10 Jahre Theaterbaustelle
Vom Niedergang der Augsburger Innenstadt. Ein Rückblick
Es ist noch keine 30 Jahre her, da belebten allein die Maximilianstraße mehrere Kinos, diverse Diskotheken, Clubs und Bars, eine Musikhochschule, ein echter Jazzclub sowie die Kulturorte beim Schaezlerpalais und im Zeughaus. In den Sommerwochen wurde das legendäre Pop- und Jugendkulturfestival X Large gefeiert – umsonst und draußen. Diese Lebendigkeit in unserer Innenstadt ist Vergangenheit. Heute wächst die zweite Generation Augsburger*innen heran, die unter Staatstheater eine Straßenbahnhaltestelle an einer immerwährenden Baustelle versteht. Und mit der Augsburger Maximilianstraße verbinden die Menschen nah und fern am ehesten den Schenkelklopfer vom »Pollerschieben«.
Mit dem Wechsel von den 1990er- in die Nullerjahre bekam dieser Niedergang einen Namen. »Aphrodite« – eine Bronzeplastik von Markus Lüpertz – sollte als Schenkung der Verlegergattin Ellinor Holland einen neuen Brunnen vor der Basilika St. Afra und St. Ulrich krönen. Ein bürgerlicher Mob probte den Aufstand, vereitelte die Schenkung und zwang die Kulturpolitik der Stadt in die Knie. Die einzige regionale Tageszeitung, im Besitz der brüskierten Stifterin, war beleidigt und verhielt sich dementsprechend. Seither, so scheint es, ist die Augsburger Politik nie wieder richtig auf die Beine gekommen. Sie hat ihren Mut und Gestaltungswillen verloren, verschanzt sich hinter dem Narrativ der armen Stadt. Doch welche wirklich arme Stadt würde sich in solch ruinöse Bauabenteuer stürzen wie Augsburg? Derweil wächst die Liste der geschlossenen, unbrauchbaren oder verschleuderten Kulturorte in der Innenstadt. Es ist eine Liste der Schande für eine stolze Stadt.
Die Liste der Schande ist lang
Der Zustand der kulturellen Infrastruktur ist nicht nur in Augsburg bedenklich. Allerdings paart sich hier die Pflichtvergessenheit von Politik und Gesellschaft mehrerer Jahrzehnte mit grotesken Formen Augsburger Eitelkeit und Fehlplanung. Am deutlichsten wird dieses Versagen am Beispiel des Stadttheaters. In der Gründerzeit, als Theaterbau von der Stange eröffnet wurde, ist seine heutige Form und Fassade weitgehend dem Geschmack des Nazis-Günstlings Hermann Giesler zuzuschreiben.
Im Juni kommenden Jahres jährt sich die vom damaligen OB und heutigen Ehrenbürger der Stadt Kurt Gribl vollzogene Schließung des Stadttheaters (2016) zum zehnten Mal. Zwei Jahre später sollte es kein Stadttheater mehr in Augsburg geben. Im Handstreich übernahm es der Freistaat (2018). Die Baukosten werden heute bereits auf rund eine halbe Milliarde Euro geschätzt – damit hätten sie sich verfünffacht. Mit der Fertigstellung wird frühestens 2030 gerechnet.
Von den ursprünglich Verantwortlichen für die Chaosbaustelle ist kaum noch jemand zu greifen. Oberbürgermeister, Architektinnen, Bau- und Kulturreferentinnen haben sich im Laufe der Jahre verabschiedet. Lediglich der zum Staatstheaterintendanten gewachsene André Bücker ist übrig und zetert mit seiner Rolle.
Doch nicht nur die Theaterbaustelle ist skandalumwittert. Im Jahr 2018 wurde auch das ehemalige Stadtarchiv beim Stadtmarkt verschleudert. Schon 2010 wurde die Komödie im historischen Gignouxhaus geschlossen, und die Stadt versagte beim Ankauf des Objekts. Ein ähnliches Scheitern war beim Erwerb der ehemaligen Hauptpost Grottenau zu beobachten.
Die Stadt- und Staatsbibliothek wurde 2012 verstaatlicht. Im selben Jahr musste das Römische Museum aus baulichen Mängeln seine Arbeit einstellen. Mit derselben Begründung schloss zehn Jahre später auch die Staatsgemäldesammlung in der Katharinenkirche ihre Pforten (2022). Ihre Meisterwerke von Dürer, Holbein und Cranach bleiben seither weitgehend ungesehen.
Dafür werden nach zwei Jahren Renovierungspause die Machwerke von Adolf Hitlers Lieblingsmaler Oskar-Martin Amorbach bald wieder zu sehen sein. Im Frühjahr 2026 soll das Augsburger Rathaus für Besucher*innen wieder geöffnet werden. Die Attraktion des Renaissancebaus von Elias Holl ist der Goldene Saal – seit den 1960er-Jahren ausgestattet mit Malerarbeiten des Nazikünstlers. Ein gutes Jahr später wird wohl auch der historische Perlachturm, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rathaus, wieder begehbar sein.
Nach der Theatersaison 25/26 wird die seit Jahrzehnten bröckelnde Freilichtbühne renoviert. Bisher sind zwei Jahre Bauzeit veranschlagt. Wir wollen es hoffen – denn Glauben fällt uns schwer.
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