Die Augsburger Kegelbahnkonzerte gehen in die 12. Staffel. Mit dabei sind Lillian Hampson, Josy, Marcoca, Janikeliah und Picky Eater.
Werktreue trifft Rebellion
Stilistisch und geografisch liegen unsere beiden für Januar vorgestellten Filme recht weit auseinander. Jedoch verbindet sie ein tiefgreifendes philosophisches und existenzialistisches Kernthema: die willkürliche Natur von Schuld, die Absurdität der Justiz und die Frage nach der echten Motivation hinter extremen Taten. In beiden Filmen versuchen Menschen, in einer gleichgültigen oder feindseligen Welt einen Sinn oder Gerechtigkeit zu finden – und scheitern daran, dass die Realität komplexer, absurder und »zufälliger« ist, als es ein Gerichtsurteil oder ein Racheakt jemals abbilden könnte. Aber nun im Einzelnen:
Algier, 1938: Meursault (Benjamin Voisin), ein stiller, unauffälliger Angestellter Anfang dreißig, nimmt ohne sichtbare Gefühlsregung an der Beerdigung seiner Mutter teil. Am nächsten Tag beginnt er eine Affäre mit seiner früheren Kollegin Marie (Rebecca Marder) und kehrt in seinen gewohnten Alltag zurück. Dieser wird jedoch bald durch seinen Nachbarn Raymond (Pierre Lottin) gestört, der Meursault in seine zwielichtigen Machenschaften hineinzieht – bis es an einem glühend heißen Tag am Strand zu einem schicksalhaften Ereignis kommt.
Nach Luchino Visconti 1967 verfilmte nun auch François Ozon Albert Camus’ Literaturklassiker »Der Fremde« (1. Januar, Liliom). Während Marcello Mastroianni Meursault in Viscontis Farbverfilmung als einen passiven, fast gelangweilten Mann darstellte, lässt Ozon seinen Hauptdarsteller Voisin ihn als einen existenziell isolierten Jungen spielen. Er ist nicht nur gleichgültig, er ist schockierend naiv in seiner Gefühllosigkeit. In gleißendem Schwarz-Weiß macht er Meursaults Unfähigkeit, sich in die gesellschaftlich geforderten Rituale einzufügen, greifbar. Einen weiteren Unterschied schafft Ozon zu Visconti, indem er den Fokus auf den zweiten Teil des Romans – den Prozess gegen Meursault – legt. Inszeniert als Theaterszene des Absurden gelingt es ihm, die koloniale Realität Algeriens in den 1930er-Jahren subtil einzubetten, ohne dabei allzu sehr didaktisch zu werden. Der Mord an dem namenlosen »Araber« wird zwar nicht entschuldigt, aber der Film zeigt scharf auf, wie die französische Justiz in Algerien die sozialen Vergehen Meursaults höher gewichtet als den Mord an einem »Kolonisierten«. Werkgetreu und doch modern, wurde der Film bereits im letzten September bei seiner Weltpremiere im Wettbewerb der 82. Internationalen Filmfestspiele von Venedig von den Zuschauer*innen und Kritikerkolleg*innen zu Recht umjubelt.
Umjubelt wurde auch »Ein einfacher Unfall« (8. Januar, Liliom), Gewinner der Goldenen Palme von Cannes 2025. Automechaniker Vahid (Vahid Mobasseri) trifft im Iran der Gegenwart zufällig auf den Mann, der ihn mutmaßlich im Gefängnis gefoltert hat, und entführt ihn, um Vergeltung zu üben. Doch der einzige Hinweis auf Eghbals (Ebrahim Azizi) Identität ist das unverkennbare Quietschen seiner Beinprothese. Auf der Suche nach Gewissheit wendet sich Vahid an einen zerstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Doch je tiefer sie in ihre Vergangenheit eintauchen und je mehr ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen, desto größer werden die Zweifel: Ist er es wirklich? Und was hieße Vergeltung überhaupt?
Der iranische Autorenfilmer Jafar Panahi weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, ungerechtfertigt inhaftiert zu sein. So spiegeln sich in seinem Film eigene Erfahrungen wider und in den fiktiven Figuren die Erlebnisse von ehemaligen Mithäftlingen. Trotz des ernsten Themas gelingt es Panahi, eine mitreißende Mischung aus Drama und Thriller zu schaffen, die teilweise auch mit erfrischendem Galgenhumor gegen die Verzweiflung ankämpft. Berücksichtigt man zudem die Entstehungsgeschichte – der Film wurde heimlich irgendwo im Nirgendwo gedreht, mit Laiendarsteller*innen, die teils unverschleiert in der Öffentlichkeit zu sehen sind –, ist »Ein einfacher Unfall« eine trotzige und offene Anklage gegen das autoritäre Regime in seinem Entstehungsland.
Filmfigur des Monats: Jafar Panahi
- Geboren: 1960 in Mianeh, Provinz Ost-Aserbaidschan
- Beruf: Regisseur
- 1980er-Jahre/1982: Studium am College of Cinema and TV in Teheran, Kameramann der iranischen Armee im Iran-Irak-Krieg
- 1995: erster Spielfilm »Der weiße Ballon«
- 2000: Goldener Löwe in Venedig für »Der Kreis«
- 2010: wegen »Propaganda gegen das Regime« zu einer sechsjährigen Haftstrafe und einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt
- 2015: Goldener Bär der Berlinale für »Taxi Teheran«
- 2022–23: in Haft, nach sieben Monaten und Hungerstreik Freilassung auf Kaution
- 2025: erneute Verurteilung zu Haft wegen »wegen propagandistischer Aktivitäten«
Kinostarts im Januar:
DO 01.01. KINODREIECK – Bon Voyage – Bis hierher und noch weiter
DO 08.01. CINEMAXX, CINEPLEX, KINODREIECK, LILIOM – Checker Tobi 3: Die heimliche Herrscherin der Erde | CINEMAXX – Song Sung Blue | CINESTAR – Greenland 2: Migration | LILIOM – Rental Family
DO 15.01. CINESTAR, CINEPLEX – The Housemaid – Wenn sie wüsste | CINESTAR, KINODREIECK – Extrawurst | CINESTAR – 28 Years Later: The Bone Temple | LILIOM – Small Town Girl
DO 22.01. CINESTAR, CINEPLEX, KINODREIECK – Die drei ???: Toteninsel | LILIOM – Ella McCay // Hamnet // Die progressiven Nostalgiker
DO 29.01. CINESTAR – Primate
Kinoevents im Januar:
DI 06.01. ALLE KINOS – Best of Cinema: »John Wick«
SA 10.01. CINEMAXX, CINEPLEX – Bellinis »I Puritani« live aus der Metropolitan Opera New York
MO 12.01. CINEPLEX Königsbrunn – »Hurtigruten und Norwegen« | KINODREIECK – Queerfilmnacht: »Queerpanorama«
MI 14.01. CINEPLEX Aichach – »Hurtigruten und Norwegen« | CINEMAXX, CINEPLEX – Verdis »La Traviata« live aus dem Royal Opera House London
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