Ein echtes Statement für Kunst und Kultur
Vor den Feiertagen traf a3kultur den Politiker Martin Sailer in seiner Eigenschaft als schwäbischer Bezirkstagspräsident, um über den Stellenwert von Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft zu sprechen.
a3kultur: Herr Sailer, wie wird sich die Kulturarbeit des Bezirks in den kommenden Jahren entwickeln?
Martin Sailer: Aktuell beschäftigen uns unsere Depotaktivitäten für unser Museum Kulturland Ries. Dort bereinigen wir auf der einen Seite unsere Sammlung, auf der anderen Seite lagern wir unsere Objekte professionell ein. Auf Zeit eingestelltes Personal hilft, die entsprechenden Bewertungen zu erstellen. Gleiches gilt für unser Museum Oberschönenfeld. Dort werden wir im Frühjahr das neue Depot eröffnen, das gerade errichtet wird.
Das sind die beiden größten laufenden Maßnahmen. In zwei Jahren starten wir mit dem Kunst_Raum Weiherhof ein Artist-in-Residence-Modell auf Stipendienbasis mit Ausstellungsfläche in unmittelbarer Nähe zu Oberschönenfeld. Das wird ein echtes Statement für Kunst und Kultur in Bayerisch-Schwaben.
Und was planen Sie abseits der Museumsarbeit?
Bei einem Projekt, das unser Popularmusikbeauftragter Max Schlichter betreut, geht es um Inklusion in der Popularmusik. Hier wollen wir mit einem Budget von 40.000 Euro Inklusionsmaßnahmen fördern. Inklusion in unserer Gesellschaft voranzubringen, ist nicht nur unser Auftrag als Bezirk, sondern auch ein echtes Anliegen.
Kultur für alle soll also verstärkt werden. Max Schlichter ist tatsächlich eine Person sowohl mit praktischer als auch theoretischer Expertise. Er wirkt wie das Gesicht des Verjüngungskonzepts für die Kulturarbeit im Bezirk Schwaben.
Ich will nicht explizit von einer Verjüngungskur sprechen, sondern eher vom Versuch, Schwerpunkte unserer Arbeit auch bei jungen Menschen zu setzen Wir haben eine tolle Kunst- und Kulturszene, die für alle sichtbarer gemacht werden muss. Das bedeutet, dass wir auch für junge Menschen Formate brauchen, die ihnen Schwaben als Heimat näherbringen – und sie auch mit dem Bezirk in Berührung bringen.
Und ein Schlüssel für Sie ist es, den Bezirk Schwaben als Marke sichtbarer zu machen?
Das auch. In der Kulturarbeit wollen wir bei Kindern und Jugendlichen früh ein Bewusstsein für die heimische Kunst- und Kulturszene wecken, um auch Talente zu halten. Das ist Teil unserer Strategie, die ich verfolge, seitdem ich als Bezirkstagspräsident im Amt bin.
»Ich persönlich sehe Kunst, Kultur und Heimatpflege als unsere Pflichtaufgaben.«
Wenn ich es richtig verstanden habe, dann fordern Sie eine identitätsstützende Kulturarbeit über alle Milieu- und Altersgrenzen sowie Generationen hinweg. Wo sehen Sie denn Förderbedarf, den Sie bis auf Weiteres noch nicht bedienen konnten, aber gerne bedienen würden?
Da gibt es einige Punkte. Nehmen wir zum Beispiel die Trachtenkultur, die eine echte Renaissance erlebt. Ich freue mich, dass zum Beispiel viele Jugendliche auf Volksfesten Tracht tragen. Wir als Bezirk wollen historische Trachten mit Bezug zu Schwaben fördern. Dass das Interesse an dem Thema da ist, merken wir daran, dass auch die Anfragen von Vereinen deutlich steigen. Doch unser dafür vorgesehener Etat, den wir in der Bezirk-Schwaben-Stiftung zur Verfügung haben, reicht eigentlich nicht mehr aus.
Lassen Sie uns noch einmal zurück zum Weiherhof kommen. Dessen Konzeptionierung hat sich von der ersten Pressebegehung vor etwa sechs Jahren bis zum Richtfest vor einigen Wochen deutlich geändert. Warum?
Die erste Idee war in der Tat, im Weiherhof ein Nachlassarchiv zu integrieren. Sei es zu Forschungszwecken oder auch als Vorbild oder Inspiration für das Schaffen gegenwärtiger Künstlerinnen und Künstler. Auf die Frage, ob das gegenwärtig tatsächlich umsetzbar ist, konnten wir jedoch keine befriedigende Antwort finden. Es hätte einen Kraftakt bedeutet, den wir so wahrscheinlich nicht hätten stemmen können. So kam es beim Weiherhof in Teilen zu einer Neukonzeptionierung.
Das Thema Nachlassarchiv ist jedoch nicht völlig vom Tisch. Meine Vorstellung ist, dass wir uns tatsächlich wieder mit dem Thema auseinandersetzen, sobald der Kunst_Raum Weiherhof in Betrieb geht. Wir müssen aus meiner Sicht einen Ort finden, an dem Nachlässe renommierter schwäbischer Künstlerinnen und Künstler für die Forschung zugänglich sind.
»Vieles steht und fällt mit der Frage, welchen Stellenwert die Menschen – auch in der Politik – Kunst und Kultur persönlich einräumen.«
Sie verbinden die Idee des Nachlassdepots nicht mehr unbedingt mit dem Standort Weiherhof?
Nicht zwingend.
Der Weiherhof gehört zu den Projekten kultureller Infrastruktur in unserer Region, die terminlich und budgettechnisch gesehen zu einem guten Ende kommen. Das können ja nicht alle Kulturbauprojekte in Bayern von sich behaupten. Was tut denn der Bezirk dafür, dass seine Bauprojekte in akzeptablen Zeit- und Etatfenstern umgesetzt werden?
Das alles steht und fällt mit den Mitarbeitenden, die nah an den Themen dran sind. Es findet immer wieder eine Rückkopplung mit mir statt, ohne dass ich da groß eingreifen muss. Ich glaube auch, dass wir uns nie zu viel vornehmen.
Bei der Vielfalt an Themen ist es wichtig, Schwerpunkte zu setzen. Etwa 95 Prozent unseres Haushalts fließen in soziale Leistungen: Das sind rund 25.000 Menschen in Schwaben, die von uns finanzielle Unterstützung bekommen, die ihnen rechtlich zusteht und ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Das ist unsere gesetzliche Pflichtaufgabe, die wir gerne erfüllen. Denn damit tragen wir zu einem lebenswerten Schwaben bei. Die restlichen fünf Prozent in unserem Haushalt wenden wir für die Kultur, aber auch Bereiche wie Umwelt, Bildung oder europäische Partnerschaftsarbeit auf. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns im Kulturbereich lieber auf weniger Projekte, die dafür umso nachhaltiger sind und eine gewisse Strahlkraft entwickeln. Ich persönlich sehe auch Kunst, Kultur und Heimatpflege als unsere Pflichtaufgaben. Diese Aspekte wollen wir noch sichtbarer machen.
Kultur ist in zahlreichen Regionen ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Schwaben hat Potenzial, auch wirtschaftlich stärker von seinen kulturellen Terminen und Einrichtungen zu profitieren, als es jetzt schon der Fall ist. Allerdings ist dieses Bewusstsein in der öffentlichen Diskussion nicht stark genug verankert, wie ich finde. Auch die Politik hat da Nachholbedarf. Warum fällt es der Kultur und der Kulturpolitik so schwer, dieses Kapital zu betonen?
Ich teile die Einschätzung und versuche, aktiv gegenzusteuern. In der Pandemie habe ich gesagt, dass Kunst und Kultur systemrelevant sind. Dazu stehe ich auch heute noch. Kunst kann einem gefallen, Kunst kann einem nicht gefallen. Sie lädt aber immer zur Auseinandersetzung ein.
Deswegen bin ich dankbar, dass wir auch in Zeiten schwieriger Haushalte unseren Kulturetat nicht reduziert haben. Es gibt viele Kommunen, die aus verschiedenen Gründen sehr schnell beim Bereich Kunst und Kultur streichen und reduzieren. Das halte ich für zu kurz gegriffen. Wir brauchen die Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven und identitätsstiftende Themen, die die Menschen verbinden und ihnen ein Heimatgefühl geben. Beides kann Kultur bedienen.
Sie haben das Thema Wirtschaft angesprochen. Nehmen wir als Beispiel das Festival der Nationen in Bad Wörishofen. Das ist ein echtes Erfolgsprojekt. Was dieser Event an Umwegrentabilität auslöst, ist enorm: der Eintritt, die Gastronomie, die Hotellerie … Da bleibt etwas hängen.
Man spricht bei einem eingesetzten Euro in der Kultur von bis zu zwei bis drei Euro Rendite.
Es können hohe Summen sein, die bei guten Investitionen in die Kultur zurück in die Region kommen. Summen, die dort ausgegeben werden, dort bleiben und direkt in den Wirtschaftskreislauf gehen.
Warum tun sich Ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Politik oft so schwer damit, nachhaltig in die Kultur zu investieren und damit zu arbeiten?
Ich kann mich in die Gedanken anderer nicht immer hineinversetzen.
Aber Sie sitzen in hochkarätigen Gremien. Sie können Einfluss nehmen.
Ich mache gern und viel Werbung für unsere nachhaltige Kulturarbeit. Ich versuche mit den Projekten, die wir machen, eine gewisse Vorbildfunktion zu übernehmen, und berichte viel über unsere Aktivitäten und Programme. Wenn die Themen dann nicht aufgegriffen werden, ist das schade. Vieles steht und fällt schon auch mit der Frage, welchen Stellenwert die Menschen – auch in der Politik – Kunst und Kultur persönlich einräumen.
Da gilt es tatsächlich auch von Politikerinnen und Politikern Ihres Schlags noch mehr Überzeugungsarbeit zu leisten. Zum Beispiel beim Thema Übernachtungsabgabe für Kunst, Kultur, Tourismus. In sehr vielen deutschen Regionen ist das seit Jahren ein Erfolgsmodell. In Bayern kommt man bei dem Thema nicht weiter. Die gegenwärtige Regierung sperrt sich dagegen, obwohl viele, wie Sie selbst ja auch vor einiger Zeit, für die Kommunen eintreten.
Das ist schade. Es gibt hier eine klare Haltung, auch schriftlich von der Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber, von Aichach-Friedbergs Landrat Klaus Metzger und mir fixiert. Wir brauchen diese Abgabe, um zum Beispiel gezielt in die touristische Förderung zu gehen.
»Kunst kann einem gefallen, Kunst kann einem nicht gefallen. Sie lädt aber immer zur Auseinandersetzung ein.«
Warum sollte die Abgabe nur in den Tourismus gehen und nicht auch als Projektförderung in die Kultur?
Man kann über alles diskutieren. Das Problem ist im Moment eher, dass sich der Freistaat der Idee verschließt, obwohl wir die Staatsregierung mehrfach aufgefordert haben, uns mit dieser Abgabe wettbewerbsfähiger im Vergleich zu anderen Regionen zu machen. Ob touristisch, ob kulturell, da hätten wir natürlich ganz andere Möglichkeiten.
Bezirk Schwaben – Kunst und Kultur in Zahlen
2026 sind in der Abteilung Kultur und Heimatpflege des Bezirks rund 80 Planstellen auf 140 Mitarbeitende verteilt. – auf den gesamten Bezirk sind das 884 Mitarbeitende auf 771,71 Vollzeitstellen.
Der größte Anteil der Mitarbeitenden im Bereich Kultur und Heimatpflege entfällt auf das Museum Oberschönenfeld. Auf Platz zwei liegt das Museum KulturLand Ries.
Kulturetat des Bezirks:
2024: Betriebskosten rund 16,6 Millionen Euro
2025: Betriebskosten rund 23,4 Millionen Euro
2026: Betriebskosten rund 23,1 Millionen Euro
Besuchszahlen der Einrichtungen für 2025:
sjso (2025: 2.368), Klassikkonzerte auf Schloss Höchstädt (2025: 519), Volksmusikkonzerte in Thierhaupten (2025: 272), Kulturschloss Höchstädt (2025: 5.405), Bezirksheimatpflege (2025: 733), Volksmusikberatung (2025: 6.756), Trachtenkultur-Beratung (2025: 1.445)
Besuchszahlen der Museen für 2024:
Museum Oberschönefeld 51.631, Museum KulturLand Ries: 21.975, Schwäbisches Freilichtmuseum Illerbeuren: 47.013
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