Ich werde keine Inhalte bestimmen

a3kultur-Redaktion

Seit gut drei Wochen ist Thomas Weitzel Kulturreferent in Augsburg. Zwei volle Legislaturperioden arbeitete er als Leiter des Kulturamts seinen beiden Vorgängern zu. Im Gegensatz zu ihnen gelangte der parteilose Kulturmanager aber nicht via Parteienproporz oder Postengeschacher ins Amt. Vielmehr verfügt er über eine Credibility, die nur die wenigsten Augsburger Referenten der letzten Jahre vorweisen konnten. Nach einem Blick auf ihre eigenen Listen einigten sich die Verhandlungsführer der neuen Rathauskoalition auf Weitzel. Abgesichert wurde diese entscheidung durch zahlreiche Hintergrundgespräche mit Vertretern aus den verschiedenen kulturellen Szenen. Auch hier galt der ehemalige Stadttheater-Dramaturg vielen als optimale Besetzung und einzige Personalie mit Aussicht auf breite Akzeptanz auch ohne Ausschreibung. Thomas Weitzel ist in gleichem Maße erfahrener Verwaltungsfachmann und Programmmacher. In den letzten zehn Jahren startete in Augsburg kaum ein Kulturprojekt, das nicht in irgendeiner Form über seinen Schreibtisch im Kulturamt wanderte. Von seinem Hinterhofbüro in der Bahnhofstraße zog Weitzel am 2. Mai in das Verwaltungsgebäude am Rathausplatz. Die Wände seiner neuen Wirkungsstätte sind noch leer, sein Terminkalender ist dafür zum Bersten voll. Bis zum 2. Juni erwartet die städtische Verwaltung von ihm eine detaillierte Mittelsammlung für das kommende Jahr. Darin sollen sämtliche Posten und Kosten für Projekte, Personal und zu schaffende Infrastruktur verzeichnet sein, um das erste Jahr im neuen Amt zu stemmen. Themen, die in dieser Liste keine Beachtung finden, haben im kommenden Jahr keinen Etat.

Hallo Herr Weitzel, schön, dass Sie trotz all dem Stress der ersten Tage im neuen Amt Zeit für ein Gespräch mit a3kultur finden. Wer organisiert eigentlich das Deutsche Mozartfest, während Sie uns hier für das Interview zur Verfügung stehen?

Thomas Weitzel: Stimmt, eigentlich habe ich gar keine Zeit, mit Ihnen zu sprechen, aber für tausend andere wichtige Dinge auch nicht. Bis zum 2. Juni müssen wir nämlich die Mittelsammlung für die Kollegen von der Stadtkämmerei fertig haben. Diese Zusammenstellung beinhaltet sämtliche Ausgaben, die das Kulturreferat 2015 zu bestreiten hat. Da darf kein Punkt fehlen. Das ist eine Vorgabe, die kaum zu schaffen ist. In dieser Phase haben meine Aufgaben als Leiter des Mozartfestes natürlich nicht die Priorität wie in den letzten Jahren. Zum Glück kann ich mich aber voll auf unser eingespieltes Team im Kulturamt mit Barbara Friedrichs, Elke Seidel und den anderen Kolleginnen verlassen. Die halten das Boot ganz gut auf Kurs.

Um im Bild zu bleiben: Sie haben ja erst vor Kurzem Ihre Amtsleitstelle verlassen, um die Kulturflotte der Stadt als Referent zu steuern. Wie reagierten denn die Kulturmacher auf Ihre Wahl?

Zuerst einmal mit Glückwünschen und Zuspruch. Das hat mich natürlich gefreut. Ich hoffe nun, den Erwartungen die in das Amt gesetzt werden, gerecht zu werden.

Wie beurteilen Sie die ersten Einzelgespräche mit den Vertretern der Szenen?

Natürlich bringt jedes Treffen neue Ideen an den Tag. Das ist legitim und richtig. Wir müssen im ersten Schritt aber vernünftig sondieren, wir dürfen uns nicht von Einzelanliegen treiben lassen und Tagesentscheidungen fällen, die wir später bereuen, weil wir feststellen, dass zur Entscheidungsfindung mehr ins Boot gehört hätten. Dieses Prozedere ist wichtig, um im letzten Schritt die Steuergelder richtig einzusetzen. Dabei ist es natürlich von Vorteil, dass man sich kennt. In den Gesprächen kommt man schnell auf den Punkt und redet über Inhalte. Das ist in meinen Augen kein schlechter Start.

»Politik hat nicht die Aufgabe, Kultur zu planen.« Wie kommentieren Sie dieses Zitat der Kulturstaatsministerin Monika Grütters?

Ich werde nicht über Inhalte bestimmen, sondern den Bedarf der Bürger und ihre Wünsche ermitteln. Wenn dies abgeschlossen ist, werden wir die gewonnenen Informationen als Basis dafür hernehmen, die gesamte kulturelle Infrastruktur und das Programm von der Sub- bis zur Hochkultur abzugleichen. Erst wenn wir diese Übersicht haben, können die daraus resultierenden Maßnahmen eingeleitet werden. Dieser Prozess läuft bereits in vergleichbaren Städten wie Kassel, Karlsruhe oder Freiburg unter dem Label Kulturentwicklungsplan oder -konzept und dauert in der Regel ein bis zwei Jahre.

Von diesen Städten können wir lernen. Wie werden die Kreativen in den Dialog einbezogen? Momentan fehlt für so einen Prozess auf Augenhöhe in Augsburg ja jede Erfahrung.

Das stimmt, dieses Know-how müssen wir uns erarbeiten. Das braucht seine Zeit. Allerdings beginnen wir nicht absolut bei null. Wir konnten bereits vor Monaten zwei Pilotprojekte an den Start bringen. Der Berliner Bastian Lange bereitet im Auftrag der Stadt gerade die Zukunftswerkstatt Gaswerk vor. Dabei geht es um ein moderiertes Verfahren, das ergebnisoffen alle Aspekte, Wünsche und Interessen rund um das Projekt zusammenbringt und alle Lager aktiv miteinbeziehen wird. Schließlich hat nicht immer der recht, der am lautesten schreit. Wir gleisen dann anhand dieser Ergebnisse auf.

Dreht sich das zweite Fallbeispiel um Mozart?

Exakt. Seit dem letzten Jahr führt die Münchner Beratungsgesellschaft Actori im Auftrag der Stadtsparkassenstiftung Interviews mit den Mozartprotagonisten der Stadt. Ziel ist es, zukünftig in dieses komplexe Thema einen stärkeren gemeinsamen Zug zu bringen.

Angestoßen wurde diese Initiative von Agnes Maria Schilling vom Leopold-Mozart-Kuratorium und einigen anderen Mozartmachern, unter anderem auch von Ihnen. Warum haben Sie sich in der Doppelfunktion als Präsident der DMG und als Leiter des Kulturamts für diesen Weg entschieden?

Ein professioneller Blick von außen auf die Augsburger Mozartszene macht aus verschiedenen Gründen Sinn. Bei den Mitarbeitern von Actori handelt es sich um ausgewiesene Fachleute, die nicht zum ersten Mal runde Tische organisieren und die angewandten Moderationsverfahren aus dem Effeff beherrschen. Als Geisteswissenschaftler gelten sie als die McKinseys der Kultur, verfügen über viel Erfahrung und genießen in der Branche einen hervorragenden Ruf. Ich hoffe, dass wir im Sommer erste Ergebnisse vorliegen haben.

Auch bei der anstehenden Generalsanierung des Stadttheaters lässt eine breit angelegte Diskussion um die Frage, welches Haus die Bürger wünschen, auf sich warten.

Diese Diskussion muss natürlich geführt werden, allerdings parallel zu den laufenden Umbauplanungen. Man sollte in diesem Kontext auch etwas Vertrauen zu den Stellen haben, die mit den rein technischen Umsetzungen des Projekts beschäftigt sind. Theater werden heute anders gebaut als noch vor zwanzig Jahren. Wie unser Haus in Zukunft inhaltlich aufgestellt sein wird, steht auf einem anderen Blatt und muss laufend diskutiert und durchdacht werden. Ich glaube, das jetzige Führungsteam um Juliane Votteler hat mit ihrer Politik der Öffnung einen recht guten Weg eingeschlagen.

Hier stand am Anfang des Prozesses ebenfalls ein unabhängig moderierter runder Tisch. Auch im Bereich Stadtmarketing könnte eine solche Mediation nicht schaden. Kulturreferat, Tourismus und das Stadtmarketing innerhalb der Verwaltung gehen weitgehend ihre eigenen Wege.

In der Tat besteht hier Handlungsbedarf. Bisher gibt es de facto keine gemeinsame Arbeitsplattform, die eine gemeinsame Stoßrichtung festlegt. Uns fehlt quasi eine ständige Konferenz. Bei der Projektförderung wird von vielen Kulturmachern neben einer generellen Erhöhung der Etats vor allem eine Kanalisierung unter transparenten Bedingungen angemahnt. Wie werden Sie hier agieren? Den »ku.spo«-Topf zum Beispiel wird es nicht mehr geben. Die Vergabepraxis war nicht transparent. Es gab keine angelegten Förderkriterien. Das möchte ich aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter kommentieren. Soweit Kultureinrichtungen und -projekte davon begünstigt waren, werden diese nach positiver Prüfung anhand der Kulturamtskriterien eben auch über dieses Amt weiter gefördert.

Wie verhält es sich mit der Projektförderung über das beim OB-Referat angesiedelte Stadtmarketing?

Auch hier fehlen klare und transparente Förderkriterien. Doppelförderung ist ein Thema für die Referentenrunde. Ich sehe einen gewissen Handlungsbedarf und habe das Thema auf der Agenda.

Wie werden Sie die Interessen der Kultur- und Kreativschaffenden im Rathaus vertreten?

Als Referent ist es meine Aufgabe, für die Interessen der Kultur zu kämpfen. Dazu gehört der konstruktive Dialog mit der Stadtkämmerin Eva Weber und dem Oberbürgermeister. Erste Gespräche werden zeitnah starten. Hier werde ich mich auch für die Korrektur des Kulturetats nach oben einsetzen, wohl wissend, dass im Koalitionsplan die Schulsanierung oberste Priorität hat. Die Spielräume sind eng. Da heißt es, nur keinen Kredit verspielen, sondern schon beim ersten Aufschlag mit einer dezidierten und gut strukturierten Vorgehensweise für die Kultur punkten. Ohne Gesamtplan fallen wir wieder in das Gießkannenprinzip zurück, das in Augsburg schon zu lange gehandhabt wurde. Das bringt uns nicht weiter.

a3kultur wünscht Ihnen für Ihre Amtszeit viel Erfolg.