Ausstellungen & Kunstprojekte

»Wir« und »die Anderen«

Das tim eröffnete seine Sonderausstellung »Who cares? Solidarität neu entdecken« und begibt sich darin auf die Suche nach der Solidarität.

Nicht erst seit der Coronapandemie, aber verstärkt seitdem wieder fordern zahlreiche Politiker*innen mehr Solidarität: Solidarität mit der älteren Nachbarin, die nicht einkaufen gehen soll, mit den Krankenpfleger*innen, die über ihr Limit hinaus arbeiten müssen, mit den Alten und Kranken, die ein höheres Risiko für einen lebensbedrohlichen Verlauf einer Covid-19 Infektion haben, und letztlich die Forderung an alle, sich impfen zu lassen. Solidarität ist wieder in aller Munde, aber wie definiert man Solidarität? Was unterscheidet dieses Prinzip von anderen Formen von Hilfe, Unterstützung oder Humanität? Welche Formen kann Solidarität annehmen?  

Diesen und mehr Fragen geht die neue Ausstellung »Who cares? Solidarität neu entdecken« im tim (Staatliches Textil-und Industriemuseum Augsburg) nach, die in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg (Prof. Dr. Dietmar Süß) entstanden ist. Sie erkundet das Thema der Solidarität in sechs verschiedenen – regionalen, nationalen wie internationalen – Handlungsfeldern und spannt dabei einen Bogen von der Geschichte in die Gegenwart. Sie fragt nach den Praktiken der Solidarität im Zusammenhang mit der Gewerkschaftsbewegung, mit Gesundheit, Flucht, Konsum, Klima und Kunst.

Aber was versteht man genau unter »Solidarität«? Laut Dr. Karl Borromäus Murr, Museumsdirektor des tim, handelt es sich dabei »nicht um eine Form von Almosen, auch nicht um einen Akt von Barmherzigkeit, sondern um eine Unterstützung auf Augenhöhe – eine Unterstützung, die aufgrund des menschlichen Gleichheitsgrundsatzes dem Schwächeren zu seinem Anrecht verhilft –, selbst wenn der Helfende Nachteile dafür in Kauf nehmen muss. Solidarität hat von daher grundsätzlich mit Gerechtigkeit zu tun.«

Das Prinzip der Solidarität ist scheinbar einfach: Die Stärkeren stehen für die Schwächeren ein. Dass diese Theorie oftmals schwer in die Praxis umzusetzen ist, zeigen unter anderem die einzelnen Stationen der Ausstellung. Die Fabrik­arbeiter*innen in Pakistan, Bangladesch oder Vietnam erfahren kaum Solidarität, wenn sie für wenig Geld und unter katastrophalen Arbeitsbedingungen Kleidung für Billig-Modeketten nähen müssen. Geflüchteten schlug nach einer ersten Welle der Solidarität mehr und mehr Unverständnis, Rassismus, zum Teil blanker Hass entgegen. Prof. Dr. Dietmar Süß betonte beim Presserundgang, dass es bei Solidarität immer auch um die Frage geht: Wem bringen wir Solidarität entgegen, wem helfen wir? Bei der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert ging es vor allem um die eigenen Leute, bei den Geflüchteten um die scheinbar »Fremden« – es geht also bei Solidarität auch immer um die Frage, wer das »Wir« ist und wer »die Anderen«.

»Who cares? Solidarität neu entdecken« ist bis 23. Januar 2022 im tim zu sehen. Für die Ausstellung bietet das tim zahlreiche Führungen für unterschiedliche Zielgruppen an: Gruppenführungen für Erwachsene und Schulklassen, aber auch öffentliche Führungen ab 1. August und an allen folgenden geöffneten Sonn- und Feiertagen. Zudem führt eine speziell entwickelte App durch die Sonderausstellung. Sie lädt zum Mitmachen ein und bietet weiterführende Infos. Die App kann vor Ort im Museum oder über die Website des tim auf das Smartphone geladen werden.

Die Ausstellung ist im Juli und August auch Teil des Friedensfests der Stadt Augsburg. Zahlreiche Veranstaltungen finden im tim statt und ergänzen das umfangreiche Rahmenprogramm mit Vorträgen, Diskussionen, Lesungen und Konzerten. Begleitend sendet beispielsweise die Kunstinstallation »Leuchtenfeld« des Künstlers Markus Heinsdorff am Zaungitter vor der Außenfassade des tim ein Licht gegen das Vergessen des menschlichen Leids an Europas Außengrenzen. Die Arbeit macht eindringlich auf die aktuelle prekäre und menschenverachtende Situation in den Flüchtlingslagern in Griechenland und anderswo aufmerksam. Nach wie vor ertrinken zahlreiche Menschen im Mittelmeer. Die in der Installation verwendeten Schwimmwesten sind dafür ein Symbol. Die Installation fordert eindringlich mehr Solidarität.

www.timbayern.de

Fotos © Frauke Wichmann

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