Das Spektakuläre ist oft total platt
Sahar Rahimi und Mark Schröppel starten Ende Februar ihr erstes Brechtfestival in Augsburg als Leitungsteam. Die gelernten Perfomer*innen versprechen in diesem Jahr ein Programm für »Alle«. Ein Interview
a3kultur: Julian Warner startete seine Festivals gerne mit einer Parade. Ihr bedient Euch des Formats der Prozession. Was ist eigentlich der Unterschied? Der sakrale Hintergrund?
Mark Schröppel: Für uns steht hier eine abgrenzende Ausdrucksweise nicht im Vordergrund. Wir sehen Julian ja als Bruder im Geiste. Und von daher ist es okay, dass man bestimmte Stilmittel fortführt. Eine Prozession ist einfach ein gutes Format, um möglichst vielen Menschen mit einer gewissen Dynamik eine Teilhabe zu eröffnen.
Sahar Rahimi: Wir haben ein neues Profil, und dieses Profil ist auch eine Erweiterung von dem, was vorher war. Auch mit dem Thema Inklusion. Es ist zum Beispiel auch ein anderes Tempo, das in so ein Festival hineinkommt.
Also ihr vermutet bei Brecht keinen religiösen Kontext, den man noch stärker untersuchen müsste?
SR: Der ist natürlich latent vorhanden. Theater arbeitet, wie der Katholizismus auch viel mit Zeichen. Brecht war sich seiner religiösen Sozialisation sehr bewusst.
Wurdet ihr vor eurer Arbeit für das Brechtfestival in Augsburg eigentlich jemals als Brecht-Expert*innen wahrgenommen?
SR: Wir nehmen uns nicht als dezidierte Brecht-Expert*innen wahr. Wir kommen von dem Institut für angewandte Theaterwissenschaften Gießen, welches sich sehr stark auf Brecht bezieht. Performance-Kunst ist ohne die Vorarbeit Brechts so ja nicht denkbar. Es wurde uns im Studium sozusagen in die Wiege gelegt. Wir lesen ihn immer wieder, entdecken immer wieder neue Sachen und versuchen, die auch in das Festival zu implementieren.
»Und ich glaube, was Sahar und ich gemeinsam haben, ist so eine gewisse Bodenständigkeit, was uns auch im Umgang mit Menschen zugutekommt.«
Ihr habt euch während der Ausbildung in Gießen kennengelernt. Wie war das?
MS: Ende der 80er hatte die Performance-Kunst keinen Ort in Deutschland. Dann ist ausgerechnet irgendwo in Nordhessen, in Gießen, dieser Studiengang gegründet worden. Und die ersten Generationen – She She Pop, Gob Squad, Rimini Protokoll, René Pollesch – haben diesen Studiengang berühmt gemacht, und die haben dem auch einen ganz schönen Marker aufgesetzt.
SR: Als wir studiert haben, war das alles noch ein bisschen elitärer. Pro Jahr sind 15 Leute aufgenommen worden. Wir wollten eine andere Form von Theater machen. Und dann saß man da in der hessischen Provinz und war auf sich selbst angewiesen. Es gab relativ wenig Ausgehinfrastruktur. Da musstest du alles selber machen. Das war für die Kreativität natürlich förderlich.
Ihr versprecht ja ein Brechtfestival für alle. In welchen Bereichen habt ihr Ausgrenzung erlebt?
SR: Also ich bin als migrantisches Arbeiterkind im Deutschland der 90er-Jahre groß geworden. Ich glaube, das spricht für sich selbst. Meine Eltern haben keine akademische Ausbildung, haben nichts mit Theater oder mit Kunst zu tun. Wir sind 1984 als Kriegsflüchtlinge im Iran-Irak-Krieg nach Deutschland gekommen. Ich habe mir so meinen Weg durch die Schule und Universität selber erkämpft und natürlich Diskriminierung erlebt.
MS: Manche Leute kokettieren mit ihrer Herkunft. Ich komme aus einer Handwerkerfamilie, meine Mutter ist z.B. auch Maurerin. Und ich glaube, was Sahar und ich gemeinsam haben, ist so eine gewisse Bodenständigkeit, was uns auch im Umgang mit Menschen zugutekommt.
SR: Dass wir mit dem Thema Inklusion verstärkt arbeiten, hat aber einen arbeitsbiografischen Grund. In unserer Gruppe »Monster Truck« gab es Menschen mit Behinderung. Dort ist es nicht als Zeichen eingesetzt worden, aber so gelesen worden. Dann sind wir mehr und mehr in dieses Thema reingegangen und haben gemerkt, dass es uns künstlerisch interessiert. Der Impetus ist gar nicht so sehr ein sozialer, sondern war von Anfang an ein künstlerischer. Das ist die ganz schnelle, grobe Genese, wie wir zur Inklusion gekommen sind.
»Natürlich streiten wir auch. Aber worum es uns geht, ist ein ungezwungener, ehrlicher Umgang miteinander.«
Gab es den Augenblick ab dem das Besondere an eurer Arbeit, eben inklusiv zu arbeiten, völlig normal war?
MS: Das war definitiv ein Prozess. Man darf nicht vergessen, wir machen das seit über 15 Jahren. Ich behaupte ich jetzt mal für uns beide, dass wir das sehr gerne machen. Ich müsste keine zwei Sekunden überlegen, um mich für die Arbeit die wir machen zu entscheiden.
Ist ein Ziel des Prozesses, dass man wegkommt von dem Spektakulären hin zu dem Alltag?
SR: Ja, total. Das Spektakuläre ist ja auch oft total platt.
MS: Natürlich streiten wir auch. Aber worum es uns geht, ist ein ungezwungener, ehrlicher Umgang miteinander. Das ist das erklärte Ziel.
SR: Ein Umgang auf Augenhöhe. Ein Probenplan ist eben ein Probenplan. Da mussten sich alle dran halten. Und da gilt auch die Behinderung nicht als Entschuldigung. Mit der Zeit zieht man die Samthandschuhe aus und geht miteinander um, wie man mit anderen Kolleg*innen auch umgeht.
MS: Es gibt natürlich auch das Commitment dazu, dass alle an einem progressiven, hochwertigen künstlerischen Ausdruck arbeiten wollen. Was ich oft erlebt habe, ist, dass die Leute sich unter Wert verkaufen, weil man sich nicht traut sich gegenseitig zu fordern.
»Was ich oft erlebt habe, ist, dass die Leute sich unter Wert verkaufen, weil man sich nicht traut sich gegenseitig zu fordern.«
Ihr habt als Motto für das Festival den schönen Begriff »Alle« gewählt. Das ist natürlich eine Positionierung, kann aber auch als Kritik am kulturellen Betrieb gesehen und gelesen werden. Habt ihr denn viele Bereiche gefunden, auch im Kontext der Brechtfestivals der letzten Jahre, wo Bedarf war, um eben genau hier in diese Diktion zu kommen?
MS: Die Einstellung – man müsse sich immer abgrenzen, und nur dann ist man innovativ – finden wir ist Quatsch. Uns geht es eigentlich darum: Was war schon da, und auf was kann man aufbauen? Dieses »Alle« ist einerseits eine Einladung, ein Versprechen, aber andererseits auch eine Selbstbefragung. Also was heißt denn dieses »Alle«? Wen nehmen wir mit? Wen schließen wir aus? Wollen wir denn jemanden nicht mitnehmen? Es gibt Grenzen, es gibt eine Toleranz, die ausgeschöpft ist, wenn Menschen sich gegen Toleranz stellen.
SR: Die Frage ist. Was wollen wir eigentlich für eine Gesellschaft sein? Und was haben wir da für Entwürfe? Und wie können wir an diesen Entwürfen arbeiten? Also gerade in dieser Welt, wo es immer enger wird und immer starke autoritäre rechte Entwürfe durchschlagend sind, müssen wir uns Gedanken machen.
MS: Zu polarisieren ist dennoch auch eine Option. Künstlerische Irritationen erweitern den Horizont – wenn man es schafft, sich darauf einzulassen. Hier ist es uns wichtig einen warmen Rezeptionsraum zu schaffen, der dem Publikum die Möglichkeit bietet sich für Neues zu öffnen – um ihnen dann intensiv und sinnlich den Kopf zu verdrehen. Diese gängigen Performance-Klassiker sind ja auch starke Selbsterfahrungstrips.
Jetzt ist uns natürlich klar, dass dieses »Alle« ein großes Wort ist, eine schöne Floskel, eine Utopie, die man nicht erreichen kann. Aber es ist auch für uns die warme Hand, die uns ein Stück weit führt. Das Brechtfestival wird den Rechtsruck in Deutschland nicht aufhalten, aber im Endeffekt vielleicht ein bisschen bremsen. Das ist ja die Aufgabe der Kultur.
SR: Das Festival wird nicht mit rechten Kräften in Dialog treten. Da ist für uns die Sperrlinie erreicht. Aber wie geht man als Gesellschaft heutzutage in Austausch mit Andersdenkenden? Das ist schon eine der zentralen Fragen des Festivals.
»Also was heißt denn dieses »Alle«? Wen nehmen wir mit? Wen schließen wir aus?«
Lasst uns noch kurz über Geld sprechen. Zahlt ihr faire Honorare an die beteiligten Künstler*innen?
SR: Wir haben da einen sehr guten Maßstab, weil wir ja selber als Künstler*innen viel auf Festivals unterwegs sind und daher ganz genau wissen, was so Standards sind und wo man sich sozusagen fair und wo man sich nicht fair bezahlt vorkommt. Lieber zwei Künstler*innen weniger einladen und die anderen dafür gut bezahlen. Wir haben noch keine einzige Gruppe in ihrem Finanzplan gedrückt.
Ihr landet mit eurem Programm punktgenau in der heißen Phase des Kommunalwahlkampfs. Habt ihr daran gedacht, dass es auch zu einer politischen Vereinnahmung eurer Arbeit durch die Wahlkämpfenden kommen kann?
MS: Gab es so was in der Vergangenheit? Und wenn ja, wie hat das ausgesehen? Natürlich, Kultur ist immer auch Aushängeschild und Wahlkampf. Unsere Erfahrung mit der Kommunalpolitik ist die: Es gibt Leute, die sind sehr positiv und sehr zugewandt, und dann gibt es Leute, die sind schon auf eine fast ignorante Art unhöflich in ihrem Desinteresse. Brecht war ein antikapitalistischer, antiklerikaler Weltenumstülper. Das läuft gewissen Parteiprogrammen zu wider. Wenn Politiker*innen sich aber mit Brecht identifizieren, ohne ihn zu diskreditieren, können sie das natürlich gerne machen.
SR: Wir sind unabhängig in unserer Kuration und idealerweise wollen wir alle erreichen. Das heißt aber nicht, dass wir naiv an die Sache rangehen. Uns ist bewusst, dass das Motto Widersprüche und Herausforderungen mit sich bringt, denen wir uns aber gerne gemeinsam mit dem Publikum stellen wollen.