Kultur ist ein zentraler Gestaltungsauftrag
Mit der Kommunalwahl im März entscheidet sich auch die politische Zukunft von Jürgen K. Enninger. Seit vier Jahren ist er der Grüne Referent für Kultur, Welterbe und Sport im Augsburger Rathaus. Ein Interview
a3kultur: Am 8. März wählen die Menschen in Augsburg einen neuen Stadtrat. Du trittst als amtierender Kulturreferent zum ersten Mal für die Grünen an – mit dem Ziel, wieder Referent zu werden. Das wäre ein Novum. Bisher hat es niemand zu einer zweiten Amtszeit als Kulturreferent in Augsburg gebracht. Wie sieht dein Plan aus, solltest du es schaffen?
Jürgen K. Enninger: Meine Vision Augsburgs ist die einer modernen Kulturmetropole europäischen Rangs. Das ist unser Anspruch! Dazu gehören Maßnahmen der Stadtteilentwicklung, der Club- und Popkulturförderung, der Festigung und Weiterentwicklung der freien Szene, der engagierten Begleitung der Kulturwirtschaft über Raum- und Digitalisierungsangebote und natürlich ein Römisches Museum auf Basis modernster Vermittlungsmethoden. Die bestehenden Institutionen, Veranstaltungen und Einrichtungen spielen dabei eine wesentliche Rolle, da sie den qualitativen und institutionellen Rahmen für die Entwicklungspotenziale der Stadt bieten. Sie müssen gefestigt und in diesem Sinne weiterentwickelt werden.
Dann soll Augsburg also eine Kulturstadt mit klarem Profil werden?
Wir machen Kultur zum Kern der Stadtentwicklungsmaßnahmen. Wir gewährleisten Urbanität in unserer Stadt und damit auch eine hohe Attraktivität im Tourismus, aber auch für zuziehende Fachkräfte für unsere Unternehmen. Und vielleicht noch wichtiger: Wir bauen an der Identität unserer Stadt, geben unseren Bürgerinnen und Bürgern Selbstbewusstsein und damit Resilienz für die Herausforderungen, die vor uns liegen.
Das klingt nach einem schweren Päckchen, das geschnürt werden soll. Welche Kulturorte werden dabei berücksichtigt?
Ein Miteinander aller Kulturorte, Förderkulissen, Veranstaltungen und Institutionen ist Grundlage dieser Überlegung. Alle Einzelbausteine, d. h. auch alle Kulturorte, verhalten sich dabei wie kommunizierende Röhren. Das gesamte Maßnahmenbündel ist daher nie als Gegeneinander oder Konkurrenz zu verstehen. Es ist immer ein Miteinander. Kultur wird damit die Basis für unser soziales Ökosystem. Kultur als treibende, gestaltende Kraft unseres Miteinanders zu begreifen, ist der Kern dieser Vision.
Dein Vorgänger Thomas Weitzel trat zum Ende seiner Amtszeit als CSU-Kandidat an. Er verzichtete auf sein gewonnenes Mandat, als klar wurde, dass die Schwarz-Grün-Regierung ohne ihn die Zukunft plante. Wirst du ein gewonnenes Mandat antreten, auch wenn es für eine zweite Amtszeit als Kulturreferent nicht reichen würde?
Ich bin Augsburger und werde das Mandat auf alle Fälle annehmen, sofern ich gewählt werde. Natürlich ist mein Ziel, Kontinuität zu gewährleisten, aber das entscheidet die Politik. Ich möchte weiterhin der parteiübergreifenden Verantwortung für die Stadt in diesen Themenfeldern gerecht werden. Das Miteinander aus Sport, Welterbe und Kultur ist der richtige Weg, der damals eingeschlagen wurde. An diesem Ansatz möchte ich weiterarbeiten.
»Beim Festivalsponsoring könnte aber mehr passieren. Hier sind Unternehmen aktuell zurückhaltend.«
Um zu arbeiten, braucht es Geld. Die Fördermittel und Etats für die Kultur werden in den nächsten Jahren nicht so wachsen, um deinen Plänen wirklich gerecht zu werden. Welche alternativen Finanzierungsmöglichkeiten wirst du miterarbeiten?
Wir haben in den letzten fünf Jahren bewiesen, dass die Mittel für Kultur in einem verantwortungsbewussten Rahmen wachsen können. Gleichzeitig haben wir das Thema der alternativen Finanzierungsmethoden auf den Weg gebracht. Die neue Kulturstiftung war ein ganz wesentlicher Baustein dafür. Das muss natürlich weiter ausgebaut werden.
Diese Stiftung ist beim Projekt »Haus der Stifter« der Stadtsparkasse verortet. Welcher Betrag stand denn im letzten Jahr daraus zur
Verfügung?
Er war im fünfstelligen Bereich angesiedelt.
Beim Thema Kultursponsoring ist bei den städtischen Festivals seit Jahren kaum eine Entwicklung zu bemerken.
Kultursponsoring ist ein sehr wichtiges Thema. Da haben wir uns ein gutes Netzwerk erarbeitet, das wir auch immer wieder aktivieren, wenn wir Förderanträge vorliegen haben, die wir nicht vollständig selbst abbilden können. Beim Festivalsponsoring könnte aber mehr passieren, das stimmt. Hier sind Unternehmen aktuell zurückhaltend. Ganz allgemein ist das Zusammenspiel der Förderung von Freundeskreisen, Crowdfunding und Sponsoring mit den städtischen Förderungen einerseits sehr ermutigend, aber gewiss auch in Augsburg noch entwicklungsfähig.
»Ich glaube, dass es wichtig bleibt, die Menschen von der Bedeutung von Kultur in der Stadt zu überzeugen. Denn Kulturpolitik liegt immer in der Hand von vielen.«
Der Augsburger Wahlkampf kommt natürlich nicht am Thema »Baustelle Staatstheater« vorbei. Du hast dein Amt vor fünf Jahren mit einer immensen Hypothek angetreten. 2026 feiert die Baustelle ihren zehnten Geburtstag. In dieser Zeit wurden stetig Termine und Etats gerissen. Von den Politiker*innen, die das Chaos von Beginn an zu verantworten hatten, ist heute niemand mehr im Amt – das Architekturbüro wurde geschasst –, lediglich der Staatstheater-Bauintendant André Bücker ist noch auf seinem Posten. Mit dieser Baustelle hat die Politik in Augsburg viel Vertrauen verspielt. Wie baust du Strukturen auf, aus denen neues Vertrauen erwachsen kann?
Da sprichst du einen wesentlichen Aspekt an. Die Ultra-Rechte hat wesentlich weniger Angriffsmöglichkeiten in Kommunen, die ihre Bauprojekte im Zeit- und Kostenrahmen umsetzen. Deswegen muss es unser Auftrag sein, als demokratisch gewählte Vertreterinnen und Vertreter dieses Ziel zu erfüllen. Und bei Schwierigkeiten muss man sich die Frage stellen, wann man damit an die Öffentlichkeit geht und Verantwortung übernimmt.
Ich muss die Menschen mitnehmen und meine Versprechungen mit meinen Ergebnissen in Einklang bringen. Wie zum Beispiel bei der Dominikanerkirche: Am Anfang der Legislaturperiode versprach ich die Öffnung bis zur Wahl. Daran muss ich mich messen lassen.
Meine Vorgehensweise bei Bauprojekten wird aktuell am Spickelbad besonders deutlich. Da war der erste Schritt, alle betroffenen Gruppen zusammenzubringen, zu diskutieren, was wir wollen, und gemeinsam zu überlegen und zu prüfen, wie wir zum Ziel kommen. Darauf basierend entwickeln wir ein Raumprogramm, erstellen dann klar den Budgetrahmen und einen verbindlichen Zeitplan.
»Die Ultra-Rechte hat wesentlich weniger Angriffsmöglichkeiten in Kommunen, die ihre Bauprojekte im Zeit- und Kostenrahmen umsetzen.«
Bei der Staatstheaterbaustelle sind bisher alle genannten Eröffnungstermine und Etataussagen gerissen worden. Die Kommunikation wird als schwierig empfunden. Und du firmierst als Bauherr. Also: Was wirst du in Zukunft anders machen?
Wir sind das Nutzerreferat, und die Stadt ist Bauherr. Wir begleiten den Prozess jetzt noch enger, d. h., wir nehmen an allen Besprechungen teil, erfahren von neuen Entwicklungen sofort und können in der Folge umgehend informieren. So entstand ein neues Organigramm, das eine zuvor im Baureferat angesiedelte Architektenstelle ins Kulturreferat holte. Es ist wichtig, wirklich Teil des Projekts zu sein.
Dieses Standing musstest du dir im Kreis deiner Kolleg*innen erkämpfen?
Für mich ist Kultur ein zentraler Gestaltungsauftrag für die Stadt. Dieses Selbstbewusstsein für Kunst und Kultur, dieser breite Kulturbegriff, führt automatisch zu neuen starken Kooperationen und sensibilisiert unterschiedlichste Gruppen der Stadtgesellschaft für die Bedeutung von Kunst und Kultur.
Im Vergleich zu anderen Kommunen kann ich mich zudem glücklich schätzen, mit einem so kulturaffinen Finanzreferenten wie Roland Barth zusammenzuarbeiten. Er hat eine hohe persönliche Affinität zur Kultur. Kolleginnen und Kollegen wie er verstehen intuitiv die Bedeutung von Kultur für die Stadt. Bei der Überzeugungsarbeit für das, was Kultur ausmacht, stehen wir auf derselben Seite. Das ist spürbar und hilft enorm.
Was steht für dich in den nächsten Jahren ganz oben auf der To-do-Liste, abgesehen von den alten und neuen Baustellen?
Ich glaube, dass es wichtig bleibt, die Menschen von der Bedeutung von Kultur in der Stadt zu überzeugen. Denn Kulturpolitik liegt immer in der Hand von vielen. Die kulturellen Angebote unserer Großstadt Augsburg, in einer Stadt der – immer noch – kurzen Wege, sind außergewöhnliche Leistungen der Menschen vor Ort: eine »Love Pop«, die Kültürtage, die Vernissage im Kunstverein, die Premiere im Staatstheater, das Modular Festival, der Jazzsommer im Botanischen Garten, das Junge Theater im abraxas oder das Sensemble Theater. Und dazu die vielen Ausstellungseröffnungen in unseren Museen und Galerien.
Wenn ich daher in der Kulturpolitik Verantwortung übernehme, bleibt es mein Auftrag, genau diese Netzwerke weiterzuentwickeln, ihre Interessen auszubalancieren und damit eine Dynamik zu erzeugen, die die Stadt insgesamt und die Menschen in ihr voranbringt.
Hier gelangen Sie zum Beitrag »Kultur ist kein Luxus«
Das könnte Sie auch interessieren
»Mit vereinten Kräften«
Sport verbindet
Glück, Kultur, Rendite
Das Glück
Die glücklichsten Großstadtmenschen Bayerns findet man in Augsburg. Im nationalen Vergleich liegt unsere alte Römerstadt auf Platz 2. Getoppt von Erfurt in Thüringen. Dieses Ergebnis brachte eine Studie der SKL unter deutschen Kommunen über 100.000 Einwohner*innen an den Tag.