Klassik

Raus aus dem lähmenden Drama

Gastautor

Die letzte Saisonvorstellung von Wagners »Tristan und Isolde« fand am 31. Juli in der Bayerischen Staatsoper statt.

Der berühmte Akkord, der Tristan – Akkord, fasziniert und begeistert viele Verehrer der Musik von Richard Wagner. Der Akkord, voller Schwermut, Geheimnisse und Tiefe, ist die Quintessenz seines Werkes. In der aktuellen Inszenierung seiner Oper in drei Aufzügen »Tristan und Isolde« an der Bayerischen Staatsoper, zeigt sich jedoch, dass die Epoche von Wagners Sehnsüchten und Dramadenkens, die einst so viel Faszination ausübte - anscheinend - nun vorbei ist. Das Denken der neuen Zeit hat kein Verständnis mehr für jede Art Abhängigkeiten. Der Regisseur der Inszenierung Krzysztof Warlikowski geht in diesem Sinne visionär vor. Er platziert die Handlung in eine stagnierende Kulisse. Kaum Bewegung auf der Bühne, wenn dann roboterhaft und desillusioniert. Alle Anzeichen deuten auf das Aussterben hin, aber immer noch den Schein des Seins bewahrend.

Auf der Bühne beobachten wir einen langatmigen, kräftezerrenden Prozess des Treffens einer Entscheidung. Anja Harteros singt Isolde, Jonas Kaufmann Tristan. Jedoch merkt man, dass es nicht die leichtesten Rollen für das eingespielte Promi-Paar sind. Der Regisseur experimentiert mit Zeit- und Raumgefühl. Nicht nur die Sänger müssen mit dieser Zeitversetzung zurechtkommen, auch die Zuschauer müssen sich in Geduld üben. Der berüchtigte Todestrieb wird bis zum geht nicht mehr ausgespielt, die Sinnlosigkeit des Leidens quellend verdeutlicht.

Doch die bewusste Entscheidung des Regisseurs die Bewegung im Raum und Zeit zu reduzieren, zeugt von seinem Gespür für das kollektive Unbewusste. Nicht mal Anspielungen auf Freuds Theorien waren bemerkenswert, obwohl das alles verschlungene Wasser in der Suizidszene im Hintergrund, die Tiefe der unaufhaltsamen Emotionen sehr schön darstellte. Viel mehr zeigt die Inszenierung die Erlösung im Sinne von C.G. Jung, der sich mit dem Thema des kollektiven Unbewussten gründlich auseinandersetzte. Die Erlösung kann nur in Befreiung erfolgen. Dafür ist der Prozess der Individuation von großer Bedeutung. Die Protagonisten von Wagner haben es nicht geschafft, zu unabhängigen Individuen zu werden. Deshalb haben sie es nicht geschafft, die Erlösung auf Erden zu erleben.

Das kollektive Geschehen der modernen Zeit zeigt deutlich, dass die Helden von Wagner überholt sind, was die Inszenierung herausragend hervorbringt. Der Regisseur zeigt, bewusst oder unbewusst, die richtige Richtung. Raus aus dem lähmenden Drama, hin zur Freiheit, wie die Möwen auf dem Bildschirm hinter den Protagonisten. Sie gleiten über dem Meer und kennen keine Hindernisse, um miteinander fliegen zu können.

Der weitere Held des Abends, der Dirigent Kirill Petrenko, hält diesen Freigeist aufrecht. Die berauschende Kost von Wagner macht er zu einem transzendentalen Erlebnis, wie es kaum jemand anders vermag. Mit Schwung fordert er auf, sich in die Leichtigkeit zu begeben.
Die nächsten Vorstellungen des Stück sind im Jahr 2022 zu erwarten. Ob die Welt sich währenddessen neu ordnet, wird sich zeigen. Bis dahin ist der letzte Akkord bereits Geschichte. Auch für Kirill Petrenko wird es einer der letzten Akkorde in München sein, da er nun offiziell als künstlerischer Leiter zu den Berliner Philharmoniker wechselt.
www.staatsoper.de

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