Film

Von der Saat des Konflikts zur Stunde der Abrechnung

Nuernberg © Scott Garfield / Courtesy of Sony Pictures Classics

Während uns der eine Film in den staubigen Glutofen entführt, in dem die Weichen für den bis heute andauernden Nahostkonflikt unter blutigem Protest gestellt wurden, blickt der andere auf die moralischen Trümmer des Jahres 1945 und den Versuch, aus dem Chaos eine neue Weltordnung durch Recht und Gerechtigkeit zu formen.

»Nürnberg« (7. Mai, Cinemaxx, Cinestar, Programmkinos Augsburg), 1945. In den Ruinen einer vom Krieg gezeichneten erhält der amerikanische Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley (Rami Malek) einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll die inhaftierten Hauptverantwortlichen des NS-Regimes in Vorbereitung auf die Nürnberger Prozesse untersuchen. Unter ihnen ist der ehemalige Reichsmarschall Hermann Göring, dessen Intelligenz, Charisma und manipulative Stärke Kelley gleichermaßen herausfordern wie faszinieren. Trotz anfänglicher Machtspiele gelingt es dem Arzt, Görings Vertrauen zu gewinnen und Einblick in seine Persönlichkeit zu erhalten. Während im Gerichtssaal die Verhandlungen beginnen, fällt es Kelley zunehmend schwerer, die notwendige Di­­s­tanz zu wahren.
Russell Crowe dominiert mit einer beängstigenden, jovialen Gravitas die Leinwand. Er verkörpert Göring als verlogen freundliches, manipulatives Genie, das Charisma als Waffe einsetzt. Ihm gegenüber agiert Rami Malek wie gewohnt intensiv als ein Mann, der das Böse sezieren will und dabei Gefahr läuft, selbst daran zu zerbrechen. Im letzten Drittel dominieren dann der amerikanische Hauptanklagevertreter Robert H. Jackson (Michael Shannon) und der britische Ankläger Sir David Maxwell Fyfe (Richard E. Grant) auf der Bühne des Gerichtssaals. Sicherlich nimmt sich der Film dramaturgische Freiheiten und wer eine lückenlose Dokumentation der Prozesse erwartet, sollte lieber bei den unzähligen Dokumentationen bleiben. Wie so oft in Hollywood wird die komplexe Psychologie des Nationalsozialismus auf das Duell zweier Individuen reduziert. Die systemischen Abgründe treten hinter dem persönlichen Drama zurück, wodurch dem historischen Ernst der Nürnberger Prozesse nicht immer vollends Genüge getan wird. Für Fans von Gerichtsthrillern und Menschen, die erst an das Thema der NS-Verbrechen herangeführt werden müssen, ist der Film aber durchaus sehenswert.

»Palästina 36« (14. Mai, Programmkinos Augsburg): Immer mehr Dörfer erheben sich gegen die britische Kolonialmacht, die ihren Einfluss mit Gewalt durchsetzt. Gleichzeitig drängen europäische Juden, die vor dem Nationalsozialismus geflohen sind, in die Region. Zwischen seinem ländlichen Heimatdorf und dem zunehmend angespannten Jerusalem pendelt der unparteiische Yusuf (Karim Daoud Anay). Nach einem folgenschweren Ereignis schlägt sich der junge Mann auf die Seite des Widerstands.
Wie im Falle von »Nürnberg« wird die Geschichte oft von den Siegern geschrieben. Die palästinisch-amerikanische Regisseurin Annemarie Jacir erzählt mit »Palästina 36« eine entscheidende Episode der palästinensischen Geschichte dezidiert aus palästinensischer Sicht. Das ist zwar einseitig aber legitim und kann nur dazu beitragen, zu verstehen, warum der Nahe Osten heute ein ungelöstes Puzzle aus Schmerz und Anspruch ist. Dabei überzeugt der noch herrlich unverbrauchte Karim Daoud Anay auf ganzer Linie. Er widersteht der Versuchung, Yusuf als lauten Revoluzzer darzustellen. Stattdessen spielt er ihn als einen Mann der leisen Töne. Seine stärksten Momente hat er in der Stille – wenn er den britischen Offizieren (z.B. Jeremy Irons oder Robert Aramayo) gegenübersteht und allein durch seinen Blick den Stolz und die Verletzlichkeit symbolisch für eine ganzen Generation transportiert.

Douglas Kelley © public domain

Filmfigur des Monats: 
Dr. Douglas M. Kelley

  • Geboren 1912 in Truckee, Kalifornien; verstorben 1958 in Berkeley
  • Beruf: Psychiater
  • Ausbildung: University of California, Columbia University
  • 1940–42: Leiter an Francisco City and County Psychopathic Hospital
  • 1942: als Armeepsychiater eingezogen
  • Ab 1946: Lehr- und Forschungstätigkeiten u.a. Professor für Psychiatrie und Kriminologie an der University of California & psychia­trischer Gerichtsgutachter in Mordprozessen
  • 1958: Suizid durch Zyankalikapsel, wie sein »Patient« Göring 12 Jahre zuvor.
Hier entnehmen Sie die tagesaktuellen Programme der Lichtspielhäuser in unserer Region:
Thalia  |  Liliom  |  Cinemaxx Augsburg  |  Cinestar Augsburg  |  Cineplex in Aichach  |  Cineplex Königsbrunn  |  Cineplex Meitingen  |  Filmcenter Dillingen

 

Kinoevents im Mai

SA 02.05. CINEMAXX Tschaikowskis »Eugen Onegin« live aus der Metropolitan Opera New York 
SO 10.05. PROGRAMMKINOS AUGSBURG Filmtage Israel und Region »Ein Sommer in Haifa«
DI 12.05. PROGRAMMKINOS AUGSBURG Filmtage Israel und Region »Cupcakes«
DO 14.05. PROGRAMMKINOS AUGSBURG Filmtage Israel und Region »Alles für meinen Vater«
SO 17.05. PROGRAMMKINOS AUGSBURG Filmtage Israel und Region »Null Motivation«
DI 19.05. PROGRAMMKINOS AUGSBURG Filmtage Israel und Region »Captain Abu Raed«
DO 21.05. PROGRAMMKINOS AUGSBURG Filmtage Israel und Region »Foxtrott«
So 24.05. PROGRAMMKINOS AUGSBURG Filmtage Israel und Region »Geh und lebe«
SA 30.05. CINEMAXX Gabriela Lena Franks »El último sueño de Frida y Diego« live aus der Metropolitan Opera New York 

 

Kinostarts im Mai

DO 07.05. CINEMAXX, CINESTAR Mortal Kombat 2 | CINEMAXX Whistle | PROGRAMMKINOS AUGSBURG Der verlorene Mann
DO 14.05. ALLE KINOS Ein Münchner im Himmel | Meine Freundin Conni – Abenteuer mit Kranich Klaus | Glennkill: Ein Schafskrimi 
DO 21.05. CINEMAXX, CINEPLEX, PROGRAMMKINOS AUGSBURG STAR WARS: Mandalorian and Grogu | CINEMAXX, CINESTAR In the Grey | Die Legende des Wüstenkindes | CINEMAXX Passanger | PROGRAMMKINOS AUGSBURG Vivaldi und ich | Mother Mary  
DO 28.05. CINEMAXX Verflucht nochmal | Finding Emily | Solo Mio | PROGRAMMKINOS AUGSBURG Ticket ins Leben 

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