Rendite, Kultur, Glück
Welche Bedeutung hat die Umwegrentabilität im Kontext Kultur für unsere Region? Diese Frage ist Basis für das Ankerthema der a3kultur-Redaktion für diesen Herbst.
In diesem Zusammenhang sind uns auch die Positionen externer Expertinnen und Experten zum Thema wichtig. Wir stellten allen dieselben vier Fragen. Hier schon einmal die Antworten von Florian Freund, dem Oberbürgermeister von Augsburg, Jens Walter, Regionalgeschäftsführer der IHK Schwaben und Ekkehard Schmölz, Leiter von Augsburg Marketing.
»Kulturelle Infrastuktur ist ein Standortfaktor«
a3kultur: Verstehen Sie Kultur als wirtschaftlichen Motor für unsere Region?
Florian Freund: Ja. Das hat aus meiner Sicht mindestens 2 Dimensionen: Erstens: Kulturelle Infrastruktur ist ein Standortfaktor, wenn es um Investitionsentscheidungen von Unternehmen geht. So wie eine gute medizinische Infrastruktur, Sport- und Verkehrsinfrastruktur im Wettbewerb um Fachkräfte und Unternehmen eine wichtige Rolle spielen, tut das auch die kulturelle Infrastruktur. Das erzeugt keine Arbeitsplätze aber trägt dazu bei, dass Ansiedlungen entstehen. Zweitens: Besucher von kulturellen Veranstaltungen geben nicht nur Geld für die Eintrittskarten aus. Mit einem Konzertbesuch gehen in der Regel noch Konsumausgaben einher (wie z.B. Restaurantbesuche). Auch das sorgt für wirtschaftliche Entwicklung. Dazu kommt, dass Städtetourismus und Kurztrips zunehmend an Bedeutung gewinnen. Auch hier sind kulturelle Angebote ganz wesentliche Triggerpunkte für die Entscheidung für Reiseziele mit allen positiven Wirkungen auf Hotellerie und Einzelhandel.
Auf welchem Niveau sehen Sie hier die Umwegrentabilität von Kultur?
Hierzu habe ich keine anderen Erkenntnisse als die wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die allgemein zugänglich sind. Einige Städte haben hier eigene Erhebungen vorliegen, die man für Augsburg sicherlich heranziehen kann. Im Endeffekt ist es aber nicht entscheidend, ob der »Kultur-Multiplikator«, das heißt, die Wirkung die ein für Kultur ausgegebener Euro gesamtwirtschaftlich hat, bei 1,2 oder bei 1,5 liegt. Wichtig ist, dass alle Studien diesen Multiplikatoreffekt belegen.
Könnte eine Studie zum Thema, etwa nach dem Vorbild von Potsdam, die kulturelle Entwicklung in Ihrem Verantwortungsbereich positiv beeinflussen?
Ich glaube eine wirtschaftliche Betrachtung kann zur politischen Akzeptanz von Investitionen in Kultur beitragen. Es ist aber wichtig, Kultur nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten und zu bewerten. Kultur ist immer mehr als wirtschaftliche Verwertbarkeit. Kultur muss immer auch (zu einem gewissen Anteil) Selbstzweck sein, der ein tiefes menschliches Bedürfnis befriedigt.
Sollte man Kulturförderung nicht verstärkt als Investition in die Gesellschaft mit besonders guten Renditeerwartungen verstehen?
Wie gesagt, das unterstützt bei politischen Entscheidungen für Investitionen in Kultur, sollte aber niemals alleiniger Maßstab sein. Aber man muss es mitdenken. Wenn wir als Politik zu entscheiden haben, ob wir in ein neues Gewerbegebiet »investieren« oder in eine kulturelle Einrichtung, dann kann für das Gewerbegebiet in der Regel relativ gut prognostiziert werden, wie viele Arbeitsplätze entstehen und welche Steuereinnahmen daraus entstehen. Bei Investitionen
in Kultur ist das nicht ganz so einfach, aber man muss es meiner Meinung nach mitdenken, um faire aber auch im Hinblick auf die »kommunale Rendite« gute Entscheidungen zu treffen.
»Kultur erzeugt wirtschaftliche Attraktivität«
a3kultur: Verstehen Sie Kultur als wirtschaftlichen Motor für unsere Region?
Jens Walter: Ja, Kultur ist aus Sicht der regionalen Wirtschaft ein relevanter Wirtschafts- und Standortfaktor. Dabei geht es nicht nur um die Kulturschaffenden selbst, sondern auch um die wirtschaftlichen Impulse, die kulturelle Einrichtungen und Veranstaltungen privatwirtschaftlicher oder öffentlicher Träger auslösen.
Um es mit einem Beispiel besser greifbar zu machen: In einem vom heutigen Zukunftsregion Augsburg e.V. beauftragten Prognos-Gutachten haben Wissenschaftler im Jahr 2016 am Beispiel des Staatstheaters Augsburg aufgezeigt, wie die regionale Wirtschaft von den geplanten Investitionen profitiert: Neben den direkten Arbeitsplätzen und der Wertschöpfung des Theaterneubaus selbst entstehen wirtschaftliche Effekte durch Aufträge an Unternehmen, Dienstleistungen, Konsumausgaben der Beschäftigten sowie durch die Ausgaben von Besucherinnen und Besuchern in Gastronomie, Hotellerie, Einzelhandel und weiteren Branchen. Darüber hinaus ist Kultur ein wichtiger Bestandteil der Standortqualität. Für Unternehmen wird die Gewinnung und Bindung von hochqualifizierten Fachkräften zunehmend davon beeinflusst, wie attraktiv eine Region als Lebens- und Arbeitsort wahrgenommen wird. Ein vielfältiges kulturelles Angebot gerade in unmittelbarer Nachbarschaft zu München kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten.
Auf welchem Niveau sehen Sie hier die Umwegrentabilität von Kultur?
Auch wenn die Umwegrentabilität von Kultur grundsätzlich eine erste und plausible Annahme darstellt, sollte man sich bei der Bewertung nicht auf eine einzige Kennzahl reduzieren. Sie lässt sich nicht mit der Rendite einer klassischen Investition beispielsweise in eine Produktionsanlage vergleichen.
So hat die Prognos-Studie seinerzeit gezeigt, dass durch das Theater erhebliche wirtschaftliche Folgeeffekte für den Wirtschaftsraum Augsburg entstehen können. Einschließlich der Besucherströme wurden ein jährlicher Wertschöpfungseffekt von etwa 38 Millionen Euro ermittelt. Gleichzeitig hat die Studie deutlich gemacht, dass solche Berechnungen stets auf Annahmen beruhen, die sich über die Zeit teilweise stark verändern.
Aus Sicht der IHK ist deshalb weniger die Frage nach einer exakten Rendite entscheidend als die Erkenntnis, dass Kultur nachweislich wirtschaftliche Aktivität erzeugt und verschiedene Branchen unterstützt. Hinzu kommen langfristige Effekte auf Standortattraktivität, Innenstadtentwicklung, Tourismus und Fachkräftesicherung, die wirtschaftlich relevant sind, sich aber nur begrenzt monetär beziffern lassen.
Könnte eine Studie zum Thema, etwa nach dem Vorbild von Potsdam, die kulturelle Entwicklung in Ihrem Verantwortungsbereich positiv beeinflussen?
In der Tat kann eine aktuelle und wissenschaftlich fundierte Untersuchung dazu beitragen, die oftmals emotionale Diskussion anhand der empirisch erhobenen Fakten zu versachlichen und die Wirkzusammenhängen der regionalen Kultur- und Kreativwirtschaft transparenter zu machen.
Gerade bei größeren Kulturinvestitionen oder kulturpolitischen Entscheidungen ist es hilfreich, belastbare Daten über wirtschaftliche, gesellschaftliche und standortbezogene Effekte zu haben. Die Prognos-Studie für Augsburg hat seinerzeit genau diesen Beitrag geleistet, indem sie unterschiedliche Wirkungsebenen systematisch dargestellt hat.
Solche Analysen ersetzen allerdings keine politischen Entscheidungen, sie können aber eine wichtige Grundlage für eine faktenbasierte Debatte sein.
Sollte man Kulturförderung nicht verstärkt als Investition in die Gesellschaft mit besonders guten Renditeerwartungen verstehen?
Eine nachhaltige, strategisch kluge und politisch flankierte Kulturförderung kann mit ihren vielfältigen positiven Auswirkungen und Impulsen auf mehreren Ebenen durchaus als Investition verstanden werden. Allerdings würde ich den Begriff der Rendite bewusst breiter fassen als eine rein finanzielle Betrachtung. Kulturelle Angebote schaffen gesellschaftlichen Mehrwert, tragen zur Lebensqualität bei und stärken die Attraktivität eines Standorts. Aus wirtschaftlicher Sicht können sie zudem positive Effekte auf Tourismus, Einzelhandel, Gastronomie, Beschäftigung und die Gewinnung von Fachkräften entfalten. Gleichzeitig sollte man öffentliche Kulturförderung weder ausschließlich als Kostenfaktor noch als Projekt mit einer exakt berechenbaren finanziellen Rendite betrachten. Die tatsächlichen Wirkungen liegen häufig in einer Kombination aus wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und standortbezogenen Effekten.
Aus Sicht der IHK Schwaben ist daher ein ausgewogener Ansatz sinnvoll: Kulturinvestitionen können wichtige Beiträge zur Entwicklung eines Wirtschaftsraums leisten, müssen aber ebenso wie andere öffentliche Investitionen wirtschaftlich, transparent und verantwortungsvoll umgesetzt werden. Kultur ist für den Wirtschaftsraum Augsburg daher nicht nur ein gesellschaftlicher Wert, sondern auch ein Wirtschafts- und Standortfaktor. Ihre Wirkung zeigt sich in Wertschöpfung, Beschäftigung, Tourismus und Fachkräfteattraktivität, auch wenn sich nicht alle Effekte in Euro und Cent beziffern lassen.
Kultur schafft Begegnung, Teilhabe und Identifikation mit einer Stadt.
Verstehen Sie Kultur als wirtschaftlichen Motor für unsere Region?
Ekkehard Schmölz: Absolut. Kultur schafft nicht nur Lebensqualität und Identität, sondern auch ganz konkrete wirtschaftliche Impulse. Veranstaltungen bringen Menschen in die Stadt, sorgen für Frequenz und stärken Gastronomie, Handel, Hotellerie und weitere Dienstleistungen. Gerade große, niedrigschwellige Formate wie die Augsburger Sommernächte zeigen, wie eng kulturelles Erlebnis, gesellschaftliche Begegnung und wirtschaftliche Belebung einer Innenstadt miteinander verbunden sind.
Auf welchem Niveau sehen Sie hier die Umwegrentabilität von Kultur?
Eine pauschale Zahl halte ich für schwierig, weil die Effekte je nach Format sehr unterschiedlich sind. Studien, die von etwa 1,60 Euro bis über 3,50 Euro zusätzlichem Umsatz je investiertem Euro ausgehen, zeigen aber die Größenordnung. Entscheidend ist: Die Wirkung endet nicht beim Veranstalter. Besucherinnen und Besucher essen, trinken, kaufen ein, übernachten oder kommen später wieder. Hinzu kommen langfristige Effekte für Image, Standortattraktivität und Aufenthaltsqualität, die sich nur schwer in Euro messen lassen.
Könnte eine Studie zum Thema – wie das Beispiel Potsdam – die kulturelle Entwicklung in Ihrem Verantwortungsbereich positiv beeinflussen?
Ja, eine solche Untersuchung wäre sehr wertvoll. Gerade bei Veranstaltungen kennen wir Besucherzahlen und Kosten meist sehr genau, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgeeffekte dagegen deutlich weniger. Eine fundierte Studie könnte sichtbar machen, welchen Beitrag Kultur und Veranstaltungen tatsächlich für Innenstadt, Tourismus, Handel und Gastronomie leisten – und damit eine bessere Grundlage für zukünftige Entscheidungen schaffen.
Sollte man Kulturförderung verstärkt als Investition in die Gesellschaft mit besonders guten Renditeerwartungen verstehen?
Unbedingt als Investition – allerdings nicht nur mit einer finanziellen Rendite. Kultur schafft Begegnung, Teilhabe und Identifikation mit einer Stadt. Sie bringt unterschiedliche Menschen zusammen und macht öffentlichen Raum lebendig. Wenn daraus gleichzeitig zusätzliche Umsätze, eine stärkere Innenstadt und ein attraktiverer Standort entstehen, ist die Rendite gleich mehrfach vorhanden: wirtschaftlich, gesellschaftlich und stadtentwicklungspolitisch.
Das könnte Sie auch interessieren
Sport verbindet
Wir müssen über Israel und Palästina sprechen!
Im Rahmen des hohen Friedensfestes Augsburg und der derzeitigen Sonderausstellung »Frieden« im jüdischen Museum Augsburg waren Shai Hoffmann, ein deutscher Jude mit israelischen Wurzeln, und Jouanna Hassoun, eine Deutsch-Palästinenserin, an diesem Abend zu Gast.