Ausstellungen & Kunstprojekte

»Hinter jedem Kunstobjekt steht eine Biografie!«

Sophia Barth Coorssen © KMA | Martin Augsburger
Gastautor

Dr. Sophia Barth-Coorssen berichtet in ihrem Gastbeitrag von ihrer Arbeit in der Provenienzforschung bei den Kunstsammlungen und Museen Augsburg.

Als Provenienzforscherin beschäftigt sich Dr. Sophia Barth-Coorssen mit der Herkunft von Kunstwerken und Kulturgütern sowie der Frage, unter welchen Umständen sie erworben wurden. Bei ihrer Arbeit für die Kunstsammlungen und Museen Augsburg geht es nicht nur um die Rekonstruktion der Besitzgeschichte der Objekte, sondern auch um moralische Verantwortung. 

Seit dem Beschluss der Washingtoner Prinzipien im Jahr 1998 hat sich die Provenienzforschung besonders der Aufklärung unrechtmäßiger Enteignungen in der NS-Zeit verpflichtet. Als kritisches Erbe steht vor allem die Stiftung Haberstock im Fokus der Aufarbeitung. Seit kurzem sind erste Quellen wie Geschäftsbücher oder Fotokarteikarten in einer Datenbank erfasst und für die Öffentlichkeit und Forschung kostenfrei online abrufbar.

Die im zweiten Stock des Schaezlerpalais dauerhaft ausgestellten Gemälde, beispielsweise von Canaletto oder Veronese, stammen aus der Sammlung von Karl Haberstock (1878–1956), einem der bekanntesten deutschen Kunsthändler des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Tod überließ seine Ehefrau Magdalene Haberstock die Privatsammlung 1957 der Stadt Augsburg. Sie umfasst neben 39 Gemälden auch Möbel, Porzellan, Varia sowie eine umfangreiche Bibliothek mit mehr als 2.600 Büchern. Aufgrund von Haberstocks maßgeblicher Rolle im NS-Kunsthandel wirft die Stiftung jedoch auch kritische Fragen auf. Bereits 2001 begann der Historiker Horst Keßler im Auftrag der Kunstsammlungen mit der Untersuchung der Herkunft der Objekte – eine Aufgabe, die seit Anfang 2025 von Dr. Sophia Barth-Coorssen weitergeführt wird. 

Provenienzforschung: Klärung der Herkunft und Besitzansprüche

Möglichst lückenlose Besitzgeschichte 

Die Kunsthistorikerin prüft die Bestände der Kunstsammlungen und Museen Augsburg und die Haberstock-Sammlung auf NS-verfolgungsbedingten Entzug und bearbeitet auch externe Anfragen zu einzelnen Objekten. Dabei arbeitet sie eng mit Archiven, Museen, Forschungseinrichtungen, Anwaltskanzleien und Nachkommen aus dem In- und Ausland zusammen. Ihre Recherchen erfolgen sowohl analog in historischen Akten und Dokumenten aus dem Nachlass Haberstocks als auch digital – immer auf der Suche nach biografischen und objektbezogenen Spuren. Ziel ist es stets, die Besitzgeschichte der untersuchten Objekte möglichst lückenlos nachzuvollziehen – idealerweise von ihrer Entstehung bis heute. Das persönliche Anliegen von Dr. Barth-Coorssen geht aber noch weiter: Sie will nicht nur die Besitzfragen klären, sondern auch geschehenes Leid und Schicksale sichtbar machen: »Hinter jedem der untersuchten Objekte steht eine Reihe von Lebensgeschichten.«

Provenienzforschung Kunstsammlungen © KMA / Martin Augsburger
Der Kunsthändler Karl Haberstock (1878–1956)

Der gebürtige Augsburger Karl Haberstock gilt als einer der erfolgreichsten Kunsthändler des Nationalsozialismus. Durch seine engen Geschäftsbeziehungen zu ranghohen Nationalsozialist*innen, allen voran Adolf Hitler, avancierte er zu einem der Hauptkunsthändler des geplanten »Führermuseums« in Linz, für das er auch Kunstwerke aus besetzten Gebieten bezog. Darüber hinaus war er Mitglied der »Kommission zur Verwertung der
Produkte Entarteter Kunst«. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Haberstock im Rahmen der Entnazifizierung zunächst als »Mitläufer« eingestuft, wenig später jedoch entlastet, sodass er seine Kunsthandelstätigkeit wieder aufnehmen konnte. Nach seinem Tod im Jahr 1956 gründete seine Witwe gemäß seinem letzten Willen die Karl-und-Magdalene-Haberstock- Stiftung, die unter die Verwaltung der Stadt Augsburg gestellt wurde.

Rückgabe von 18 Objekten im Jahr 2022

Ein Beispiel dafür ist die Restitution von 18 Kunsthandwerksobjekten, die sich bis Anfang 2022 in der Haberstock-Sammlung befanden. Im Rahmen einer umfassenden Provenienzrecherche, die neben den Unterlagen der Stiftung auch Quellen aus nationalen und internationalen Archiven einbezog, konnte das Konvolut eindeutig dem ehemaligen Eigentum des deutsch-niederländischen Bankiers und Kunstsammlers Fritz Gutmann zugeordnet werden. Gutmann wurde aufgrund seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialist*innen verfolgt und war 1942 im Zuge der geplanten, letztlich aber erfolglosen Emigration gezwungen, seine Sammlung an die Kunsthändler Karl Haberstock und Julius Böhler zu veräußern. (1944 kam Gutmann im Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben.) Damit war die Herkunft des Konvoluts zweifelsfrei geklärt und seine Restitution möglich: Im Mai 2022 wurden die 18 Objekte durch die Stadt Augsburg an die Erben von Fritz Gutmann zurückgegeben. 

Geschäftsunterlagen im Haberstock Online-Archiv abrufbar

Besonders interessant für die internationale Provenienzforschung sind auch die mehr als 3.500 historischen Auktionskataloge sowie die Geschäftsunterlagen der Galerie Haberstock, die ebenfalls im Schaezlerpalais aufbewahrt werden. Ein wichtiges Projekt von Dr. Sophia Barth-Coorssen ist deshalb die Digitalisierung dieser analogen Quellen. Im Haberstock Online-Archiv sind bereits rund 1.150 der insgesamt 1.981 analogen Fotokarteikarten zu finden. Langfristiges Ziel der Datenbank ist die Unterstützung und Stärkung der internationalen Provenienzforschung sowie die transparente Auseinandersetzung mit der eigenen Stiftungsgeschichte. Das Projekt wird durch das Augsburger Stiftungsamt unterstützt. 

www.haberstock-archiv.de 

Internationaler Tag der Provenienzforschung

Provenienzforscherin Dr. Sophia Barth-Coorssen lädt anlässlich des Internationalen Tags der Provenienzforschung am Mittwoch, 8. April, um 15 Uhr zu einer einstündigen Führung durch die Sammlung der Karl-und-Magdalene-Haberstock-Stiftung im Schaezlerpalais ein. Dabei erfahren die Teilnehmenden nicht nur mehr über den Kunsthändler Karl Haberstock und seinen Nachlass, sondern werden auch aktiv in verschiedene Arbeitsschritte der Provenienzforschung einbezogen.

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