Noch schnell eine Kreuzfahrt?
Eine der wichtigsten Fragen unserer gegenwärtigen Zeit: Wie schaffen wir den nachhaltigen Umbau unserer Zivilisation (unter Einhaltung von Freiheit, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit) und damit auch die Umstellung auf eine erfolgreiche Wirtschaftsform, die auf ein anderes Verhältnis zur Natur setzt?
Die Diskussion dieses absolut notwendigen Prozesses wird sowohl weltweit als auch kommunal immer vom Ende her gedacht. So hat der neu eingesetzte Klimabeirat der Stadt errechnet, dass Augsburg ab dem 1. Januar 2021 nur noch ein Restbudget von 9,7 Millionen Tonnen zustehen, um das Klimaschutzziel der EU (55 % Reduktion der CO2-Emissionen bis 2030) umzusetzen und damit eine Erhöhung der Temperatur um 1,5 Grad mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln zu erreichen.
Dabei ist aber klar, dass Augsburg dieses fiktive Ziel niemals aus eigener Kraft einhalten kann. Vielmehr ist die Stadt von Maßnahmen des Landes und des Bundes abhängig und davon, dass weltweit alle ihren Teil beitragen. Das gilt natürlich auch für Kunst und Kultur, die in Augsburg als vierte Säule des Nachhaltigkeitsprozesses in den Zukunftsleitlinien der Stadt etabliert sind. Welchen Beitrag aber können sie in diesem Diskurs liefern? Wie sehen Kunst und Kultur ihre Verantwortung für die nachhaltige Entwicklung? Im Nachhaltigkeitsbericht 2020 der Bundesregierung schreibt Monika Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien): »Auf die kreative Kraft, den Innovationsgeist und den Ideenreichtum der Kultur sollten wir auch setzen, wenn es darum geht, Lösungen für die größte Herausforderung unserer Zeit zu finden: die Transformation unserer gesamten Gesellschaft hin zu einer nachhaltigen Entwicklung.«
Wie steht es um diese kreative Kraft? Inwiefern haben beispielhafte Aktionen relevanter kultureller Akteure Vorbildcharakter für die nötige Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen? Hat die Kunst Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung und eine Mitverantwortung bei der Erreichung der vereinbarten CO2- Reduktionsziele?
Eine Antwort lautet sicherlich: Ja, genauso wie alle gesellschaftliche Kräfte. Viele KünstlerInnen, viele Theaterschaffenden gehen in ihren Werken auch sehr direkt auf die Thematik ein und »erfüllen« die geforderte Aufgabe. Aber genau darin steckt auch ein Problem: Kunst kann nicht auf eine bestimmte Aufgabe reduziert werden. Und sie kann sich vor allem auch nicht dem herrschenden Narrativ beugen, alles vom Ende her zu denken.
Denn was passiert eigentlich, wenn absehbar ist, dass wir 2030 oder 2050 die weltweiten Klimaschutzziele nicht erreichen? Folgt dann das sofortige Ende der Welt? Und sollten wir davor nicht vielleicht doch noch schnell eine Kreuzfahrt machen? Der Druck, der durch diese kulturelle Praxis des Weltuntergangsdenkens erzeugt werden soll, schlägt sich auf der einen Seite in unzähligen politischen Beschlüssen nieder, andererseits provoziert er allzu häufig eine nicht zu unterschätzende Abwehrhaltung. Oder auch beides zugleich.
Das Klimacamp neben dem Augsburger Rathaus (Foto oben © a3kultur) ist hierfür ein gutes Beispiel. Dank ihrer bewundernswerten Ausdauer führen die AktivistInnen in ihrer Beharrlichkeit die Politik vor, melden sich als wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses zu Wort und kritisieren zu Recht das Zeitlassen der Entscheidungsträger. Auf diese Weise konnten die AktivistInnen ein 10-Punkte-Programm der Stadtregierung erreichen. Ihre Aktionen haben also Wirkung gezeigt. Aber eben eine, die genau im gesetzten Rahmen mitspielt: der Beschwörung des bevorstehenden Endes als kulturelle Praxis.
Die Angst als ewige Triebfeder der Menschheit
Das lässt sich auch in der Kunst vielfältig inszenieren. Was aber erzählt das über uns selbst? Was für ein Selbstverständnis wird da sichtbar? Die Angst als ewige Triebfeder der Menschheit, als unauflösbarer mythologisch-religiöser Über- oder Unterbau des menschlichen Seins. Jahrtausendelang eingeübt und immer wieder neu beschworen.
Wird aber nicht gerade eine andere Kultur des Denkens, Fühlens und Handelns benötigt? Eine andere kulturelle Praxis, die nicht beständig Weltuntergangsszenarien beschwört und alles von ihnen ableitet? In den Zukunftsleitlinien der Stadt Augsburg heißt ein (umstrittenes) Ziel für die kulturelle Zukunftsfähigkeit: »Die Freiheit ermöglichen, etwas ohne Ziel zu tun« (K2.5).
Die künstlerische Kraft, die daraus entsteht, die heutzutage zwangsläufig auch immer politisch ist, vermag alles Mögliche und kann natürlich auch destruktiv sein. Sie kann aber auch unsere Gegenwart transzendieren, neue Erzählungen und Utopien entwickeln, welche die gesamte Gesellschaft mit einbeziehen und unsere Zukunftsfähigkeit als Menschen dieser Erde für alle erfahrbar machen: kurz – die künstlerische Vision einer neuen Zeit.
Sebastian Seidel ist Leiter des Sensemble Theaters und für die Ständige Konferenz der Kulturschaffenden Mitglied des Nachhaltigkeitsbeirats der Stadt Augsburg.