Politik & Gesellschaft

»Es braucht weibliche Impulse in den Führungsebenen«

Feminmed Logo

Im Kongress am Park findet die 1. Ärztinnentagung des Marburger Bundes Bayern statt. a3kultur-Redakteurin Anna Hahn traf sich mit der Initiatorin der Tagung, Ärztin und Mutter Dr. medic Amelie Oberst zum Interview.
 

In Bayern arbeiten mehr Ärztinnen als Ärzte. Das zeigen die aktuellen Zahlen der Bayerischen Landes­ärztekammer: 37.848 Frauen – knapp 800 mehr als Männer. Das wird in Zukunft noch deutlicher, denn über 60 Prozent der Medizinstudierenden sind weiblich. Umso wichtiger ist es, dass sich (zukünftige) Ärztinnen vernetzen, austauschen und gemeinsam gegen Herausforderungen und Probleme ankämpfen. Am Freitag, 20. und Samstag, 21. März findet im Kongress am Park die »Fem.In.Med«, die 1. Ärztinnentagung des Marburger Bundes Bayern, statt. Unter dem Motto »Haltung zeigen, Strukturen aufbrechen, Zukunft gestalten« sind Medizinerinnen und Studentinnen eingeladen, praxisnahe Vorträge und lösungsorientierte Workshops zu besuchen.

 

a3kultur: Sie hatten die Idee für die Tagung für Ärztinnen und angehende Ärztinnen. Warum ist ein solcher Kongress notwendig?
Dr. medic Amelie Oberst: Ärztinnen werden nach wie vor strukturell benachteiligt – im Großen wie im Kleinen. Die Rahmenbedingungen unseres Systems sind oft nicht mit der Realität vereinbar: Kita-Öffnungszeiten passen nicht zu Schichtdiensten, Care-Arbeit wird weiterhin selbstverständlich erwartet, aber kaum mitgedacht. Karriere und Fürsorge scheinen sich gegenseitig auszuschließen.

Diese Probleme lösen sich nicht von selbst. Sie müssen gemeinsam angegangen werden – im Netzwerk und mit gegenseitiger Unterstützung. Genau dafür ist dieser Kongress da. Denn ohne strukturelle Veränderung bleibt der Weg in die Chefetagen versperrt.

»Ich kenne mehr Frauen, die Diskriminierung erlebt haben, als solche, die davon verschont geblieben sind.«

Was soll der Kongress anstoßen, bewirken, verändern?
Der Kongress soll das umsetzen, was unser Motto beschreibt: Haltung zeigen, Strukturen aufbrechen, Zukunft gestalten.
Wir setzen auf Networking und lösungsorientierte Diskussionen und haben bewusst ein Format gewählt, in dem Expertinnen Impulse geben und anschließend für einen offenen, intensiven Austausch zur Verfügung stehen. Uns geht es nicht um theoretische Goldrand-Lösungen, sondern um ehrliche Diskussionen und umsetzbare Ansätze – und darum, gemeinsam im Netzwerk bestehende Strukturen und Systeme kritisch zu hinterfragen.

Wer sollte an der Tagung teilnehmen? Wen wollen Sie besonders ansprechen?
An alle, die Zukunft gestalten wollen. Gemeinsam sind wir sichtbar, wirksam und stark. Vernetzen wir uns – niemand geht diesen Weg allein.

Die Themen der Tagung – Frauen in Führungspositionen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Karrierechancen, Gendergerechtigkeit – betreffen Frauen in allen Berufen. Sehen Sie bei Medizine­rinnen dennoch besondere Herausforderungen oder Hindernisse?
Ja, diese Themen betreffen viele Berufe. In der Medizin jedoch verdichten sich die Herausforderungen: hochkomplexe Systeme, unbezahlte Überstunden, mangelnder Respekt und starre Machtstrukturen. Wir kämpfen an vielen Fronten – um verlässliche Arbeitszeiten, faire Bezahlung und Arbeitsmodelle, die Care- und Sorgearbeit nicht bestrafen, sondern mit ärztlicher Tätigkeit vereinbar machen.
Der permanente Druck lässt kaum Raum für zukunftsorientierte Entwicklung. Hier ist die Politik gefordert, ein Gesundheitssystem zu gestalten, das nicht weiter kaputtgespart wird, sondern Entwicklung, Qualität und gute Arbeitsbedingungen ermöglicht.
 

»Hier ist die Politik gefordert, ein Gesundheitssystem zu gestalten, das nicht weiter kaputtgespart wird, sondern Entwicklung, Qualität und gute Arbeitsbedingungen ermöglicht.«

Haben Sie das Gefühl, dass sich Frauen noch immer schwer tun, sich zu vernetzen und zusammenzuschließen, um gemeinsam auf Missstände aufmerksam zu machen?
Netzwerke entstehen oft informell: nach Dienstschluss, bei Abendveranstaltungen, auf Kongressen, in inoffiziellen Runden oder über persönliche Empfehlungen. Diese Zeiträume liegen meist abends oder am Wochenende – Zeiten, in denen viele Frauen Care- und Sorgearbeit leisten. Geschützte Zeitfenster für Vernetzung während der Arbeitszeit fehlen im Klinikalltag weitgehend.
Für diesen Kongress habe ich viele Frauen kontaktiert – und ausnahmslos offene, freundliche Zusagen erhalten. Das zeigt: Die Bereitschaft ist da. Wir müssen sie nur bündeln.

Wurden Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn Opfer von genderbasierter Diskriminierung durch Kolleg*innen, aber auch durch Patient*innen?
Ich kenne mehr Frauen, die Diskriminierung erlebt haben, als solche, die davon verschont geblieben sind. Auch ich habe früh geschlechterspezifische Ungleichbehandlung erfahren.
Ein besonders absurder Moment in meiner Laufbahn war eine klare Grenzüberschreitung im beruflichen Kontext, bei der nicht das Verhalten selbst, sondern mein Widerstand dagegen infrage gestellt wurde.
Ich habe mich gewehrt. Und genau das muss selbstverständlich sein. Belästigung und Respektlosigkeit dürfen keinen Platz haben und müssen Konsequenzen haben.

Ist die berühmte »gläserne Decke« in den ärztlichen Berufen besonders dick?
Frauen stellen längst einen Großteil der Medizinstudierenden und Ärzt*innen – doch mit jeder Hierarchiestufe werden sie weniger. Nicht wegen fehlender Kompetenz, sondern wegen starrer Strukturen, intransparenter Machtwege und einer Kultur, in der Vereinbarkeit mit Care- und Sorgearbeit karriereschädigend wirkt. Diese Decke ist nicht naturgegeben. Sie ist gemacht – und damit veränderbar.

Was würden Sie vor allem jungen, angehenden Mediziner*innen raten?
Vernetzen, vernetzen, vernetzen. Baut euch Netzwerke, die tragen, fordern und stärken. Holt euch Impulse, teilt Erfahrungen, sucht aktiv Unterstützung, Mentorinnen und Vorbilder. Niemand muss diesen Weg allein gehen.
Habt den Mut, Dinge klar zu benennen. Schaut nicht weg, wenn Grenzen überschritten werden oder Entscheidungen euren Werten widersprechen. Haltung ist kein Risiko – sie ist Zukunft.

Wo besteht besonders großer Aufholbedarf?
Überall – aber vor allem im Denken – gibt es Nachholbedarf. Es fehlen Stillräume. Es fehlen Konzepte, wie sich Schwangerschaft mit Weiterbildung vereinbaren lässt. Es fehlen Strukturen, die Frauen in der Care- und Sorgearbeit unterstützen und sie gleichzeitig fördern, statt auszubremsen. Hier braucht es wachsame, mutige Führungskräfte, die Verantwortung übernehmen und aktiv unterstützen. Und es braucht weibliche Impulse in den Führungsebenen – nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil von Macht, Entscheidung und Gestaltung.

www.feminmed.de


 

Dr. Amelie Oberst

Dr. medic Amelie Oberst ist Anästhesistin am Universitätsklinikum Augsburg. Ihren Werdegang begann sie bei der Bun­­des­wehr, wo sie als Ärztin, Offizierin und im Auslandseinsatz früh Verantwortung übernahm. Aktuell befindet sie sich in Elternzeit für ihren sechs Monate alten Sohn. Oberst ist stellvertretende Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbands Augsburg und Beisitzerin im Landesvorstand des Marburger Bunds Bayern. In diesem Rahmen initiierte sie auch den »Fem.In.Med«-Kongress als zukunftsweisendes Projekt innerhalb des Marburger Bundes, um die Sichtbarkeit und Vernetzung von Ärztinnen nachhaltig zu fördern.
 

Das könnte Sie auch interessieren

Mira Emke
Politik & Gesellschaft, Workshop

»Mit vereinten Kräften«

Am 20. September wird in ganz Deutschland der Weltkindertag gefeiert.
Malte Günther
Ausstellungen & Kunstprojekte, Politik & Gesellschaft

Sport verbindet

Eine neue Ausstellung widmet sich dem Spannungsfeld von Ausgrenzung und Diskriminierung im Sport.
Jürgen Kannler
Politik & Gesellschaft

Glück, Kultur, Rendite

Das Glück

Die glücklichsten Großstadtmenschen Bayerns findet man in Augsburg. Im nationalen Vergleich liegt unsere alte Römerstadt auf Platz 2. Getoppt von Erfurt in Thüringen. Dieses Ergebnis brachte eine Studie der SKL unter deutschen Kommunen über 100.000 Einwohner*innen an den Tag.