein wichtiger Ort für Gegenwartskunst in unserer Region geworden. Welche Bewegungen im Konzept stehen denn nach 15 Jahren für sie Herr Murr und für ihr Team an?

Murr: Es geht um Demokratisierung, ganz grundlegend. Das war für uns immer schon ein wichtiges Thema. Das ist ein oft implizites Motiv, das wir in Zukunft, glaube ich, expliziter spielen müssen. Und das über alle Generationen hinweg. 
Das tim ist Botschafter für eine weltoffene Gesellschaft, in der auch das Thema der sozialen Gerechtigkeit von Belang ist. Das zeigt uns gerade auch die Geschichte der Textilindustrie. Das ist immer eine Geschichte der Arbeiter*innen-Emanzipation. Und dieses Erbe sollte uns wirklich Verpflichtung sein. Ebenso die Entwicklungslinie der Globalisierung.
Das ist eine soziale Verantwortung, die ein heutiges, modernes Museum wahrnehmen muss.

In Augsburg finden sich zahlreiche Perlen der Industriekultur. Selten werden diese so präsentiert und wahrgenommen wie hier beim tim. Ich sehe da noch einiges an Handlungsspielraum. Versäumt die Stadt das Thema ordentlich zu bespielen?

Murr: Ja, da ist noch Spielraum. Es hängt eben immer davon ab, wie das Spektrum der Selbstvermarktung oder Selbstverständnis einer Stadt gestrickt ist. Augsburg ist eine Stadt, die so viele Möglichkeiten hat. Wir kennen ja die Klassiker der Römerstadt, der Brechtstadt, der Mozartstadt, und erst seit Bestehen des tim kommt das Thema Industriekultur so richtig zur Geltung.

Dabei steckt darin so viel Potential. Nicht zuletzt auch als Stadt mit dem UNESCO-Weltkultur-Erbe Wasser. Da könnten wir noch einiges weiterentwickeln. Wir haben auch heute textile Entwicklungen in der Stadt, die international wegweisend sind. Ich erinnere da bspw. an das Institut für Textiltechnik Augsburg (ITA) und dessen spannende Arbeit im Bereich Textilrecycling und Nachhaltigkeit. Das heißt, es gibt auch wirtschaftlich einen interessanten Resonanzboden.

Industriekultur stellt in Bayern  immer eine Herausforderung dar, weil dieses Land natürlich von ganz anderen kulturellen Bildern geprägt ist, das sich dann sehr stark am Bild Oberbayerns von Schlössern, Seen und verrückten Königen orientiert.

Heinrich: Augsburg hat beim Thema allerdings auch Potentiale, die die Stadt nutzt. Wir sind ja als Ankerpunkt seit vielen Jahren Mitglied im ERIH-Netzwerk, also im Grunde der europäischen Route der Industriekultur. Zudem hat sich eben der Bundesverband Industriekultur gegründet. Da ist die Stadt Augsburg, vertreten durch den Kulturreferenten, mit dabei. Das haben wir im Stadtrat beschlossen.

Murr: Und es hat sich vor kurzem ein Arbeitskreis gebildet, in dem die Protagonist*innen von Industriekulturstandorten innerhalb Augsburgs sich getroffen haben. Das sind wirklich alle dabei, die einem beim Thema einfallen. Zum Beispiel Bahnpark, Gaswerk, Lech-Museum bis zum Wasserwerk sind alle beteiligt. Und gerade auch das UNESCO-Welterbebüro mit dem Thema Wasser.

Heinrich: Ich finde es großartig, dass es das jetzt gibt.
 

 »Die Geschichte der Textil­industrie ist immer eine Geschichte der Arbeiter*innen-Emanzipation.« 

Im Kontext Industriekultur hat das tim wichtige Arbeit geleistet, und wenn man so will den roten Teppich für alle anderen ausgerollt.

Murr: Hoffentlich mit einem zukunftsgewandten Blick. Industriekultur nur nostalgisch aufzubereiten anstatt  moderner zu interpretieren verbaut viele Anschlussmöglichkeiten für die Gegenwart und die Zukunft. Für uns ist wichtig, dass wir immer gegenwärtige und zukunftsrelevante Themen damit verbinden, um dieses Erbe auch jenseits von Nostalgie immer wieder fruchtbar und wirksam zu machen. Und das ist, glaube ich, unsere tägliche Herausforderung, um relevant zu bleiben.

Heinrich: Und das ist auch den Gründungsvätern und -müttern des Vereins eben auch zugute zu schreiben. Sie haben einiges dafür getan haben, damit dieser rote Teppich überhaupt ausgerollt werden kann.
 

Geburtstagsparty
Fashion-Night im tim

Das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg feiert sein 15-jähriges Jubiläum mit einer Fashion-Night am Freitag, 14. November. Ab 20:15 Uhr (Einlass 19 Uhr) präsentieren Models Kollektionen der Deutschen Meisterschule für Mode München. Erleben Sie junge Designer*innen auf dem Catwalk, erkunden Sie die Dauerausstellung bei Nacht und feiern Sie anschließend im Museumsrestaurant nunó.

Eintritt: 16 Euro (zzgl. VVK-Gebühr), Tickets online auf www.timbayern.de

 

Mitglied werden
beim Förder- und Freundeskreis tim e.V.

1996 begannen engagierte Bürger*innen, Textilmaschinen aus schließenden Augsburger Textilfabriken zu retten – das »Startkapital« für das spätere Museum. Die Vereinsmitglieder setzten die Maschinen instand und brachten sie zum Laufen. Ohne ihr Know-how wäre die Gründung des tim 2010 nicht möglich gewesen. Heute betreibt der Förderverein den Museumsshop und bietet Führungen an.

Mitglieder profitieren durch: freien Museumseintritt, Einladungen zu Sonderausstellungen, kostenfreie Führungen, Ermäßigungen
Mitglied werden: www.tim-foerderverein.de

Das könnte Sie auch interessieren

Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte

Malerische Landschaften

Im Grafischen Kabinett des Höhmannhauses sind seit dem 25. September Philipp Röths malerische Landschaften zwischen Spätromantik und Impressionismus ausgestellt.
Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte

Formen die Leuchten

Michael Kiessling, Galerist des Kunstraums am Pfarrhof Leitershofen, erzählt gerne, wie er Sandra Tröger im Münchner Ausstellungsraum »Sandkasten« kennengelernt hat – und wie schnell aus diesem ersten Kontakt die Idee für eine gemeinsame Ausstellung entstand. Noch im selben Jahr wurde daraus Wirklichkeit: »Form Farbe Raum« zeigt eine äußerst sehenswerte Auswahl von Trögers Werk in den Räumen von Leitershofen.

Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte

Wegrennen ist einfach!

Der Kunstverein Augsburg startet am 19. September mit der Videoarbeit »Running away is easy, it's the leaving that's hard« (2025) in den Herbst.