Film

Ein neues Amerika

Spätestens seit Donald Trumps Amtszeit als US-Präsident scheint die kollektive Wahrnehmung der USA eine andere zu sein. Vorbei der golden glänzende American Dream. Auch Hollywood, das letzte Bollwerk des schönen Scheins, bleibt von dieser Trendwende nicht verschont. Statt verlogenem Glitzer und Glamour drängen raue Filme über gesellschaftliche Underdogs in den Mainstream der internationalen Filmwelt. Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im Juli.

Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der Bergbaustadt Empire in der Nähe der Black Rock Desert in Nevada, durch den sie selbst alles verloren hat, packt die 60-jährige Fern (Frances McDormand) ihr Hab und Gut in ihren weißen Van und macht sich, ohne eine bestimmte Richtung oder ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben, auf den Weg ins »Nomadland« (1. Juli, Lechflimmern). Sie könnte aufgrund ihrer Qualifikationen jederzeit wieder ein normales Leben führen, doch sie bevorzugt das Leben auf der Straße mit seiner Freiheit, den anderen Menschen und den vielen Bekanntschaften, die man irgendwann wieder trifft. So hangelt sie sich von Job zu Job und besteht dabei stets darauf, dass sie nicht obdachlos, sondern einfach nur hauslos ist.

Chloé Zhao drehte diesen verhältnismäßig »kleinen« Film neben ihrem Mammutprojekt, dem Marvel-Blockbuster »Eternals« mit Angelina Jolie. Im weiteren Gegenteil schlägt »Nomadland« leise, ruhige Töne an, die aber bereits mächtig Resonanz fanden. Bei seiner Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig wurde der Film mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Nebst über 40 weiteren Auszeichnungen kann »Nomadland« nun auch drei Oscars verbuchen, die goldene Statuette durfte in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Beste Hauptdarstellerin in Empfang genommen werden. Letztere verkörpert eine zugleich liebevolle und widerborstige Fern, bei der man lange nicht durchschaut, ob sie eigentlich vor etwas davon- oder zu etwas hinläuft. Dank McDormands Performance gepaart mit einer Vielzahl an Laiendar-steller*innen, den »echten« Nomad*innen, schafft Zhao ein sehr berührendes und dennoch durch und durch authentisches Roadmovie, gerade weil nicht auf die Tränendrüse gedrückt wird.

»Minari – Wo wir Wurzeln schlagen« (15. Juli, Liliom) erzählt die Geschichte von Jacob (Steven Yeun), Monica (Han Ye-ri), ihrer Tochter Anne (Noel Kate Cho) und ihrem Sohn David (Alan S. Kim), die aus Südkorea nach Amerika immigriert sind. Auf der Suche nach einem besseren Leben zieht die Familie Yi von Los Angeles in die wilden Ozarks. Jacob träumt von einer eigenen Farm in Arkansas, wo Grundbesitz günstiger ist. Dort lebt die Familie fortan in dem Wohnwagen, in dem schon der vorherige Besitzer des Landes lebte und an dem Versuch scheiterte, eine Farm zu gründen. Als die Familien an den Strapazen auf dem Land zu zerbrechen droht, kommt Großmutter Soon-ja (Yoon Yeo-jeong) aus Korea zu Hilfe. Die schlagfertige und unkonventionelle Oma knüpft schnell ein Band mit ihrem aufmüpfigen und neugierigen Enkelsohn. Gemeinsam ebnen sie der Familie den Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft.

 

Regisseur und Autor Lee Isaac Chungs stark autobiografisch gefärbter Film ist eine behutsame Auseinandersetzung mit dem Leben südkoreanischer Einwandererfamilien in den USA. Genaue, subtile Beobachtungen machen »Minari« zu einer intimen Parabel über die wahre Bedeutung von Heimat und den modernen American Dream. Zu gleichen Teilen auf Koreanisch und Englisch gewann, gewann »Minari« 2021 den Golden Globe für den besten internationalen Film.

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Filmfigur des Monats
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Chloé Zhao
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Geboren am: 31. März 1982 in Peking

Beruf: Regisseurin, Drehbuchautorin, Editorin, Produzentin

Ausbildung: Studium der Politikwissenschaft in Massachusetts und Filmproduktion an der New Yorker Tisch School of the Arts

Bisherige Filme: Songs My Brothers Taught Me (2015), The Rider (2017), Nomadland (2020)

Oscar: zweite Gewinnerin des Oscars für die beste Regie nach Kathryn Bigelow (2012)

Partner: Joshua James Richards, Autor, Regisseur, Kameramann

Boykott: als Kritikerin des politisch-gesellschaftlichen Systems in China werden ihre Filme und Interviews dort boykottiert

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