Politik & Gesellschaft

Im Wandel

Andreas Jäckel © privat
a3kultur-Redaktion

Seit 2008 gehört der CSU-Kulturpolitiker Andreas Jäckel dem Stadtrat von Augsburg an, seit 2018 ist er Mitglied des Bayerischen Landtags. Im Interview mit Jürgen Kannler verrät er seine Vision für Augsburg.  

a3kultur: Herr Jäckel, wir befragen in dieser Ausgabe Menschen aus Kultur, Politik und Wissenschaft, wie unsere Stadt in zehn Jahren funktionieren wird. Es geht also auch um visionäres Denken. Glauben Sie an das alte Helmut-Schmidt-Statement, dass man mit Visionen zum Arzt gehen sollte?
Andreas Jäckel: Ich glaube, man braucht beides: Realismus und Visionen. Das Wort »Vision« ist groß, keine Frage. Aber wir müssen uns in den nächsten zehn Jahren auf neue Themen einstellen. Das Thema Gesundheit wird bei uns eine große Rolle spielen, weil durch das Uniklinikum dieser Bereich noch stärker in die Stadt kommt.

Dann haben wir die Technisierung und Digitalisierung, die uns wahrscheinlich zu Entwicklungen führen werden, die wir heute noch gar nicht kennen. Gerade im Umfeld von Universität und Hochschule dürfen wir den Anschluss nicht verpassen, sondern müssen diese Themen aktiv aufgreifen und möglichst auch in Arbeitsplätze übersetzen – vom Start-up bis zur größeren Einheit. Am Campus südlich der Universität, rund um das TZA, arbeiten inzwischen etwa 2.500 Menschen. Das ist vielen gar nicht bewusst. Überträgt man das ins 19. Jahrhundert, wäre das eine veritable Fabrik.

Bei all dem müssen wir die Menschen in den nächsten zehn Jahren mitnehmen. Es reicht nicht zu sagen: Wir machen, wir machen, wir machen – und lassen das soziale und kulturelle Gefüge außer Acht. Das wäre ein Fehler. Bei allen Fortschritts- und Planungsthemen, bei allen Ideen für die Stadt, brauchen wir die Bevölkerung an unserer Seite – inhaltlich und auch in der Motivation.

Wie wird sich die Kulturstadt Augsburg Ihrer Einschätzung nach 2036 präsentieren?
Ich glaube, wir müssen noch stärker daran arbeiten, die Unterscheidung zwischen Hochkultur und sogenannter Nicht-Hochkultur aufzulösen. Man ist da noch sehr in Schubladen verhaftet. Alles Institutionalisierte – Museen, Staatstheater und Ähnliches – gilt als Hochkultur, und anderes wird entsprechend anders eingeordnet. Das sollten wir überwinden.

Die Netzwerke sind ja da. Und der Auftrag ist ebenfalls klar: Ein Staatstheater darf kein Tempel sein, in den sich nur wenige hineintrauen, sondern muss sich mit den anderen verschränken. Und in den nächsten zehn Jahren müssen wir uns verstärkt mit kultureller Vielfalt beschäftigen. Ich war am Montag beim Empfang der Landsmannschaften. Von Banater Schwaben über Siebenbürgerinnen und Siebenbürger bis zu Deutschen aus Russland – es gibt sehr viele Deutschstämmige aus Ost- und Südosteuropa, die zu uns gekommen sind. Das sind fast 70.000 Menschen. Dazu kommen noch einmal 80.000 bis 90.000 mit Wurzeln aus Europa und der ganzen Welt. Wir brauchen hier eine stärkere kulturelle Beteiligung – sowohl als Akteurinnen und Akteure als auch als Publikum. Wir brauchen das Thema kulturelle Identität. Einerseits geht es um Integration in unsere Stadt und unser Land. Andererseits haben wir die Verpflichtung, kulturelle Identitäten nicht zu assimilieren oder zu verdrängen, sondern sie aktiv in die Stadtgesellschaft einzubinden. Das ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu wenig geschehen.

Wir leben in einer beliebten Region, die Bevölkerung wächst, ebenso der Anteil von Menschen mit Wurzeln in aller Welt. Nehmen wir dieses Wachstum als Chance wahr?
Ich glaube, das ist – auch wenn es ein abgegriffenes Wort ist – alternativlos. Es gibt nur Ja oder Ja. Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn man die Menschen dort abholt, wo sie herkommen. Das heißt nicht, dass einzelne Gruppen dominieren sollen. Aber alle sollten ihre kulturelle Identität einbringen können, so wie das jede Generation zuvor getan hat. Wir können das nicht ausblenden – und wir wollen es auch nicht.

Sie haben die kulturelle Identität mehrfach erwähnt. Wie pflegt man die eigene, vererbte kulturelle Identität in einer diversen Gesellschaft?
Das ist tatsächlich herausfordernd. Viele haben ihre Herkunft lange verdrängt. Ich kenne das aus meiner eigenen Familie: Nach dem Krieg haben viele ihre Geschichte weggedrückt. Ich habe später eher versucht, sie wieder hervorzuholen. Warum sollte man das verschweigen?

Es geht darum, Wissen übereinander zu schaffen. Das gilt für Menschen mit sogenannten »typisch deutschen« Wurzeln genauso wie für jene, deren Familien aus Siebenbürgen oder aus anderen Regio­nen stammen. Wir wissen oft zu wenig voneinander. Deshalb ist es wichtig, überhaupt erst Wissen zu vermitteln. Das muss auch in der Schule beginnen. Lehrpläne dürfen nicht nur davon ausgehen, dass alle in München, Hamburg oder anderswo geboren sind. Wir brauchen eine breitere Perspektive in der Wissensvermittlung und beim Thema Identität. Das ist schwierig, weil es so viele unterschiedliche Herkünfte gibt. Aber wenn wir nur beklagen, dass es kompliziert ist, wird nichts besser. Wenn wir über einen Zeitraum von zehn Jahren sprechen, sollte es ein Ziel sein, Identität durch Wissensvermittlung, politische Unterstützung und städtische Angebote zu stärken. Menschen müssen ihre kulturelle Identität zeigen und leben können – bei Veranstaltungen, Projekten, Formaten. Und das nicht nur isoliert, sondern integriert in bestehende Strukturen. Netzwerk und Verschränkung sind hier entscheidend.

Wird Kultur damit zu einer gesellschaftlichen Pflichtaufgabe?
Ich habe ja beide Ebenen vor Augen – Stadtrat und Landtag. Man muss nur in die Bayerische Verfassung schauen: In Artikel 3 ist festgelegt, dass Bayern ein Kulturstaat ist. Das ist ein klarer Auftrag. Wir müssen ihn nur ernst nehmen und leben. Wenn es diesen Passus nicht gäbe, wäre die Unterstützung für Kultur vermutlich deutlich geringer. Bei jedem Haushaltsproblem würde sofort gefragt: Muss man das überhaupt machen? Es ist also ein Glück, dass die Verfassungsmütter und -väter das nach dem Krieg so festgeschrieben haben.

Zum Schluss: Um am kulturellen Leben teilzuhaben, sind gewisse Grundkenntnisse hilfreich. Lesefähigkeit geht zurück, Musikunterricht steht unter Druck, viele haben Schwellenangst vor Kulturorten. Was tun?
Man kann niemanden zwingen, das muss man zugeben. Auch ich war in manchen Fächern interessierter als in anderen. Aber für die Persönlichkeitsbildung sind gerade die künstlerischen Fächer wichtig. Es muss über Kinder und Jugendliche gehen – im Vorschulbereich und in der Schule. Leider wurden Unterrichtsstunden eher gekürzt als ausgeweitet. Schule kann aber zumindest ein Feuer entfachen. Daneben gibt es große Möglichkeiten außerhalb der Schule: Singschulen, Chöre, Angebote wie die Sing- und Musikschule Mozartstadt Augsburg oder die Domsingknaben, die inzwischen auch Mädchenangebote haben. Es gibt viele Beteiligte, die ergänzend wirken. Aber wenn man Begeisterung wecken will, muss man früh anfangen. Natürlich finden auch später Menschen zur Kunst – zum Malen, Singen, Musizieren oder zur Rockmusik. Aber im Kern ist es ein Bildungs- und Erziehungsauftrag. Mit dem Ausbau der Ganztagsschulen entstehen dafür auch neue Räume. Als Ausgleich zu den klassischen Lernfächern sollten künstlerische Angebote unbedingt gestärkt werden.

 

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