Ausstellungen & Kunstprojekte

Vertiefungen

Moritz Neuhoff, brushtrokes (pattern-shift), 2025, Acryl auf Leinwand, 200 × 270 cm © Dirk Wüstenhagen, VG-Bildkunst, Bonn 2026
a3kultur-Redaktion

Kunsthalle Augsburg zeigt vier abstrakte Positionen in zwei neuen Ausstellungen.

»Shift of Vision« und »Landschaft der Malerei« zogen Mitte April ins H2 ein – mit zeitgenössischen Werken, die eingehendes Schauen belohnen, von Weitem wie ganz nah. Großformate, in gebührendem Abstand platziert, dominieren eingangs den Raum: Jutta Haeckel, Peter Krauskopf und Moritz Neuhoff markieren ihre Reviere in abstrakten, höchst individuellen Bildwelten. Facettenreiches, präzises Spiel mit Wahrnehmung vereint das malende Trio, ermutigt zum Verweilen
und vertieften Betrachten. 

Provokativ wirken Moritz Neuhoffs großspurige Wischgesten, mit einem Hauch von Aggression: Seit jeher sucht der in Berlin lebende Künstler (*1987) Fluchtwege aus dem digitalen Overload. Als mystisch umschreiben Fachleute seine exzeptionellen Malmethoden. Neben geheimen Mixturen setzt er gewöhnliche Besen, sogar Feuerlöscher ein. In ausgefeilter Nass-in-Nass-Technik erzielt Neuhoff übertriebene Tiefen mit täuschender Plastizität, verstärkt durch Regenbogeneffekte, grobe Raster oder flirrende Lichtpunkte, wie in seiner meergrün geflochtenen Komposition »Luciferin« als Reminiszenz an leuchtende Mikroorganismen. Die Natur dient auch Jutta Haeckel (*1972) als Vorbild: Die Wahl-Düsseldorferin spezialisierte sich auf exakte Dekonstruktion und Neuinterpretation ihrer Nessel-Leinwände. Feinfühlig bearbeitet sie diese von allen Seiten, bis kristalline Farbreliefs für sich sprechen, mit sichtbaren und verborgenen Partien, verbunden durch fragil anmutende Membranen. Vielfach erscheint hier das Kreuz als unverzichtbare Struktur und ältestes Symbol allen Lebens, an altgriechische Sagenwelten gemahnend oder durch paradoxe Geistesblitze inspiriert, etwa in Gestalt des »Fermented Rainbow«. Im Glaspalast, wo über Jahrzehnte gesponnen und gewebt wurde, strahlen Haeckels textil-malerische Tagträume besonders kraftvoll. 

Was grell an der Rückwand des H2 leuchtet, sind mehrschichtig-pastose Charaktere, geschaffen von Peter Krauskopf (*1966) aus Leipzig: Ebenso monumental wie radikal manifestiert er, was seine Mitmenschen innerlich bewegt. Entsprechend dramatisch trägt Krauskopf seine sorgsam vorgemischten, signalstarken Farblagen auf, auswärts glatt, einwärts borkig aufgerissen, mit schrillen Kontrasten kokettierend. Die meisten seiner in »Shift of Vision« präsentierten malerischen Zeitrisse sind mit kryptischen Nummernfolgen betitelt, einige kleinerformatige Arbeiten dürfen optisch wie thematisch aus der Reihe tanzen. 

Ähnlich leichtfüßig erklärt der Breisgauer Manuel Frattini die Kabinette zu farbenfrohen Spielwiesen: Seine installative Werkschau »Landschaft der Malerei« streift Zeichnung und Fotografie, gleicht einem poetisch fragmentierten Wegenetz mit heiteren, meist floralen Zufallsfunden am Rande. Auf Acrylstraßen, Kreidepfaden, Kohlesteigen durchwandert man Farbterrains unterschiedlichster Größe und Textur. Was auf den ersten Blick banal erscheint, animiert zum spielerischen Erkunden und neugierigen Hineinversenken: Wer in Frattinis lebensnahe Bildgeschichten »reinliest«, genießt derart grenzenlose Wahrnehmungsfülle auf kleinstem Raum, dass statt der Kunstkritik ein Reisebericht angebracht wäre. 

Beide Ausstellungen laufen bis zum 11. Oktober. Im Rahmen von »Shift of Vision« finden regelmäßige Führungen statt, eine begleitende Publikation ist in Arbeit. Weitere Informationen unter: www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de 

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