Missing Stories. Zwangsarbeit unter Nazibesatzung. Eine künstlerische Annäherung
Elf Kunstschaffende aus Deutschland, Serbien, Albanien und Montenegro nähern sich im H2 künstlerisch einem dunklen Kapitel der europäischen Geschichte an: Zwangsarbeit im Dritten Reich.
Bei »Missing Stories« handelt es sich um ein Projekt des Goethe-Instituts Serbien und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) mit Sitz in Berlin. Fast die Spuren ihrer Protagonisten nachzeichnend migriert die Wanderausstellung durch Europa. Ihren Beginn nahm sie 2020 in Belgrad, von dort aus führte ihr Weg sie über Novi Sad, Podgorica und Tirana nun nach Augsburg. Letzte Station wird 2022 Berlin sein.
Die teilnehmenden Künstler*innen sind Donika Çina (Tirana, Albanien), Remijon Pronja (ebenfalls Albanien), Dragan Vojvodić (Novi Sad, Serbien), Ivan Salatić (Montenegro), Lenka Đorojević (Nikšić, Montenegro), Milorad Mladenović und diStruktura (beide Belgrad, Serbien) sowie Aleksandar Zograf (Pančevo, Serbien); Deutschland ist mit Beiträgen des Hamburgers Burkhard Schittny und von Christian Hörl aus Ruderatshofen im Allgäu vertreten.
Inhaltlich geht es um die Schicksale von Menschen, deren Namen niemand mehr kennt und die in keinem Geschichtsbuch auftauchen, wo allzu oft nur die Täter des Dritten Reichs als Personen mit einer Biografie beleuchtet werden, sowie, oft als weitgehend namens- und gesichtslose Masse, die Opfer an den Fronten des Krieges und in den von den Nazis errichteten Lagern. »Missing Stories« schickt sich an, den Blick umzulenken, in Mikrokosmen in den besetzten Gebieten, den Provinzen des Balkans und letztlich auch in der deutschen Provinz jener Tage.
Christian Hörls Beitrag zum Beispiel nimmt sich eines dieser unzähligen Namenlosen an und gibt ihm ein Gesicht. Die Idee dazu basiert auf dem Treffen mit einem Enkel eines dieser Zwangsarbeiter, Selman Trtovac aus Serbien.
Die 74 zu einem Polyptychon montierten Kupferplatten mit per Siebdruck aufgedruckten Schwarzweißfotos zeigen Momente aus dem Leben dieses Großvaters und Stationen seines Weges, der ihn von Belgrad über das KZ Dachau in das im Allgäu gelegene Gestratz führte. Am Anfang und am Ende dieser Reise steht Erschütterndes: Gewalt, Leid und auch ungesühnte Schuld (auf beiden Seiten!). Eine absolute Tontrennung zwischen Schwarz und Weiß findet weder im Kunstwerk noch in dieser Biografie statt.
Donika Çina aus Tirana untersucht in ihren Multichannel-Videoinstallationen »A-Side« und »B-Side« ihre Familienzweige mütterlicher- und väterlicherseits, natürlich auch unter dem Eindruck der deutschen Besatzung in Albanien.
Beim Serben Aleksandar Zograf alias Saša Rakezić ist der Begriff »Storytelling« nicht weniger als wörtlich zu nehmen. Sein Medium ist der Comic bzw. die Graphic Novel. Der Terror des Naziregimes ist hier nicht nur zu erahnen, sondern wird – uncodiert und kaum verfremdet – in klarer Bildersprache am Beispiel des jüdischen Literaten Miklós Radnóti aus Ungarn im serbischen KZ Bor nacherzählt.
Einen sehr viel sinnlicheren, aber deshalb nicht beruhigenderen Weg schlägt das Duo diStruktura, ebenfalls aus Serbien, ein: Seine Installation »168 Breaths« zeigt zunächst abstrakte Muster – Frottagen mit Stift auf Papier. Dazu können die Besucher*innen via Smartphone Atemgeräusche hören. Die Bedeutung dieser Kombination erschließt sich vor dem Hintergrund, dass es sich bei den Frottagen um Durchriebe der Struktur jeder einzelnen der 168 Treppenstufen der sogenannten »Todesstiege« im österreichischen KZ Mauthausen handelt und bei den Atemgeräuschen um diejenigen von diStruktura-Mitglied Milan Bosnić, der den Weg der damals dort Internierten nachgegangen ist.
Zehn künstlerische Herangehensweisen, zehn Statements gegen das Vergessen und zehn Versuche, das Leid Einzelner für die Nachgeborenen über ästhetische Mittel erfahrbar zu machen.
Die Ausstellung ist vom 14. November 2021 bis 9. Januar 2022 im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast zu sehen. Dort ist auch ein Verkaufsstand mit Materialien zu den Ausstellungen eingerichtet. Die Vernissage zu »Missing Stories« findet am Sonntag, 14. November um 11 Uhr statt, im Beisein einiger der ausstellenden Künstler*innen.
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